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Der Israelit · 1902-06-02 · Heft 44 (2.6.1902) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 44 (2.6.1902)
Date
1902-06-02
Page
– (sequence 10)
Language
German
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934 Hüenn es daher darauf ankommt, die Bedingungen festzustellen, welche die tatsächliche Zugehörigkeit zum Judenthume ausmachen, so wird nur der Umstand in Betracht gezogen, ob Jemand in seinem Verhalten wenigstens ein äußerstes Mindestmaß dessen bethätigt, was dem Juden nach Gesetz, Anordnung und Sitte als heilig zu gelten hat. (Maimonides hilch. Teschuboh 3. 2 und hilch. Abel 1,10.) In gleicher Weise wird der Proselyt, welcher sich um die Aufnahme in die Gemeinschaft des Judenthums bewirbt, nicht auf irgend ein Glaubensbekenntniß, sondern auf die Beobachtung der dem Juden als heilig zu geltenden Lebensordnung verpflichtet. (Jebamvth 47 n.) Geradezu Bewunderung verdient es, wie unsere Weisen selbst in denjenigen Fällen, wo es sich um eine Verwickelung mit einem ausgesprochenermaßen gegensätzlichen Standpunkt handelt, die ursprünglich jüdische Anschauungsweise unverrückt festhielten. In dem Falle, daß einem Sadduzäer der Charakter eines vollwichtigen Juden zuzuerkennen ist, wäre doch, sollte man meinen, es so gut wie selbstredend, daß sowohl ein Abschwören der diesf'älligen Irrlehren und eine ausdrückliche Betheuerung des uberlieferungsgerechteu Standpunktes gefordert werde. Allein auch da kam nur das nunmehrige praktische Verhalten den jüdischen Lebenspflichten gegenüber in Betracht. (Niddah 4> 2.) Wenngleich Maimonides, was die Ausbildung einer umfassenden Theorie des jüdischen Glaubensstandes betrifft, am weitesten ging, so hat er jedoch den wahren Werth der diesfälligen Erkenntniß keinen Augenblick weder verkannt, noch überschätzt. Er betrachtete die Forschung über diese Angelegenheit als ein Mittel, die religiösen Begriffe zu läutern, die Erkenntnisse zu klären und übersichtlich zu gestalten, kurz, sie waren ihm wesentlich Mittel, um zu einer leichtsaßlichen Orientirung über das ganze Lehrgebiet zu gelangen. Wie weit er selbst davon entfernt war, diesen Dingen ein entscheidendes Gewicht zuzuerkennen, das zeigt seine eigene Aeußerung gerade an der Stelle, wo er sein System d.es Glaubens aufstellt. Zu der Mischna Synhedrin 10. 3 bemerkt er: jtan r-M vro n-s pwvb pH ninwb ab) nrcab p*i *w xVanbno np „Ich habe wiederholt betont, daß jede Meinungsverschiedenheit. bei der es sich nur um Dinge des Glaubens, aber nicht um. solche des religiösen Pflichtenlebens handelt, eine bindende Norm nicht zur Entscheidung kömmt." Aehnlich spricht er sich zur Mischna Schebuoth 1,1 aus: srw )'H “ob -an tixek p-, vmth na'o;x3 pse» p'v nsbn pccV Kpa da hier nicht praktische Anliegen, sondern solche des Glaubens in Frage kommen, ist eine bindende Entscheidung nicht angängig. . Ganz im Einklänge hiermit steht es, wenn Maimonides entscheidet.daß die Veschneidung auch an Kindern der Karäer am Sabbat vollzogen werden dürfe, vorausgesetzt, daß sie sich dem überNeserten Judenthum /. t : 1 i l gegenüber duldsam zeigen, trotzdem innerhalb des Inj ' denthums der Gegensatz in den Dingen des Glaubens . s nirgends so scharf hervortritt, wie gerade hier. (Siehe Schach Jore deah, Cap. 262,12.) Es muß daher geradezu den tiefsten Unwillen erwecken, wonn ein Dr. Jakob es wagt, einem Maimonides gegenüber mit der Behauptung hervorzutreten, daß er einen großen Theil der Thora verleugnet.- Wo ist das geschehen? Heraus mit den Beweisen! Was Maimonides von der Thora gehalten und welche Gefühle er ihr gegenüber gehegt, zeigt am besten die Thatsache, daß er sich eigenhändig eine Thorarolle geschrieben. (Hilchot Sefer Thora, Cap. 9 und 10.) Von ihm wird im Meor enajim des Asarja de Rossi berichtet, daß er eine weite und gefahrvolle'Reise bis nach Spanien unternommen, um die von ihm geschriebene Tborarolle mit einer berühmten, dem Esra zugeschriebenen Handschrift zu vergleichen. Als er eine allseitige Uebereinstimmung seststellen konnte, betrachtete er diesen Tag als den glücklichsten seines ganzen Lebens und beging ihn alliährlich als ein Familienfest. An anderer Stelle berichtet Maimonides wieder, daß er selbst am Vortage des 9. Ab niemals auch nur ein gekochtes Gericht, sondern stets nur Brod und Wasser genossen. (Hilch. Tanith Cap. 5, 9.) In einem Briefe an den Dajan Rb. . Pinchas betheuert er, daß er 'ip nteo niemals außer I Acht gelassen. Kein Geringerer als der große Taschbatz! sagt von einem längst nicht dem bedeutendsten Werke unseres Maimonides — dem msonico —: „Beider ] Aufstellungen — sowohl die des Verfassers, - wie die seines Gegners Nachmanides — sind kostbarer, als alles Gold, ein Jeder von ihnen bewährte sich hierbei in seiner gewaltigen Größe bezüglich des umfassenden Wissens, denn beide Talinude standen vor ihnen, wie ein gedeckter Tisch. Ich habe mich mit diesen Werken besaßt und erkannt, daß sie den» Einfältigen geistige Ueberlegenheit verleihen. Wer verständig ist und den Talmud kennt, wird nach dem Studium dieser Werke erkennen, daß - sein früheres Wissen ein Senfkorn nur bedeutete im - Vergleiche zu dem durch das Studium dieser Werke Er- > wordenen. Wenn, Jemand jedoch tiefer in die Gegenstände, die Jeder von ihnen aus dem Talmud hrranzieht, eindringt, der muß sich alsdann wie ein neugeborenes Wesen Vorkommen, er wird sich von einem anderen Geiste beseelt wissen, von dem Geiste nämlich, der von jenen auf ihn überging u. s. w." Auch moderne Rabbiner sollten sich doch ein wenig mehr der Ehrfurcht befleißigen, wenn sie von unseren Größen reden. Durch ihre Rücksichtslosigkeit verurtheilen sie nicht diese, sondern sich selbst. Es ist aber nicht Jedermanns Sache, ihnen mildernde Umstände — auf die sie nur auf Grund ihrer hervorragenden Unwissenheit Anspruch haben — immer zuzubilligen. (Fortsetzung folgt.) ’ /

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