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Der Israelit · 1902-06-05 · Heft 45 (5.6.1902) · page 6

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 45 (5.6.1902)
Date
1902-06-05
Page
– (sequence 6)
Language
German
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I 950 Skizze aus dem jüdischen Leben der Slowakei. e«rrretp». Skizze auS dem jüdischen Leben der Slowakei. Von JultrrS Weiß. 11 - lNachdruS verboten^ In der Stille und Verlaffenheit eines Februarnachmittags lag die Dorfstraße mit ihren niedrigen strohgedeckten Häuschen. Ein finsterer Himmel hing tief darüber her und ließ einen immer dichter werdenden Nebel niederrieseln, als wäre ihm das karge Tageslicht, das er durchsickern lasten mußte, ein Gegenstand des Verdrusses für seine unwirsche Laune. Aber als so das spärliche Licht sich immer mehr verdüstert batte und es vollends dunkel werden wollte/ begann sich die Gaste zu beleben. Vor dem verfallenen Plankenthor, das den Hof des jüdischen Bethauses gegen die Straße abschloß, sammelte sich eine kleine Gruppe Israeliten an, zum Zeichen, daß Abendgottesdienst abgehalten werden sollte. Chaim Blau hatte „Jahrzeit". Es war der Vorabend des Todestages seines Vaters, und da wollte er den Kadisch, das Erinnerungsgebet für den Verstorbenen, vor versammelter Gemeinde im Bethaus hersagen. Er hatte Rosenfeld, den Meschubed (Gemeinde- und Synagogendiner) tagsüber zu den Wohnungen der Juden umhergeschickt und alle Erwachsenen zu seiner »Jahrzeit" bitten lassen. Es mußten ja zum mindesten zehn Männer, ein Minjon, beisammen sein, um Gott in vereinter Gemeinde anrufen zu dürfen. Chaim Blau stand am Rande des seichten Straßengrabens und blickte, die Hände in die tiefen Taschen des dicken Winterrocks grabend, die ausgedehnte Häuserzeile der Straße hinauf und hinab. Wie spärlich sie sich zusammenfanden, wie sie zögerten und auf sich warten ließen! Er machte.eine verdrossene Kopfbewegung hinter sich und sah, daß mit ihm selbst, dem Rabbiner und Rosenfeld noch immer nur erst acht beisammen waren. Und doch drohte jeden Augenblick die Nacht vollends hereinzubrechen, sodaß es zu spät werden mußte für das Minchagebet. „Thät' Noth, daß man zu jedem einen vierspännigen Kutschirwagen schicken sollte," brummte Chaim Blau mit einem zustimmunghrischenden Blick auf den Rabbiner. Dieser jedoch, die Hände in den Aermel eines bis auf die Füße reichenden Pelzrockes nervös übereinanderreibend. ließ .die erwartete Gehrde der Zustimmung vermissen und blickte an Chaim Blau vorbei ins Weite; eine Grimasse hohnvoller Geringschätzung des Sprechers bewegte das .•) BrirnLDasrin drS Ewigen. graue Barlgewölk, von dem sein hageres langes Gesicht mit den tiefliegenden Eulenaugen umhüllt war. Chaim Blau eia Rüger der Zögernden! Als ob er eilfertiger wäre, lvenn es sich nicht etwa um ein Profitchen. sondern um die „Jahrzeit" eines andern handelte. Und überhaupt die ganze Bande! Sind sie auch nur für den hehren Dienst am heiligen. Sabbat in der bestimmten Stunde zusämmenzubringen? In der Hofthür stand Rosenfeld gesenkten Hauptes, mit gespreizten Beinen, die Hände' vergraben* in der starren Haltung eines vielgehetzten Menschen, der in den kärglichen Augenblicken der Unthätigkeit das unbewußte Streben hat, sich so wenig als möglich zu rühren. Auch über sein Gesicht flog ein vorsichtiges ironisches Lächeln über Blau's enrüstete Worte. Auf dessen Aufforderung, Leser Grab und seinen Sohn noch einmal anzugehen — sie wohnten in den Budjowizes, einem ziemlich entfernten Ableger der Ortschaft — löste er sich, wie von einem mechanischen Anstoß getrieben, ohne jeglichen Ausdruck im Gesicht von der Stelle. Er wußte ganz gut, daß Leser Grab zu Chaim Blau 's „Jahrzeit" auf noch so viele Einladungen hin nicht würde kommen wollen. Leser Grab war nämlich bis vor kurzem der einzige Krämer im Dorfe gewesen, der auch Eisen im Geschäft führte und einen großen Absatz bei der Ackerbau treibenden Bevölkerung damit erzielte. Aber der neidische Chaim Blau, der sein rollendes, böse blickendes Auge auf jedes Brünnchen warf, aus dem ein noch so dünner Faden von Gewinn hervorrieselte, hatte ihm mit nicht zu ermüdender Beharrlichkeit die Kunst und Wissenschaft eines ergiebigen Handels mit Eisensachen endlich abgelauscht. Nicht ohne Zweck hatte er sich unter der Maske eines theilnehmenden Freundes in letzter Zeit so häufig in Grab's Laden eingefunden, und eines Tages »öffnete er neben seinem Kramladen ein eigenes Magazin für Eisen. Sogar eisernes Kochgeschirr hatte er eingeführt. um Grab vollends „aufs Maul zu legen." Rosenfeld wußte daher ganz gut, daß auch dieser Gang ergebnißlos bleiben werde. Leser Grab wird nicht der Narr fein, von den Budjowizes hereinzulaufen, um seinem blutigen Konkurrenten zu einem Minjon zu verhelfen. Nichtsdestoweniger stolperte er, ohne eine Miene zu verziehen, mit der Ergebung eines Menschen, der da weiß, daß er unter allen Umständen zum Laufen da ist, und dem es also gleich sein kann, wohin er laust, über die Fahrstraße, deren in Frost erstarrte Holpern und Rillen bei der sich verdichtenden Dunkelheit nicht mehr leicht unterschieden werden konnten. Er hatte die lange. Häuserreihe hin weit zu laufen, um auch nur die Seitengasse, die zu den Budjowizes führt, zu erreichen „Aber auch ein Meschubed kann, wenn Gott will. Glück haben." Wahrhaftig! Denn dort, aus der Thür des im fahlen Ockergelb durch Nebel und Dunkel leuchtenden langgestreckten Dorfwirthshaufes quollen zwei '.V' - . 'i-\ 7-^ 7. 'v:

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