Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 46-47 (9.6.1902)
- Date
- 1902-06-09
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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iU tj t| Mli I ii i 1! 995 „Wir/, tief Karl entrüstet, „warum wir? Haben wir nicht viel langer schon diesen Tag geheiligt, als den Tag, der uns zu Gottes Volk gemacht?!" ,.Za, das ist es eben, was verhindert, -aß je unser Volk Euch lieben wird,' das ist es, was eine ewige Mauer errichten wird zwischen Jude und Christ." „Was denn?" „Daß Ihr Euch für Gottes auserwähltes Volk haltet. Ihr haltet Euch für besser, als wir, wie sollten wir Euch da lieben können?" „Aber sind wir's denn nicht? Waren wir nicht die Einzigen, die Gott erkannten. Ihm dienten; Ihn liebten?" „Ich weiß das nicht, Karl, will ja auch gar nicht darüber streiten, vielleicht war es einmal so, aber glaubst Dü denn wirklich, daß der Gott, der uns alle geschaffen, dessen Kinder wir alle sind, daß der für alle. Ewigkeit ein Volk mehr lieben sollte, als alle anderen?! O Karl,' so klein denkst Du gar nicht von Deinem Gott!" „Nein, nein, aber wie sollen wir's ändern?!" „Glaubst Du nicht, daß dieses kleine Opfer dem großen Gedanken der Menschenliebe gebracht werden könnte?" . - „Nie, nie! Das wäre eine Lüge! Und mit einer Lüge wäre selbst das Höchste zu theuer erkauft, und ich vermag und kann nicht an die Lehren des Christenthums glauben!" Sie schwiegen beide lange und dachten nach. „Weißt Du, Fritz, nun habe ich den Ausweg gesunden; nicht Judenthum, nicht Christenthum dürfte es sein — etwas Neues, Großes, Herrliches! Sie soll keinen Namen haben, die neue Religion, sie soll ja keine Religion sein mit Formen und Formeln, Geboten und Verboten, soll keiner den andern fragen können, glaubst Du so und so, und sagen können: wenn Du anders glaubst, gehörst Du nicht mehr zu uns; — es sollen Alle kühlen, ahnen, daß eine gewaltige Macht über ihnen walte, gewaltig in ihrer Macht, — gewaltiger in ihrer Liebe. Und diese Liebe sollte sich herabsenken auf alle, alle, nur eines soll in dem neuen Glauben liegen: Liebe! Sieh, dann würde all' das Kleine schwinden und das Häßliche und der Neid, die Mißgunst und die Nerläumdung, wenn jede Einzelreligion ausgegangen wäre in die große Menschheitsreligion!" Er hatte sich in Eifer, geredet, hatte sich halb erhoben, seine Augen leuchteten. Fritz reichte ihm stumm die Hand. Sie hatten sich verstanden. ' Doch als Karl zu Hause war am Abendtisch, als der Vater den Segen sprach über Brod und Wein, da wußte er, .er war ein anderer geworden. Und wieder an einem Sch'wuaus war es. Nach langer Abwesenheit war er wieder einmal nach Hause . gekommen, zum letzten Male für längere Zeit. Hatte er doch sein Doltordiplom in der Tasche! . Jetzt nur noch eine kurze Erholung, dann sollte er ja zeigen, was er gelernt hatte, was er leisten konnte im Leben draußen. Wieder saß er da droben an seinem Lieblingsplätze, wie vor Jahren, doch ernst blickten seine Augen, seine. Stirne war umwölkt. Warum? Er hätte es wohl selbst kaum zu sagen gewußt. Es war so viel, was aus ihn einstürmte. Die Heimath, das VaterhaüZ, war ihm nicht mehr, was es ihm einst, gewesen. Er war kein Jude mehr in dem ganzen Sinne des Wortes seit jenem . Gespräche mit Fritz. Der Zweifel war in ihm'gewachsen und hatte all die zarten Blüthen, die die Jugend, die Kindertage in seinem Herzen gepflanzt, überwuchert. Und doch war er Jude und liebte sein Volk wie nur je, ja, noch heißer als früher, weil diese Liebe ihm Schmerz bereitete. Wenn er da draußen thuy und lassen konnte, was er wollte, da kam ihm die- - ser Zwiespalt nicht so zum Bewußtsein. Aber hier, im Vaterhaus, wo keiner ahnte, was in ihm vorging, wo keiner es ahnen durfte, hier lastete es schwer auf ihm; mußte er doch heucheln, um die Eltern nicht zu betrüben. Ja, wenn er noch wie einst Fritz gehabt hätte, mit dem er über alles, alles hätte reden können. Doch der kam nicht mehr hierher, er hatte hier keine Heimath mehr, seit seine Mutter vor einem Jahr gestorben war. mußte schon tüchtig arbeiten, um leben zu können. Und Anne- Marie, Fritzens Schwester, sie mußte ja jetzt auch - hinaus in die Welt, um bei fremden Leuten ihr Brod zuverdienen. Ach ja, das war auch ein Grund zu seiner Traurigkeit. Er konnte sie gar nicht vergessen, wie erste gestern vor sich gesehen hatte in dem schlichten, schwarzen Kleidchen, als sie gekommen war, um Abschied zu nehmen. Thronen waren in ihren Augen gestanden, und ihre Hand hatte gezittert in der seinen. Arme Anne-Marie! Mas hätte er darum gegeben, sie noch einmal so lustig schelmisch lachen, zu hören,' wie einst, wenn sie ihm davon sprang über die Wiesen mit fliegenden Zöpfen und flatterndem Röckchen; er hatte sie ja doch immer eingeholt. Er lächelte, wie lange das her war! Nun hieß er schon Herr Doktor,, und sie sollte heute in die Fremde gehen. Hier mußte sie vörbeikommen; es wurde sie wohl Niemand begleiten, da wollte er ihr wenigstens noch ein letztes Lebewohl sagen. Ja, eben kam sie! — Wäre es nicht doch besser, ihr nimmer zu begegnen? Warum noch einmal den Abschiedsschmerz erneuern, es war ihm ja schon jetzt so schwer um's Herz? Und doch blieb er. - *" .-Grüß Gott, Anne-Marie!' )? Wie sie zusammenschrack, sie wurde beinahe noch um einen Schein.blasser. :; \ W .. - „Wie kommst Du hierher, Karl?? . - .- ^•, „Ich wollte Dich noch ein.wenig begleitendaß.Du nicht so klanglos und einsam in die Fremde ziehen mußt." - •. -’V V■/ :