Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 45 (5.6.1902)
- Date
- 1902-06-05
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43» Jahrgang. ||j That und Lrkenntmß. jj-jj Mchlmi W ZcheWe.) Von Rabbiner Dr. Daniel Fink-Wien. j j i I ' ' llnj Endlich war der Tag gekommen, an welchem die IjjH Erinnerung an das Hochzeitsfest gefeiert werden sollte. j!ij? In frühester Morgenstunde schon herrschte indem jjjn Hause ein Treiben geschäftiger denn je. Die Kinder!j!!! waren die ganze Nacht vorher überhaupt nicht zur Ruhe;jjj j gekommen, denn sie wollten an dem morgigen Feste das jijjj . elterliche Haus mit Kränzen und Blumen geschmückt ijlji sehen. Inzwischen waren auch die erwachsenen Söhne, i'' - welche weit in der Ferne den Studien auf der Hochschule jijji oblagen, erschienen. Es hielt ste nicht länger in der;j I Fremde, auch sie mochten dem festlichen Ehrentage nicht j j fern bleiben. Nun aber war der bedeutsame Augenblick gekom-;! -; men. Der Vater erschien in der Mitte der in freudiger!; |1 Erwartung seiner harrenden Kinder. Er hatte zur ,jj; Feier des Tages jenes Gewand angelegt, in welchem er vor fünfundzwanzig Jahren seine Braut unter den ijjj j . Trauhimmel führte. Auch die Mutter war seinem Vei-;!l j j spiele gefolgt. Gar seltsam nahm sich ihr bereits grauschimmerndes Haupt unter dem frischen Grün eines Ijijj Myrthenkranzes aus. Auch das weiße Hochzeitskleid, :j;jj ’ umwallt von dem langen, faltigen Schleier, fehlte nicht. [!!: Die jüngeren Kinder hüpften vor Freude bei dem selt- M! samen Anblick, die älteren dagegen konnten dabei ein D j leise spöttisches Lächeln nicht unterdrücken. Der Vater;j|n jedoch erfaßte die Lage sofort und sprach: „Lasset uns iij! | von dem alten FMer hinwegsehen! Wir haben ihn angelegt, weil die theuersten Empfindungen unseres Le-;?!! j bens daran haften. Fragen wir lieber, was wir in den ■pjjj , fünfundzwanzig Jahren unserer Ehe eigentlich er- H j worben haben?";| j i „Um das richtig abzuschätzen," versetzte die Mut-!, j! ter, „müssen wir zunächst unseren Vermögensstand festjj 1 stellen, mit welchem wir in den Bund unseres Lebens | I eingetreten sind." j „Nun wohl, so sei es auch," sagten sie alle, jj Das gesammte Israel befindet sich heute in I derselben Lage. Es Hat hochzeitlichen Schmuck anz! gelegt, mit Kränzen und Blumen sein Haupt geziert, | j um den Tag zu feiern, an welchem es vor Jahrtausenjijl den seinert Treubund mit dem Ewigen geschlossen. An jj| ' hochzeitlichem Flitter alleine konnte jedoch in reiferen j»! Jahren das Herz kein Genügen mehr finden. Nun j! . denn, so wollen auch wir uns der Frage zuwenden: was!j . wir in diesem himmlischen Bunde eigentlich gewonnen |j; rmd auch die Vorfrage nicht aus dem Auge verlieren:!il ' welches Vermögen wir in denselben eingberacht haben? Was das letztere betrifft, so bestand esin. nichts, )-:i anderem, als in dem Doppelgelöbniß: "i ^2,1 ivn >' vvVN rmi „Alles, was Gott befohlen hat, wollen wir thun und — begreifen." That und Erkenntniß, daS war es, was Israel seinem Gotte zu weihen versprach. Als Gegenleistung wurde ihm eine zwiefache Krone ver- ■ heißen, nämlich: rmnp D'ro mbvv vnn oroo - > „Ihr sollt mir ein Reich von Priestern und ein. heiliges - Volk sein:" . .' > That und Erkenntniß — wie steht eS bei. dem - heutigen Israel damit? Man braucht diese Frage nicht'.' erst einer besonderen eingehenden Erörterung zu rünterziehen. Die Antwort liegt vor aller Welt offen zu _ Tage. Ohne Ueberteibung kann man es laut aussprechen: Die Zeiten, in welchen die Forschung in der ' Thora jfctw und die Bethätigung ihrer Gebotenwtt* so recht im Mittelpunkte des Lebens stand, sie sind da- 'hin und wer weiß, wenn sie. je wiederkehren werden. ... Schlagen wir den ersten Psalm auf und lesen dort unter anderen Eigenschaften, welche den echten jüdischen Mann auszeichnen: nxv vrnmi «vn n irnriä’D» w . r. nWn vvv „daß er an der Lehre Gottes sein Ergötzen findet und in dessen Lehre Tag und Nacht forschet" — so muthet uns das wie eine Beschreibung aus einer unS völlig unbekannten Welt.an. . ... rv.*-~ > Man könnte uns beim Anblick dieser wahrlich nicht erhebenden Zustände vielleicht mit der Hoffnung trösten, die so viele Schiffbrüchige aufrecht Mt, daß die Zukunft alles wieder zum besten kehren werde. Auch dieser Trost ist leider uns versagt. Wie soll denn in dem . jüngeren Geschlechte die Thora wieder zu Ehren .kommen, wenn es dieselbe überhaupt nicht kennt, zu kennen weder Bedürfniß noch Gelegenheit hat. Was aber da auf dem großen Markte des Lebens als Judenthum / ausgeboten wird, das ist ja etwas ganz anderes. daS mit unserer Lehre nichts gemein hat. Da hört man in einem fort die hochtrabenden Redensarten von der allgemeinen, alle Menschen gleichmäßig umfassenden ' Liebe, von der die ganze Welt umgestaltenden Aufgabe, die wir zu lösen haben. Allein, wo sind denn die Thaten, fragen wir ganz verblüfft? Dieses Gebühren gemahnt unwillkürlich an die Erzählung von dem Wanderer, der an einem stürmischen Herbsttage durch einen mit hohen Pappelbäumen bepflanzten Wald ging. Die Pappelbäume ließen sich die Häupter mit wahrer Wollust von dem Winde wiegen, ihre Zweige rauschten, das Blatterwerk schlug > ' gegen einander, daß die ganze Gegend davon wieder- . hallte. Der Wanderer fragte „Was habt ihr unS denn > Großes zu melden?" „Eigentlich nichts." war die Antwort, „doch, wenn wir nicht selbst recht laut von unS >? redeten, wer würde denn unser überhaupt auch nur ge- \