Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1902)
- Date
- 1902-05-28
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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.919 wieder Bocherim. Jeder neu Hinzukommende prallte zurück oder drückte in irgend einer anderen Weise erst sein Entsetzen, dann sein Bedauern dem schwitzenden, zitternden Schammes ans und schloß sich dem wachsenden Häuflein an. Man flüsterte einander zu, so daß Reb Maische es hören und doch den Eindruck gewinnen mußte, daß man ihn die Worte aus Mitleid nicht hören lassen wallte: „Der ist schwer krank." „Das überlebt er nicht." „Wir sind schon wie feine Lewajeh." Zum Scheine protestirte einer gegen eine derartige pessimistische Prognose, aber der wurde nicht übel abgetrumpft. „Chammer!" riefen ihm Zwei. Drei in gedampftem Tone zu; „hast Du keine Augen? Siehst Du nicht, daß es schon der Anfang der Gcssiße (Agonie) ist?" — Mehr todt als lebendig erreichte Reb Maische, von acht Vachurim eskortirt, die Stadt. Kam ihnen auf der Straße eine Frau oder ein Mann mit der neugierigen Frage entgegen, was denn los sei?, dann wurde entweder mit einem entrüsteten „Still!" oder mit einem mitleidigen „Nebbich, Reb Moische! Er hat es schwer abbekommen, Gott soll helfen!" geantwortet. Endlich war die Wohnung des Schammes erreicht. Die Vachurim rissen dem Gepeinigten die Kleider vom Leibe, legten ihn in's Bett, schickten nach dem Doktor, zündeten ein Feuer an, setzten Wasser auf, und als der angeblich bestellte Arzt immer noch nicht kam, braute man „für Hunderterlei" einen fürchterlichen Thee, und that so geschäftig, wie nur möglich. Reb Mosche ließ jetzt Alles über sich ergehen. Er bemitleidete sich; er wußte nicht, wie er den Vachurim danken sollte, die sich förmlich für ihn opfern zu wollen schienen. Als der angeblich zum Arzt ausgeschickte Vachur mit der Meldung kam, der Doktor sei zu einem Patienten auf's Land gefahren, stießen die freiwilligen Pfleger des vermeintlichen Kranken einstimmig einen Ausruf des Schreckens aus und schrieen: „Jetzt ist es aus. Er muß nebbich sterben." Als der Thee keine andere Wirkung hatte, als die, daß dem vermeintlichen Patienten so unbehaglich wie nur möglich zu Muthe wurde, rief plötzlich ein Bocher: „Das ist die Geffiße. Jetzt laßt ihn wenigstens die Widde sagen!" - Und Reb Moische, der, ganz gebrochen, alles that, was .ihm geheißen wurde, sagte die Widde. Die gottlosen Bocherim riefen: „Sch'ma Jisroel", und endlich flüsterte einer: „Er ist todt!" Reb Moischel, der keine Ahnung hatte, wie einem Todten zu Muthe ist und nur wußte, daß ihm so schofel wie möglich war, streckte die Beine aus und blieb ganz ruhig liegen. „Holt ein Laken, ihn zuzudecken!" rief ein Bocher, und prompt wurde ein Laken herbeigebracht und über den eingebildeten Todten ausgebreitet. Feierliche Stille. „Es ist vielleicht noch ein bischen Lebenswärme in' ihm, aber die wird bald verschwinden," sagte ein sich sachverständig geberdender Bocher. „Nebbich," begann nun Einer. „Es ist wirklich schade, daß er gestorben ist. Er war doch ein ordentlicher Schammes!" „Ein bekoweder, ehrlicher Jüd," sagte ein Anderer nunmehr ungenirt laut. - V - „Laßt mich gehen!" rief ein Dritter. „Man soll allerdings den Todten nur Gutes Nachreden. „Und ich sag' auch, . „Reb Moische, olow hascholem," und wünsch' ihm, daß er soll eingehen in's Ganeiden. Aber waswahr ist, ist wahr. Er hat doch e Mieße meschunne eingenommen. Der beste Beweis, daß er Schemborchu nicht gefallen hat. Ein Amhoorez ist er gewesen, ein Chammer, möglich gar ein Posche. Uns Bocherim hat er durch seinen Mangel an Derech Erez genug geärgert, 'n Flegel, 'n grobber Jung ist er gewesen, der nur vielleicht wegen Sechus Owes in's Geneiden kommt, den aber der Teufel hätte holen müssen." Das war dem armen Reb Moische denn doch zu viel. Langsam hob er das ihn bedeckende Laken auf und sagte: „Wenn ich nor nicht todt wäre, hätt' der Bocher sich ewadde e Krie geschnitten." V „Reb Moische lebt! Es ist e Wunder geschehen! Tcheijes hameißim!" Damit stob, die Bachurim-Gemeinde aus dem Zimmer und überließ es Reb Moische, ganz aufzuerstehen und bald anfzustehen. Das Abenteuer und der Verlust der Hasenfelle, die ein Konkurrent ihm weggekaust, hat er nie verschmerzt und es herrschte fortan ein permanenter Kriegszustand zwischen dem Schammes der Kehile und den Vocherim der Jeschiwah von L. ' Der Streich war, wie zugegeben werden soll, nicht weiter zart; aber zu der Zeit, da es noch in Deutschland Jeschiwahs und Bocherim gab, war man nicht so zartbesaitet wie heutzutage. Am wenigsten war es der Schammes Reb Moische, und Jugend hat eben keine Tugend, und nimmt bei der Ausführung eines Streiches nicht viel Rücksichten,