Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-05-28 · Heft 43 (28.5.1902) · page 20

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 43 (28.5.1902)
Date
1902-05-28
Page
– (sequence 20)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449834--55999-2518762
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Von Ludwig L. Politzer. Wanderungen öuvch's Iudenvierkel. Newyork hat seine zwei großen Judenquartiere. Im alten Newyork, anstoßend an den ausgedehnten Geschäfts-Distrikt, ist das russisch-polnische und slavische Element und im Norden der Metropole, Harlem genannt, sind die internationalen Angehörigen der Mittelklasse und die reichen Deutsch-Amerikaner. Das Erstere ist ungleich interessanter wie Harlem, aber es fesselt das Interesse theilweise auch durch nichts weniger als ästhetische Merkmale. Beim Durchschreiten dieser Gassen fallen einem die bärtigen Gestalten auf, die, halb patriarchalisch, halb zerlumpt aussehend, ihren Geschäften nachgehen, oder nach gethaner Arbeit an den Haus-Eingängen sitzen. Gleich diesen Männern sieht man die Frauen und Kinder schmutzig und zerlumpt, schreien und feilschen — häßliche Bilder, die man gerne wieder aus dem Gedächtniß verwischt. Das Innere dieser Häuser ergänzt meistens das Aeußere. Dumpfe Wohnräume — Mangel an Luft und Licht der meist mit vielen Kindern gesegneten Familien, die von der Hand zum Mund leben. Dazwischen findet man natürlich auch reichere Leute — Parvenüs — die in dieser Sphäre ihr Geld gemacht haben, und es in ihrer gewohnten Umgebung verbrauchen. Religiös sind sie in vielen Sachen ein Vorbild und die Sabbatheiligung hat hier unten viele Anhänger. An Samstagen herrscht Ruhe und Sauberkeit in den Straßen und die zahlreichen großen und kleinen Gotteshäuser sind von Andächtigen überfüllt. Man jnutz sich diese Straßen an einem Freitag beispielsweise anschauen, wo sie geschäftigen Ameisen- Alleen gleichen. Da sieht man die Fischhändler, die frische Waare auf Handkarren feilbieten: auf gleiche Weise sind Obsthändler, Hausirer (engl, peäckler äen.) mit Hausgeräthcn, vertreten, und durch diese Reihen drängen sich die Käufer. Das ist ein Geschwirr von tausend unschönen, schrillen Stimmen; dazwischen tönt der Zeitungsjungen Heller Ruf, die ihre in jüdischen Lettern gedruckte Zeitungen (Papers) anbieten. Da sind vor, allem die „Daily News," ein in englisch-jüdischer Sprache erscheinendes Blatt, dann die „Jews Times." „Vorwärts." „Volksadvokat" und noch manch anderes. Unter den Blättern für jüdische Interessen, die in englischer Sprache erscheinen, steht der „Jew's Messenger" an erster Stelle. ' Ungefähr fünf große Buchhandlungen haben alle erdenkliche Litteratur in jüdischer Sprache, vom theologischen Werk bis zu dem in's jüdische Idiom transferirten Gassenhauer und Niggersong. Plötzlich tönt Geschrei und Gejohle an unser Ohr — wir werden aufmerksam und sehen einen Knäuel Menschen, der sich vor einem Wagen herschiebt, in dem ein ältlicher, gelähmter Herr sitzt, der von einem eigenen Stab junger Leute beiderlei Geschlechts umgeben ist: das ist ein Missionär; sein erster Assistent und Sprecher ist ein getaufter Jude. Derselbe — Doktor Oskar Lemberger ist sein Name — dessen Wiege in eben diesem Theile Newyorks gestanden hat, ist einer der fanatischsten Missionäre. Begreiflicherweise müssen sich diese edlen Bekehrer alle möglichen Insulten gefallen lassen, und häufig den Schutz der Polizei erbitten, gegen die Wurfgeschosse aller Art, mit denen die wüthende Menge, für ihre Rathschläge dankt. Die'Seelenkäuferei wird in Newyork überhaupt sehr eifrig betrieben; früher sind sogar Beträge bis zu 300 Dollars an bekehrungslustige Juden bezahlt worden. Jedenfalls ist in den letzten Jahren die Konkurrenz stärker und die Finanzen der Mission schwächer geworden, denn wie man hört, , bekommt Einer höchstens noch 5 Dollars, wenn er sich taufen läßt. Hier geht eben alles nach dem Grundsatz: first business (erst Geschäft). Wer in Amerika darauf sieht, nach unserem Ritus geschlachtetes Fleisch und Geflügel zu essen, ist entschieden besser daran, denn er hat dann eine gewisse Garantie für frisches Fleisch, während die anderen Metzger auf das sog. Eishausfleisch angewiesen sind. Die Sache verhält sich folgendermaßen: Amerika ist das Land der Trusts. Wie viele andere wichtige Dinge, ist auch der große Tbeil der Schlachtthiere in den Händen einiger großer Schlächtereien, die das ganze Land mit Fleisch versorgen und von denen das Land abhängig ist. Der Hauptsttz der Schlächtereien ist Chicago und Boston. Dadurch wird auch das Fleisch zum Spekulationsobjekt. Die kleineren Engros-Fleischer kaufen, zu günstigen Zeiten großen Bedarf und verwahren ihn monatelang in ihren Eishäusern. Ebenso geht's mit dem Geflügel, und es wird Niemand im Zweifel sein, welchem Fleisch er mehr Zutrauen schenken soll. Was die Restaurants und Lunchrooms betrifft, welche die Etikette „koscher" tragen, so werden sie recht sonderbar geführt. In Jedem dersel-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.