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Der Israelit · 1902-06-05 · Heft 45 (5.6.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 45 (5.6.1902)
Date
1902-06-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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f Gestalten heraus, die von Rosenfeld's angestrengt blickendem Auge als die Personen des Max Schlesinger aus Hochstetten und des Qrtsangchörigen Siegmund Grünberg erkannt wurden. Der lange Schlesinger war bekannt als gottesfürchüger Mann, der gern die Gelegenheit ergriff, an einer religiösen Handlung theilzunehmen. Und auch Grunberg, der wohl ein großer «Kal"*) war, würde, da ihn der Weg ohnehin am Bethalls vorüberführte, und weil nun einmal angesichts der wartenden Versammlung vor dem Thor schwer auszuweichen war, nicht umAn tonnen, das Minjan vollzumachen. Rosenfeld' hatte zwei Rothhelfer gefunden, auf die kein Mensch gerechnet hatte, und der Lauf in die Budjowizes blieb ihm erspart. .Wie gesagt, «auch ein Meschubed kann Glück haben, wenn Gott will." Diese sprichwörtliche Redensart unter einem kalten ironischen Lächeln vor sich hinmürmelnd, steuerte er mit verlängerten Schritten auf die beiden sich nähernden Religionsgenoffen zu. - Diese waren eine kurze Strecke nebeneinander hergegangen, als plötzlich der lange rothbärtige Schlesinger hall machte und dadurch den kleingewachsenen, stämmigen Grünberg gleichfalls zum Süllstehen veranlaßte. Rosenfeld sah, wie sich ein lebhafter, von aufgeregten Arm- und Kopfbewegungen begleiteter Wortwechsel zwischen ihnen entspann, wie der Lange mit Geberden des Vorwurfes auf den Kurzen einsprach und wie dieser sich bemühte, mit betheuernden Auflegungen der Hände auf die Brust und indem er dem anderen freundschaftlich-vertraulich an die Rockknöpfe faßte, den Vorwurf von sich abzuwehren. Aber Schlesinger*s Erbitterung hatte offenbar viel zu tief wurzelnde Gründe, als daß er sich durch die noch so ehrlich thuenden Betheuerungen des Kleinen hätte beschwichtigen lasten. «Wer kann denn Dir glauben!" rief er mit heilerer Grimme. «Hast Du jemals ein anderes Gesicht gemacht zu einer Lüge, als zu einer Wahrheit?" «Du thust mir bitter Unrecht," klagte Grünberg.- «Kann man übrigens in Handelssachen immer die Wahrheit sagen? Aber jetzt und zu Dir, auf Ehre, jetzt sag* ich die Wahrheit." «Auf Ehre!" wiederholte Schlesinger höhnisch, indem er den Kopf auf eine Weise zurückwarf, die andcuten sollte, wie wenig auf eine solche Versicherung aus Grünberg's Munde zu geben sei. «So soll ich meinen Kindern gesund bleiben!" steigerte Grünberg feine Betheuerung. «Grünberg," erwiederte Schlesinger hierauf im Tön eines nur wenig geminderien Mißtrauens, «so hast Du schon mehr als einmal geschworen in Deinem Leben. und die Leute sagen, daß es doch nicht immer wahr gewesen ist." - *) Einer, der «8 mit religiösen Pflichten.lticht nimmt. Da reckte Grünberg seinen Leib bis dicht, an - Scklesinger's Kopf hinauf und hob, nachdem er seinen ‘ Hakenstock aus der rechten in die linke Hand hatte wandern lasten, die beiden Schwurfinger der Rechtem hock gegen den Himmel: „Bechaj Adofchem, daß ich Dir die Wahrheit gesagt habe!" entfuhr es ihm, wie ein Aufschrei gekränkter Ehre. Schlesinger's aufgeregte Mienen glätteten sich zu einer erstaunensvollen Ruhe, während er wortlos dem ' eine Weile in der feierlichen Schwurstellung. Beharrenden in die großen Kugelaugen schaute. Diesen grausigen Schwur mußte er selbst einem Grünberg mit seinem bösen Maul glauben. «Grünberg," sagte er, .nachdem es eine Zeit lang zwischen ihnen lautlos gewesen war. und dabei legte er eine Hand auf die Schulter desselben. - «wenn Du so schwörst, muß ich Dir glauben. Aber . ich wünsch* Dir, Grünberg, daß Du wirklich wahr sollst geschworen haben. Und Gott weiß es, wenn es '; keiner wissen kann. Er läßt nicht mit sich spassen." ~ Grünberg wechselte die Farbe. «Uebrigens," fuhr Schlesinger fort, «dort winkt - uns Euer Meschubed, wenn mir recht ist, und vor der Schul* stehen Leut*. Man wird Minjon brauchen. Laß uns hineilen. Und Gott gebe Dir, wie gesagt, daß Du ein ruhiges Gemüth sollst herumtragen dürfen." Man hatte in der Synagoge nur wenig Licht ge-, macht für den zufälligen Abendgottesdienst. In den Ecken und an zwei, drei Stellen der Wände rang sich ein gelber Lichtfleck aus dem Dunkel. Ganz oben/ an der rechten Seite der in die Wand eingelassenen Thoralade, über dem Pulte des Vorbeters brannten nebeneinander die beiden' hohen Vorbeterkerzen. — «Gelobt seist Du, o Ewiger!" dröhnte es aus der Brust des unter hefügen Verbeugungen vorbetenden Rabbiners , ... , «Gelobt fei Er und Sein Name!" antwortete es hinter ihm. ' «Der Du bist der Schild Abraham's." . «Amen!" antwortete die• Gemeinde.', .7.^!^^''-t «Gelobt seist Du. o Ewiger!" 7 .« A-7 «Gelobt sei Er und Sein Name!" ’* «Der Du bist der Weltengott.",' . _ «Amen!" bekräftigten die Stimmen Hintex ihm. «Gelobt seist Du, o Ewiger!" .. «Gelobt sei Er und Sein Name!" ' ' . - - «Der die Menschen mit Erkenntiß begnadet." «Amen!" ■ , «Gelobt seist Du, o Ewiger!" . . , ' ° «Gelobt sei Er und Sein Name!"- «Der da liebet Gesetz,ünd^ Gericht.7:-^-^"- . , „Sfaltn!".... vi- '" '"r V" So donnerten die. Ägenssprüche des Schmolle- Esre aus der mit brennender Gottesverehrung erfüllten , : Brust des sich unaufhörlich in langen Schwingungen beugenden Rabbiners an die widerhallenden Wände,

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