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Der Israelit · 1902-06-09 · Heft 46-47 (9.6.1902) · page 28

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 46-47 (9.6.1902)
Date
1902-06-09
Page
– (sequence 28)
Language
German
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»Die lieb von Dir, Karl! Doch laß nur, an die Einsamkeit muß ich mich jetzt doch gewöhnen, habe ja keine Menschenseele mehr auf dieser Welt, die meiner gedenkt/ »Anne-Marie! — ihr trauernder Ton schnitt ihm in'S Herz — »red' doch nicht so. Du hast ja Fritz — und — und dann — ich bin doch auch noch da." . »O Du, Du wirst mich bald vergessen haben da draußen." »Nein, nein, Anne-Marie, ich werde Dich nie vergessen! Glaub mir^S doch, sage doch, daß Du eS mir glaubst!" Aber Anne-Mrie sagte gar nichts, nur waren ihre Wangen weniger blaß, und in ihren Augen lag ein Mer Glanz. Er ergriff ihre Hand. ./ »Anne-Marie, wirst Du auch manchmal an mich denken?" ,... »Immer, Karl!" ' Gegen ihren Willen fast ist ihr das Wort entschlüpft. - . »Anne-Marie!" er schreit eS auf, Verzweiflung und Jubel in einem Tone, »Anne-Marie!" Sie liegt in seinen Armen, wie ein Schluchzen ringt eS sich von seinen Lippen: »auch Du, auch Du!" Und dann ist alles, alles vergessen, Zeit und Ort. Er. spricht ihr von seiner Liebe, und sie lauscht selig seinen Worten, und sagt ihm, wie sie ihn lange, lange schon geliebt, als halbes Kind noch, und wie traurig sie gewesen, weil er sie nie beachtet, wie glücklich sie jetzt sei, da er sie ja doch liebt! Da packt es ihn plötzlich wie wilde Verznreiflung, er greift sich nach der Stirne. »Karl, Karl, was ist Dir?" ruft sie erschreckt. »Anne-Marie, eS kann ja nicht fein, es darf ja nicht sein, daß wir unS lieben!" Sie versteht ihn nicht. »Hast Du vergessen, daß ich Jude, daß Du Christin List!?* :V /X-. »WsS thut das, Karl, wir lieben uns doch." »Und meine Eltern!" Anne-Marie, hätte Deine Mutter je ihren Segen dazu gegeben?" . Sie schweigt.; .< .-// »Anne-Marie, verzeihe mir," er stürzt zu ihren Fußen hin, »ich hatte Dich nicht mehr sehen sollen, ich hätte Dir nicht sagen dürfen, daß ich Dich liebe.- Du hättest es nie geahnt und wärest glücklicher geworden!" . Sein Haupt liegt in ihrem Schoß. Sie streicht ihm über die Haare. ' / , . »Können wir nicht warten, Karl?" Sie sagt nichts weiter, er hat sie doch verstanden. »Nein, Anne-Marie, nein, auch dann wird es nicht gehen! Fühlst Du denn nicht, daß etwas zwischen uns steht, das wir nicht aus dem Weg räumen konnten, und wenn wir es wollten! Siehst Du nicht die Scheidewand ausgerichtet zwischen mir und Dir? Und sie wäre immer da, sie könnte nie schwinden — die ■ lange Kette der Vorfahren, die Liebe zu allem, was mit dem Vaterhaus verknüpft ist — es kann nicht sein — o Gott!" — — — — — -r — — — — — — — Sie waren auseinander gegangen. Wie, hätte er selbst nicht sagen können, — sie hatten sich nie wiedergeseheu. Und er, er war ein anderer geworden, Jugend und Frohsinn waren dahin. Er hatte sein Höchstes seinem Volke geopfert, aber es war, als ob er damit sich auch losgekauft hätte, losgelöst von allem, was ihn noch mit ihm verbunden hatte. Er hatte keine Synagoge mehr besucht, er hatte nicht mehr gebetet seit jenem Tage. Er hatte garbeitet und sich gemüht, er hatte vielen Kranken Heilung. Linderung gebracht — er selbst war ein alter, einsamer Sonderling geworden, freudlos und allein ohne Weib und Kind, ohne Verwandte und Freunde — ja, er war sehr einsam. Er fuhr auf aus seinen Träumen; noch immer stand er vor der Synagoge. Einen Augenblick noch zögerte er, dann öffnete er das Thor. Alte, wohlbekannte Laute schlagen an sein Ohr, Gesänge, die er einst vernommen, Melodieen, die ihm einst vertraut gewesen. Er hört die Sprache, in der ihn einst der Vater gesegnet, die Sprache, in der er sein ersteß Gebet gelallt — Thränen stehen in seinen Augen, - ein Gebet ringt sich auf auS seinem Herzen — er ist nicht mehr allein, er hat seine Brüder wiedergefunden, seine Heimath.-, - /,/■-- von 8. D. m H. /»Er ist noch nicht gekommen," antwortete Abraum Werthrimer, in .der ganzen Gegend bei Glaubensgenossen und Andersgläubigen nur unter dem Namen ^From" bekannt^ auf den fragenden Blick seiner Zättin, der würdigen Rachel, die ihn sehnsüchtig, in der offenen HauLihüre stehend, erwartete. Aber nicht ihrem.Gatten allein galt diesmal das Sehnen ihres Herzens, ihr Sohn, der Liebling und daS einzige Kind seiner Eltern, hatte mit dem Zwölfuhrzug kommen sollen, war doch heute Erew-Sch'wuaus und David hatte noch nie verfehlt, seitdem ihn sein Vater als Lehrling in das Getreidegeschäft von Julius Low in

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