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Der Israelit · 1902-06-09 · Heft 46-47 (9.6.1902) · page 26

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 46-47 (9.6.1902)
Date
1902-06-09
Page
– (sequence 26)
Language
German
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ßlwHssaväev Frühling, Sonne, Vogelgezwitscher — selbst da drinnen merkte man es in der alten Stadt. mit den hohen Häusern und den engen Straßen, daß der Mai seinen Einzug gehalten hatte. . Kies spürte wohl auch der alte Herr, der eben hochaufathmend stehen blieb und den Duft einsog. Ja, das war wirklich Waldesduft, Waldesluft, was er da einathmete. War hier denn ein Garten? Er spähte umher, es konnte wohl sein, er kannte die Gegend gar nicht, in die ihn heute träumend sein Fuß geführt. Doch wirklich, da wären ja Maienbäume aufgepflanzt, Birken mit ihren weißen Stämmen, ihren zitternden Blättchen, und sauber geputzte Kinder spielten auf dem Platze. Wie vertraut ihm das alles vorkam! Hat er das alles schon einmal erlebt, - gesehen? Er kann sich nicht entsinnen.; - , , „Kleiner," ruft er einem frischen Bürschlein zu. „was ist denn los heute, daß hier Birkenstämme stehen?" Verwundert schaut ihn der Knabe an; der alte Herr wußte das nicht!?; v „Es ist ja Sch'wuaus heute!" Da, da steht es vor ihm, so klar — so klar, alles, was er längst vergessen, seine Jugend, seine Kinder-. tage.-- , , An einem Sch'wuaus war es gewesen. Die Mutter hatte ihm ein neues Kleid angezogen: wie gut hatte er sich darin gefallen, dann war sie zur „Schul" gegangen. Er war noch klein, ganz klein, er blieb bei Großmiitterchcn zu Hause. ' 7 Großmutter saß im Lehnstuhl am Fenster mit dem Gebetbuche in der Hand und las eifrig. Da nahm er das Schemelchen, rückte es zu Großmutters Füßen, holte sich auch ein Buch und machte, als ob auch er schon lesen könnte. Was that's, daß er das Buch verkehrt hielt, er war gar eifrig und fuhr mit dem kleinen Zeigefinger hin und her über das Papier. Und wenn er seine wirren Locken zurück strich und aufblickte zu Großmütterlein, da traf ihn ein liebevoller Blick aus ihren guten Augen, und ein Lächeln spielte um ihren Mund. _ Aber es dauerte doch gar zu lange, bis Großmütterlein heute fertig wurde, der kleine Knabe wurde ungeduldig. Er zupfte an der Schürze, ganz leise, nllr. ganz leise, aber Großmütterlein verstand ihren. Liebling; sie klappte das Buch zu, faltete die Brille zusammen. ^7-? > „Weißt Du denn auch, was heute los ist, Karl?" . „Ja, es ist Sch'wuaus heute," war die stolze Ant- . wort.7 / :;v/\ ' .. . „Ja, ja mein' Bübchen!" . Wie er sich freute über Großmutters Lob!- . -7 - - „Aber weißt Du auch,' warum wir dieses Fesi feiern?" Er schüttelte den Kopf. Und nun erzählt Großmütterlein von alter, alter Zeit, von der schweren Knechtschaft, in der die Ahnen gelitten, wie Gott ste erlöst, sie auserwählt zu seinem Volke, und wie er sie zu seinem heiligen Volke gemacht durch seine heilige Lehre, die Thora! Und nun spricht sie von dem gewaltigen Tag, da Gott sich Herabgelaffen zu seinem Volke, da das ganze Volk ihn sah in seiner Herrlichkeit und erbebte vor der Allmacht und der Größe Gottes, und wie das ganze Volt einstimmig rief: „Wir wollen alles thun, was Gott uns sagen wird!" Großmutters Augen glänzen in ’ überirdischem Glanz, ihr Blick ist verklärt, wie segnend hat sie ihre Hand auf des Knaben Haupt gelegt. Er schaut zu ihr auf. Er kann noch nicht Alles verstehen, was Großmütterlein erzählt, aber er fiihlt es in scheuer Ehrfurcht: es muß etwas Gewaltiges sein, was sie bewegt, es muß etwas Herrliches sein, dem Volk anzugehören, das am Sinai gestanden. Und auch er gehört ja dazu. Hat Großmütterlein gelesen, was in des Kindes Seele vorgeht? Sie bückt sich nieder und küßt den .Knaben auf die Stirne. „Möchtest Du Deiner ylhnen würdig werden!" - Wieder , war es an einem Sch'wuaus. Als flotter Primaner, mit der Mütze auf dem Lockenhaar, war er mit Fritz, dem Sohn der Pfarrerswittwe, seinem Freund seitseinen Kindertagen, in die Ferien nach Hause gekommen, um die Feiertage hier zu verleben, Sonne und Lenz hier zu genießen. An einem Abend war es, es wollte schon dunkel werden, die Sonne war im Untergehen; ihre letzten Strahlen vergoldeten noch den Kirchthurm drunten, da lagen sie beide droben am Wäldeshang und schauten hinab auf ihre Heimath. Da läuteten drunten die Abendglocken; tief und voll drang der Ton herauf in die stillen Berge, tief und voll hallte er nach in den jungen Herzen. „Wie schön cs ist," sprach Karl leise, „wie wunderbar schön!" " , „Ja," fiel Fritz ein, „es ist herrlich hier! Frühling, Ferien und Heimath, kann es was Schöneres geben?" „Das meinte ich eigentlich nicht," sprach Karl. „Ich meinte, es ist so schön, daß wir heute alle, alle Feiertag haben, daß heute aus Kirche und Synagoge vereint ein Dankgebet aufsteigt zu unserem Herrgott da droben!" „Das ist währ, daran habe ich noch nie gedacht; aber sieh, könnte es denn nicht immer so .sein, wenn Ihr .nur wolltet?": - •. -

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