Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 44 (2.6.1902)
- Date
- 1902-06-02
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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wurden, dem sie besuchenden Zähler wahre und genaue Angaben zu machen. Eine große Anzahl Stichproben haben auch ergeben, daß die Fremden wirklich ihre Herkunft nur in seltenen Ausnahmsfällen zu verheimlichen gesucht haben. Durch die große Zahl der von fremden Eltern in England geborenen Kinder, welche in Folge ihrer englischen Gebürt nicht als Fremde gezählt werden konnten, sank die Zahl der Fremden im Alter von unter 15 Jahren von 29,9 pCt. der Gesammtbcvölkerung auf 9.8 PCt. herab. Dagegen zeigte sich, daß von den erwachsenen Personen/ im Alter von 15—45 Jahren, die Fremden 72,7 pCt., gegen 51,2 pCt. bei der eingeborenen Bevölkerung aufweisen konnten. Aus diesem Grunde betrug auch die Zahl der beschäftigten Männer bei den Fremden 94 PCL. gegen 93 der Engländer. Bemerkenswerth war dagegen die verhältnißmäßig geringe Zahl der arbeitenden fremden Frauen, welche nur 36 pCt. gegen 41 pCt. der Gesammtbevölkerung -bildeten. Zeuge erklärt dieses durch die Thatsache, daß der Prozentsatz der unverheiratheten, zur Arbeit gezwungenen Frauen unter den Fremden weit geringer, als unter den Engländern ist. Im Ganzen hatten von den 136,000 in London lebenden Fremden 89,200 erwachsene Personen vollauf Beschäftigung. Davon waren 16,660 (darunter 12,673 Russen und Polen) Schneider und 3862 Schuster (2250 Russen u. Polen). Ferner waren 2245 Bäcker und Konditors, 3025 Kunsttischler, 1678 Taback- und Cigarrettenarbeiter und 9190 Kellner, Hausdiener, Köchinnen und Dienstmädchen. . ' Haben die bis dahin vernommenen Zeugen alle von den Fremden als solchen ohne Unterschied der Religion und der früheren Heimath gesprochen, so trat jetzt ein Zeuge auf, der zwei volle Tage hindurch nur von den Jutnn sprach und die christlichen Einwanderer mit keiner Silbe erwähnte. Der Name dieses Zeugen ist Mr. Arnold White. Es ist das derselbe klassische Zeuge, der schon 1888 eine damals eingesetzte Fremdenkommission in schmählichster Weise hinter's Licht zu führen gewußt hat, und der den Antialenisten gegenüber sich verpflichtet hat, dasselbe auch dieses Mal zu versuchen. Mr. White gab am Beginn seiner Aussage an, daß er nur anderthalb Stunden reden werde. In dieser Zeit glaubte er die jetzt tagende Kommission ebenso beschwindeln zu können, wie es ihm bei ihrer Vorgängerin vor 14 Jahren, so gut gelungen war. Allein diesesmal waren die Kommiffionsmitglieder vor diesem Manne auf ihrer Hut. Der Vorsitzende der Kommission, Lord James, Nahm den' Gentelman in ein Kreuzverhör, bei dem Letzterer mancher Ungenauigkeiten überführt und sogar auf einigen versuchten Schwindeleien ertappt wurde. Mr? White entpuppte sich dabei als'ein Antisemit reinster Qualität, der keinen Juden leiden mag, wenner auch sein Geld sehr gern nahm. Die Statistik ist nach seinen Aussagen ein absolut unzuverlässiges Hilfsmittel und die russischen Juden die Quelle sammtlicher Uebel, die England und die Engländer in den letzten 25 Jahren erfahren haben. Die nach England ausgewanderten russischen Juden sind nicht allein krank, schmutzig, mittellos und verbrecherisch beanlagt, sie find auch Pro-Buren und freuen sich über jeden von-'den Engländern in Südafrika erlittenen Mißerfolg. Im Einzelnen gab Mr. White in seiner ersten Vernehmung am 28. April an, daß die russischen Juden in so hohem Grade den, Russen überlegen sind, daß das russische Volk glaubt, sie mit aller Gewalt Niederhalten zu müssen, da sie sonst binnen zehn Jahren sich zu unbedingten Herren des Landes machen würden. Daher ist die russische Negierung bemüht, die Zahl der Juden ihres Landes nach Kräften herabzusetzen und die Russen lachen sich in's Fäustchen, wenn sie sehen, daß wir ihnen die Juden, die sie so gerne loswerden möchten, bereitwillig abnehmen. Die bei dieser Gelegenheit von Mr. White vorgebrachten statistischen Zahlen über die Vermehrung der russischen Juden strotzen vor Ungenauigkeiien und hoffen wir, daß die Kommission die vorgebrachten Daten nicht unbesehen hinnehmen werde. Ganz erlogen ist aber die Angabe, daß die russische Regierung den auswanderungslustigen Juden die Steuern erläßt und die Eisenbahnfahrt nach der Grenze ermäßigt. Von Steuererlässen ist nie die Rede gewesen und die Ermäßigung der Reisekosten erfolgt nur für diejenigen Juden, welche auf Kosten der „I. C. A.' nach Argentinien reisen. Letztere bilden aber eine verschwindende Minderheit unter den alljährlich Rußland verlassenden Juden und haben in den letzten sechs Jahren/ zusammen kaum 400 Personen ausgemacht. Als gewesener Agent des Baron Hirsch müßte Mr. White dieses wissen, seine unrichtige Aussage vor der Kommission ist daher eine bewußte Lüge, auf. die wir unsere jüdischen Glaubensgenossen in England hiermit aufmerksam machen wollen. Zu der austreibenden Kraft, welche so direkt und indirekt von der russischen Regierung gegen die Juden ihres Landes angewendet wird, tritt nun eine Anzahl - von anziehenden Kräften hinzu, welche die bedrängten russischen Juden gerade nach England hinziehen. Dazu , gehören in erster Reihe die 65 jüdischen Wohlthätigkeilsgesellschaften in London, welche zusammen für die russischen Juden alljährlich 2*/ä Millionen Mark ausgeben.. Dazu kommen noch 2,600,000 Mk. jährlich hinzu, welche die Baronin Hirsch für Darlehenszwecke an die fremden Juden gestiftet hat. Wir brauchen nicht hinzuzufügen, daß die beiden Angaben auf Unwahrheiten beruhen. Ein zweiter Magnet für die russischen Juden bilden die sreien Institutionen, welche ,. . Vorsitzender Lord James: Welche Sie wohl ebenfalls abschaffen mochten? (Großes Gelächter im Audito rium.) Mr. Withe: Gewiß möchte Institutionen ab-, geschafft sehen, welche die englischen Frauen zu Prosti-