Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 44 (2.6.1902)
- Date
- 1902-06-02
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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Zu den am meiften vernachlässigten Disziplinen -unserer Religionsschule zählt wohl der hebr.-deutsche Schreibunterricht. Der Grund liegt einzig und allein -in der Verkennung seines Werthes. Man hält das hebr. Schreiben einfach ' für überflüssig, unnöthige Zeitverschwendung, für die Unterrichtspraxis oder auch für das spätere Leben belanglos. Es müssen aber alle Lehrfächer den Berechtigungsschein „für's Leben" vor- .zeigen können, soll ihnen der Eintritt in unsere Schule, in unseren Unterrichtsplan gewährt we.rden. Denn non scliölae sed vitae discimus, nicht für Schule, für's Leb e n lernen wir. Wohl gab es eine Zeit, in der man das hebräische Schreiben sozusagen als wirkliche Kurrentschrift der-- wendete. Man erinnert sich noch des Großvaters, der Großmutter, die keiner anderen Verkehrsschrift mächtig Waren, denen Deutsch als „Galchus" verpönt gewesen. Dagegen schrieben sie gewandt und fließend „jüdischdeutsch." Und nicht etwa nur ihre Briefe faßten sie in diesen Charakteren ab, auch im Geschäfte schrieb man hebräisch-deutsch. Das Hauptbuch und die wenigen mit ihm zusammengehörenden Hilfsbücher trugen ganz und gar ein jüdisches Gepräge. Eine staatliche Vorschrift über eine geordnete, jeder Zeit kontrollirbare Buchführung gab es noch nicht. Nichtsdestoweniger mag das Soll und Haben genau gestimmt haben, denn die Alten führten auch ein „Maaserbuch" in hebräischdeutscher Schrift, und den Zehnten darf man bekanntlich nicht auf's Geradewohl oder schätzungsweise geben. Tempora mutantur! Heutzutage gebrauchen in der That nur Wenige das hebräische Schreiben, höchstens im brieflichen Verkehr mit gleichgesinnten Freunden, die vom Geiste der alten Zeit noch einen kleinen Rest verspüren. Man sagt sich schließlich auch, daß es ergötzlich und amüsant sein muß, wenn der neu- -gierige Dorfpoftbote, der unterwegs zum Zeitvertreibe die Postkarten lesen möchte, seinem unangebrachten Wissensdurst einen Riegel vorgeschoben sieht. Im Uebrigen weiß man dem hebr. Schreiben weder praktischen Werth, noch Reiz abzugewinnen. So ist es denn gekommen, daß man vielfach das Kind mit dem Bade ausgeschüttet und dem hebräischen Schreiben überhaupt den Laufpaß gab. Man beredete sich noch obendrein, daß die ohnehin kärglich zugemessene 'Unterrichtszeit zu weit Wichtigerem und Nothwendigerem verwendet werden müsse, als zum hebr. Schreiben. Zugegeben, nun... daß dieser Unterrichtsgegenstand, an Bedeutung den übrigen Disziplinen nicht leichterdings gleichgestellt werden kann, da durch ihn nicht direkt Religionskenntnisse gefördert werden, so ist doch keineswegs eine solch stiefmütterliche Behandlung, wie ftr gang und gäbe ist, gerechtfertigt. Der methodisch gebildete Lehrer wird nicht verfehlen, so manche Parallele zu ziehen zwischen dem deutschen und hebräischen Schreibunterricht, er wird so manchen Grund vorzubringen wissen, der laut und deutlich für die Pflege des hebr. Schreibens spricht. Hier seien nur in Kürze solch begründende Hinweise zusammengestellt, die unschwer Jedem einleuchten dürften. Der Anspruch auf Originalität und. Vollständigkeit sei ausgeschlossen. . ~ ~ 1) Zunächst muß es als Halbheit bezeichnet werden, eine Schrift nur als Druckschrift kennen zu lernen, ohne Uebertragung der Charaktere in die entsprechende Schreibschrift. Wer nur lesen und nicht schreiben kann, dem fehlt das Mittel, das Gelesene für's Auge zu reproduzieren, dem Gedanken, dem gesprochenen oder gelesenen Worte ist die Flugkraft versagt, die über die Schränken der Zeit und des RäUMs hinausheben könnte. ^•' ,-r; - 2) Das Lesenlernen gewinnt durch das Schreiben, welches gleichzeitig mit dem Lesen stattfindet. Hier gilt dasselbe, wie vom deutschen Schreibleseunterricht. Der gedruckte Buchstabe prägt sich leichter und besser ein, wenn er auch in Schreibschrift erscheint. Es besteht eine innige Wechselwirkung zwischen beiden Schristierlernungen, die sich einander stützen. Der Unterricht gestaltet sich lebhafter, interessanter. .• .• . 3) Es ist vor allem darauf hinzuweisen, daß die hebr. Schriftzeichen an Einfachheit der Züge alle anderen übertreffen, ja, sie erinnern in dieser Hinsicht vielfach an die stenographischen Schriftzeichen. Weder die deutsche noch die lateinische Schrift mit ihren vielen Schnörkeln und Schleifen, Häkchen und Durschlingungen kann sich hierin mit dem hebr. Schreiben vergleichen. Man ziehe hier alle Buchstaben in Betracht von h bis n, nicht ein einziger zeigt schwere Formen. Als ich einem nichtjüdischen Kollegen die Schreibschrift vorführte, meinte er, daß das eine Spielerei sei im Vergleich zur deutschen Schrifterlernung.. Zu solch' einfachen Formen.bedarf es j keinerlei Vorübungen für die Hand, wie sie sonst statt-