Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 46-47 (9.6.1902)
- Date
- 1902-06-09
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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ruhig und friedlich. Kein Feuerschein stand am Himmel. In hastiger Eile war er bis zu jener Stelle der in Form eines flachen Bogens stch hinziehenden Dorfstraße gekommen, von wo er sein Wohnhaus erblicken konnte. Es war dies das stattlichste Anwesen in der ganzen Ortschaft. Voriges Jahr hatte er es sich bauen lassen, ganz aus gebranntem Material, mit vier hohen, breiten Fenstern nach der Gasse, mit einer stattlichen gedeckten Thoreinfahrt, und alles ziegelgedeckt, auch die rückwärts gelegenen Schuppen und Stallungen. Hohe Feuermauern schieden es von den niedrigen, strohgedeckten Nachbarhäusern. In Grünberg's Brust stieg eine vordringliche Empfindung von Zuversicht und Unversehrlichkeit auf, als er die hohe Masse seines feuersicher gebauten Hauses auftauchen sah. Aber zugleich empörte er sich über diese Empfindung. „Was mutzen gegen Gottes Willen Feuermauern," murmelte er. „Und dann, muß es denn gerade Feuer sein? Der Heilige — gelobt sei Er — was hat er nicht alles für Mittel und Möglichkeiten, uns zu züchtigen!" Aus zweien der vier Fenster drang durch die Vorhänge gedämpfter Lichtschein. Dort wußte er in der wohlgeheizten Stube seine drei Kinder um den Familientisch versammelt. Wahrscheinlich war auch Herr Rosenberger, der Lehrer, bei ihnen, denn er gab Reginen, seinem theuren Töchterchen, dreimal in der Woche Hausunterricht. Wenn ihn Gott nur an diesem Theuersten nicht heimsuchen wollte! Wie schön sie heranwuchs, wie gesund — unberufen — und kräftig sie war! Immer munter wie ein Reh und scharfdenkend wie ein Gelehrter, eine wahre Wonne sür Augen und Ohr, eine Freude für das Herz, wie Wein, der die Sorgen verscheucht. ' In Schweiß gebadet war er unter eines der erleuchteten Fenster getreten. Ein Eckchen gab die Gardine frei. An diese Lücke brachte er sein Auge. Der vierjährige Maxl und der um ein Jahr jüngere Heini knieten auf den Strohsesseln vor ihren Kaffeeschalen. Auf der anderen Seite des Tisches konnte er durch eine Wendung des Kopfes sein Kleinod, Reginchen, sehen, und neben ihr wirklich den Lehrer, dem sie gerade eine ihrer witzigen Antworten gegeben haben mußte. Denn auf allen Gesichtern lag ein Lachen, und über Reginens Kopf fuhr, in Liebe verweisend, eine Hand mit einem Ehering an einem der Finger, und zwar die seines Weibes Mali. . Grünberg lachte unbewußt herzlich auf. als Wie er Reginens Witz selber mit angehört, und für einen Augenblick war jene freie, leichte, sonnenhelle Stimmung von ehedem in seinem Gemüth, die am hellsten . auflöderte,.. wenn. er. Regelet schwarzen Lockenkopf zwischen seinen Händen hatte und ihr Mäulchen ihm die lustigsten Antworten auf seine Schraubereien in's Gesicht schleuderte. Gleich darauf stürzte er in die Knie. Er schlug sich die Hände gegen das Gesicht und schrie: „Warum Hab' ich das gethan, warum Hab' ich das ge-., than?!" •/'..< - Drei Wochen waren verflossen, in denen Grünberg nicht das Dorf, ja kaum das Haus verlassen hatte, während er doch sonst den Ausgang des Sabbats abzuwarten kaum die Geduld hatte, um wieder den Wagen zu besteigen und in's Land nach Geschäften hinauszufahren. Es war ihm, als würde hinter seinem Rücken sofort das Unglück in sein Haus hereinstnrzen. und er wußte, daß er es dort draußen nicht aushalten würde vor angstvoller Ungewißheit, auch nicht einen halben Tag lang. Allein, wenn er dann nach der peinvollen Nacht und nach einem nicht erquickenden, von grauenhaften Träumen beunruhigten Schlaf erwachte und mit klopfendem Herzen aufhorchte, ob nicht inzwischen das grausige Unglück eingekehrt war, kam alsbald Regele lachend an sein Bett gelaufen , und hinter ihr drein Maxel und Heini, und auch sein Weib hantirte in unge- * trübter Gesundheit in Haus und Hof. - Am Tage nach jener ersten schlaflosen Nacht, nach jenem verhängnißvollen Abend, an dem er seinen Mund zu der verruchten Gotteslästerung aufgethan hatte, da war ihm wie in einer plötzlichen Offenbarung der Gedanke gekommen, sich selbst eine Buße aufzulegen, bevor ihn der Allmächtige züchtige. Und er hatte fünfhundert Gulden an den Rabbiner in Preßburg geschickt, zur Weiterbeförderung nach Jerusalem für die Glaubensgenossen, die dort ihr Leben damit zubringen/ an der von Thränen benetzten Klagemauer des Salomonischen Tempels Tag und Nacht den Gebenedeiten. um endliche Wiederaufrichtung der gestürzten Herrlichkeit anzuflehen. Und der Rabbiner von Preßburg —- wie scharfsichtig dieser hohe Gelehrte war! —- hatte ihm geantwortet, daß er gerade damit eine besonders gottgefällige Mizwe (frommes Werk) gethan habe, und daß er sich dafür in einer etwaigen Gewissensangst ohne Skrupel der Hoffnung auf eine erhebliche Milderung von Gottes Zorn hingeben dürfe, ohne Ueberhebung natürlich und in fernerer demüthiger Bereitschaft, daS etwa vom Hochherrlichen ihm Zugedachte in Ergebung entgegenzunehmen und zu tragen. Und nun waren seitdem drei Wochen verstrichen, und Gottes rächende Hand hatte in Gnaden sein Haus verschont. Warum sollte er sich, wie ihm der hohe Weise geschrieben hatte, nunmehr nicht dem tröstlichen Gedanken hingeben dürfen, daß ihm der Allerbarmer verzeihen wolle?^ Grünberg hatte mit großer Andacht in Tällis und Tephillin das Morgengebet abgehalten/, worauf 'er seinem Weibe Mali den Auftrag gab,' zu Wizene zu schicken, daß er anfpänne. Er möge einigen Hafer "mitnehmen, weil, .ste^rei^vier.Tage,auMewen würden. Und eine heitere Ruhe stand in seinemUeM/^sodäß sein Eheweib ganz überrascht und erstaunt war.