Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-06-09 · Heft 46-47 (9.6.1902) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 46-47 (9.6.1902)
Date
1902-06-09
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449837--56056-2518822
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

mm — wozu auch bet Patriarch von Adrianopel seine Hülfe zugesagt hat. -.- . H < tt 11X c t * tu Skizze au» dem Wdischen Leben der Slowakei. _ Don JuttuS Weiß. A - . . lNachdruck verboten.^ Siegmund Grünberg saß abgeschieden von dem Trupplein der Andächtigen. Er hatte sich einen Sitz im finsteren ausgesucht. Wenn die Flammen der Kerzen über dem Pulte des Vorbeters manchmal hoch aufloderten, leuchtete sein gerötheter Kops wie im Schein einer nächtlichen Feuersbrunst. An sein Bewußtsein waren die mit sich sortreißenden Rezitationen des Rabbiners nicht gedrungen. .Manchmal schreckte er ans brütenden Gedanken in plötzlicher Besinnung auf und sandte ein verspätetes Amen der einstimmigen Response der Gemeinde nach, um gleich darauf wieder in starre Ruhe zurückzufallen. Die beiden Flammen über dem Vorbeterpult schienen seinen Blick gebannt zu haben. Sie wandten sich nach rechts, sie wandten sich nach links, sie wandten sich vorwärts und rückwärts, wie wenn es Wesen wären, die sich aus pressenden Fesseln ringen wollen. Sie duckten sich tief und sprangen jäh auf, wie wenn sie Kraft hätten sammeln wollen, um sich von der Umklammerung, die ihren Fuß in eiserner Gefangenschaft hielt, loszureißen. Aber die eisernen Fesseln ließen nicht los, und die Flammen fielen zusammen und krümmten sich weiter in ihren Schmerzen. Brennende Kerzen hatte er in seinem Leben schon sehr viele gesehen, aber daß die Flammen so schauerlich hin- und herarbeiten, als ob sie mit gellendem Wehruf nach Befreiung aufschrnen möchten, lvar ihm in seinem ganzen Leben noch nicht vorgekommen. Aber auch er selbst, spürte er nicht gleichfalls jeden Augenblick einen Antrieb, von seinem Sitz aufzuspringen und zu rufen:;^Leute, helft, mir! Mir ist so angst und bang. Ich habe bei dem Dasein des Ewigen geschworen und habe ^falsch geschworm!^ * 7^ Wie» um Gottes Willen, war ihm das nurein- ^Mallen? .Wie-waren ihm diese mit Grausen getränk- >M Wo^e Ätzer.'die Lippen.gekommen?. Was wäre es ßdZnn für eiwEtroßes! gewesen» Ä - : et den - .rothen. ^WMfirG^mcht.. überzeugt Wtte?Wegen so einer Bagatelle!^ Weil ihn Schlesinger im Verdacht hatje. daß er ihm einige Fuhren Korn vorweggekaust habe! Und er hatte es doch auch gethan. Und was wäre dabei gewesen, wenn er dem Langen ganz einfach gesagt hätte: Ja, ich hab's gethan. Konnte ihn der Rothe gu Grunde richten? Und wegen so etwas „Bechaj Adoschem" zu schwören, was man doch nur mit zitterndem Grausen über die Lippen bringt, auch wenn man wie von seinem eigenen Leben überzeugt ist, daß man die Wahrheit schwört. Toll muß er in dem Augenblick gewesen sein, rein toll. Oder war es ein Streich Satan's, des schleichenden Verderbers? Zutritt hatte er ihm wahrlich genug gegeben durch sein zügelloses Mundwerk,' durch diese verruchte Gewohnheit, lügenhafter Bethenerungen und listiger Scheinschwüre. „Wenn man ihm nur die Nagelspitze reicht, dem Verderber, über kurz oder lang hat er einen mit Haut und Haar," so hat sein Vater — im Eden ruhe er — mehr als einmal gesagt. „Amen!" rief jetzt wieder die Gemeinde. Grünberg . entriß sich gewaltsam seinem Sinnen und ließ ein herzbeklommenes Amen nachsiürzen. Er preßte die Hände aneinander und sammelte alles Vermögen seines Geistes im Gehör, um sein ganzes Ich gleichsam an die Rezitationen des Rabbiners zu hangen und sich wegschleppen zu lassen aus dem Bannkreis dieser beängstigenden Gedanken. . Aber es wollte ihm nicht gelingen. Er fühlte sich nicht im Stande, ein Wort mitzubeten. Und alles, was dort von dem Vorbeterpult in den Saal schallte, schien ihm mit grausigem Hall und ironischer Schadenfreude nur das zu wiederholen und mit vertausendfachter Schärfe in die.Ohren zu schreien, was Schlesinger mit so viel Mitleid im Ton so gelinde gesagt hatte: „Ich wünsch' Dir/ daß Du mit ruhigem Gemüth sollst umhergehen dürfen." Eine jähe Angst zuckte ihm plötzlich durch's Herz. Die Geschichte von Awrum Koppel stieg in seinem Gedächiniß auf, wie ein Sarg aus dem Grund eines Teiches plötzlich oufschießt. Und doch waren schon zehn, zwölf Jahre seitdem verflossen. Auch dieser hatte sich binreißen lassen, eine Gottesschändung zu begehen. Im Muthwillen der Betrunkenheit hatte er seine Bibel in den Votschkaer Schweinesumpf geschleudert. Tagsdarauf von Votschka zurückgekehrt, fand er sein Haus von einer Feuersbrunst eingeäschert, und sein ältester Knabe war in der Gluth verbrannt. . Grünberg, der das Gefühl hatte, als, läge er erstickend unter der eingestürzten Saaldecke, streckte tief athmend die Arme in die Luft, verließ taumelnd seinen Sitz und eilte, sich an den unsicher beleuchteten Banklehnen stützend, in's Freie. Hier war es vollends Nacht geworden^ und die schwarzen Fensterhöhlen der Bauernhäuser wären in ebenso viele gelbe Lichtflecke verwandelt.. Alles war

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.