Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 45 (5.6.1902)
- Date
- 1902-06-05
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449836--56035-2518800- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
denken?* /Sein Weg führte ihn dann in den Garten, wo die Obstbäume mit saftigen Früchten schwer beladen dastanden, daß sie unter der Last fast zusammenbrachen. Rur mit Hülfe ihrer Stützen tonnten sie sich mühsam aufrecht halten. „Warum denn so schweigsam," fragte der Wanderer, wo doch alles so laut von sich redet?" — /.Das können wir ruhig änderen überlassen," gaben sie zur Antwort, was wir der Welt zu melden haben, das fügen mit hinreichender Deutlichkeit unsere Früchte." 'Die Redensarten von der allumfassenden Menschenliebe, beziehungsweise von der weltumfassenden Ausgabe des Judenthums sind ja heutigen Tages durch den schnöden Mißbrauch, der mit ihnen getrieben wird, geradezu in Verruf gerathen. Ein anständiger Mensch muß sich scheuen, dieselben* überhaupt nur in den Mund zu nehmen. Ist denn im heiligen Zehngebot etwas von diesen gleißnerischen Phrasen zu vernehmen? Kein Wort. Etwa darum, weil es die allgemeine Menschenliebe nicht kannte, öder nicht forderte? Das anzunehmen sei fern von uns. Nur wollte es die Dinge an ihren 'währen Merkmalen erkannt sehey. Die wahre Menschenliebe bethätigen wir dann, wenn wir uns seinem „Du sollst," Du sollst nicht" in aller Selbstverleugnung unterörbnen. Dü schwärmst für den weltbewegenden Beruf Israels, der alle Menschen für Gott gewinnen soll. Wie, hast du denn schon bei dir den Anfang gemacht, dein eigenes Leben und Wirken für Gott gewonnen? Hast Du durch die Heiligung des Sabbates schon vor aller Welt bekundet, daß dein eigenes Leben auf dem Grunde . einer göttlichen Weltordnung sich' aufbaut? Du willst alle Welt für die Anbetung Gottes gewinnen, liegt es denn nicht viel näher, bei dem schrecklichen Abfall, der in unserer eigenen Mitte herrscht, den Anfang zu machen? Muß denn nicht ein Jeder, der sehen will, sich sagen, daß ein Israel, das die Welt erobern will, indeß der Abfall seine eigenen Reihen schrecklich verheert, einfacheinem Wahne nachtreibt? Du schwärmst für die allgemeine Menschenliebe? Ja, liegt es denn nicht viel näher, mit den Geboten, welche die Heiligung des Ehelebens, die Unantastbarkeit des Eigenthums bestimmen, einmal Ernst zu machen? Es ist nicht Zufall, wenn unser Gelöbniß, das wir im feierlichsten Augenblicke der Geschichte Gott geweiht, rx&yi die That voranstellt und dann erst die Bethätigung der menschlichen Einsicht folgen läßt. Das /will sagen: im JuLenthum ist die That das Entscheidende und alles andere hat nur-insofern Werth, als es 7'sich in deren Dienst stellt.: Das haben unsere Weisen Kreits erkannt. Sie lehren nämlich: Als Israel zuerst? Me That und dann die Erkenntniß Gott weihete, konnte man/ mit / Recht von ihm sagen/.w-flöfs rrcro es gleiche der 'Aprikose unter den Bäumen des Waldes. Die Aprikose ist nämlich der einzige Baum, der zuerst seine Blüthenknospen entfaltet— denn das ist die Aufgabe, die er als das Wichtigste sofort in den Vordergrund rückt und dann erst in einen frischen, grünen Laubfchmuck seine Aeste hüllt. So hat auch Israel von Anfang an erkannt, daß das einzige sichere Merkmal für die Kraft, welche die Religion im Menschen gewonnen, ausschließlich die. That bildet. Es ist höchst bedeutsam, daß wir an jedem Morgen, an dem wir unser Tagewerk Gott weihen, zuerst die Tefillin an die Hand und dann erst auf dem Kopfe anbringen. Diese Folge ist ja auch ausdrücklich von der Thora bestimmt, indem sie anordnet: wrrdvrnvp' •p-p bv zuerst weihe die Hand, das Werkzeug, der That. Gott, und dann erst tjv p itxsssh wn sollst Du Deinen Kopf, die Stätte, in welcher die Gedanken entstehen, in Seiten Dienst stellen. Unsere Weisen stellen eine merkwürdige Behauptung auf. Wenn ein israelitisches Heer in das Feld zieht, sollen unter anderen vorher aaki “pi son „die Feigen, welche mit einem zaghaften Herzen begabt" — ausgeschieden werden. Allein an welchem Merkmale sollen denn diese erkannt werden? Es stellt sich doch erst später in der Hitze des Gefechtes heraus, wer feige und wer tapfer ist, dann aber ist es zu spät, die Unbrauchbaren auszuscheiden. Sie aber meinen, das wären jene Leute, welche nbsnb nb-rri pn rw (Sotah 45) zwischen dem Anlegen der einen und der anderen Tefila sich unterhalten. Was sie damit sagen wollen, ist klar. Das sind eben jene unschlüssigen Menschen, die zwar zunächst ihren Arm Gott weihen, aber im Momente zurückschrecken und tiefsinnige Ueberlegungen anstellen, ob und warum uns die Gebote gegeben wurden. Hier liegt der verhängnißvolle Schaden des heutigen Israels. Der Nerv, der die Verbindung zwischen Hand und Kopf herzustellen hat, ist bei ihm zerrissen, daher , denn der Zustand verzweifelter Ohnmacht.— / .; In der herrlichen biblischen Parabel wird uns über die Königswahl unter den Bäumen erzählt. Man stellte zuerst an den Oelbaum das Anerbieten, die Königswürde unter, den Bäumen zu übernehmen. Doch der schlug sie aus, denn er weigerte, sich, seine fetten Säfte im Stiche zu lassen, um statt dessen über die Bäume zu regieren. Der Feigenbaum, vor den gleichen Antrag gestellt, entgegnete: „Ich mag nicht meine Süßigkeit und kostbare Frucht aufgeben, um statt dessen das Herrscheramt über die Bäume auszuiiben." Der Weinstock wieder wies die Krone zurück, indem er hervorhob, e* möge nicht seinen köstlichen Moll, der Gott und Menschen erfreut, fahren lassen, um statt dessen mit ' dem Regieren über die Bäume sich zu befassen. Als sie aber dem Dornenstrauche die Krone anboten, war er sofort bereit, indem er voll des Stolzes und hohen Selbstbewußtseins erklärte: „Wollt ihr in Wahrheit mick zu eurem Könige salben, kommet, berget euch in meinem