Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1902)
- Date
- 1902-05-28
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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öio neu Berathung über den Zustand der rumänischen Juden beiwohne. Augenzeugen haben mir versichert, daß dieses erbärmliche Pamphlet von Polizisten in Uniform verbreitet wurde; die Universitäts-Studenten hatten also nur die Firma hergegeben. Doch es kam noch schlimmer. Ich dejeunirie bei einem Freunde, als dort zwei Abgesandte der höchsten Behörde erschienen, die im Namen der letzteren den Wunsch äußerten, daß ich der für diesen Tag einberufenen Versammlung nicht anwohnen solle. Ich war im ersten Augenblicke verdutzt über dieses Ansinnen. Wie? Die in Paris lebenden rumänischen Studenten können dort frank und frei Berathungen abhalten, deren Spitze sich beispielsweise gegen Ungarn richtet, und sie werden von Niemandem behelligt. Und ich als Franzose sollte in Bukarest nicht dasselbe Recht in Anspruch nehmen dürfen, welches seitens der französischen Behörden den in Frankreich anwesenden Rumänen in liberalster Weise eingeräumt wird? Doch nach kurzem Besinnen entschied ich mich, dem Wunsche der Behörde, der ja eigentlich kein Wunsch, sondern ein rechtswidriger Befehl war, Folge zu leisten, und zwar aus einem sehr einfachen Grunde. Ich hielt mich nur für kurze Zeit in Rumänien auf, konnte, daher die Verantwortung für event. Blutvergießen nicht übernehmen. Wäre ich ständig in Rumänien seßhaft und hätte ich also die Möglichkeit gehabt, die Folgen meines Handelns selbst zu tragen: keine Gewalt auf Erden würde mich bewogen haben, von der Konferenz fernzubleiben. Meine Eigenschaft als Fremder zwang mich also, dem Drucke keinen Widerstand entgegenzusetzen. Ich sagte mithin zu und war natürlich der Hoffnung, daß nun die Behörden befriedigt seien und mich nicht weiter behelligen werden. Doch wieder kam es anders. Vor dem Hause meines Freundes, dessen Gast ich war, sammelte sich inzwischen die Menge der verfolgten Juden wieder an. Um kein Aufsehen zu erregen, verließ ich durch eine Seitenthüre unbemerkt das Haus und begab mich in mein Hotel. Dort erfuhr ich nun Folgendes: Die Studenten hatten inzwischen ihr Protestmeeting gehalten. Dort wurde gegen mich gehetzt, zündende Schlagworte wurden in die Menge geworfen, der Straßenplebs wurde aufgereizt, sich gegen mein Hotel zu wenden. So weit wollte es die Polizei denn doch nicht kommen lassen. Die Behörde überlegte sich wohl, daß sie für meine Sicherheit eine schwere Verantwortung zu tragen habe. Die Vukarester Polizisten haben zwar die Flugblätter gegen mich vertheilt, aber vor bem Gedanken, daß die mit ihrer Hilfe aufgehetzte Menge sich an mir vergreifen könnte, schauderten die rumänischen Behörden denn doch zurück. Man vergreift sich nicht ungestraft an einem Bürger der französischen Republik; das werden wohl die Herren sich in letzter . Stunde denn doch gesagt haben. So wurde denn die Straße zu meinem Hotel von der Gendarmerie abgesperrt, und die fohlenden Knäuel mußten unverrichteter Dinge abziehen. klm doch etwas für die heilige Sache gethan zu haben, wendeten sich die Herren Studenten gegen das Judenviertel, zogen die Menge mit sich und man plünderte jüdische Geschäftsläden, damit der Tag doch nicht ganz verloren gehe. Diese Sachlage erkennend und wohl begreifend, daß meine Studienreise den ohnedies gehetzten und verfolgten Juden nur noch mehr Schmerzen und Bedrückung verursachen könnte, beschloß ich dann abzureisen. Auf die Nachricht von meiner Abreise stand die hilflose Menge der Juden in den Straßen. Sie zählten nach Zehntausenden. Thränenden Auges winkten mir diese Aermsten der Armen Abschied zu. Ich reiste ab. In den Stationen, wo der Expldßzug anhält, kommen immer wieder Menschenmengen. Vergebens hatten die jüdischen Notabeln aus Bukarest nach diesen Orten telegraphirt, daß die jüdische Bevölkerung im eigenen Interesse sich bei meiner Durchfahrt nicht zeigen möge. In Pitesti und in Crajova, wo der Zug anhielt, waren die Bahnhöfe von unabsehbaren Mengen, dicht gefüllt, die mir durch ihren bloßen Anblick ihr furchtbares Elend bekunden wollten. Nun bin ich seit einigen Stunden in Budapest, in der Hauptstadt eines freien und herrlichen Landes, und mit Schaudern denke ich an die Erlebnisse zurück, die mich unvermuthet in Rumänien überrascht haben. - Selbstverständlich lasse ich die Sache nicht auf sich beruhen und werde in Paris meine Rechte und Pflichten als französischer Burger wahrzunehmen wissen. Unser Minister des Aeußern. Herr Delcaffe, wird von mir benachrichtigt werden, wie man im Königreiche Rumänien einen Fremden, in dessen Vaterland die Rumänen allen gesetzlichen Schutz genießen, beendest, wie im Königreiche Rumänien die Behörden das internationale Recht zu handhaben sich unterstehen. Das Ganze ist wie ein Alpdruck von mir in Budapest ge-' wichen, hier athme ich auf. in diesem schönen Ungarn, wo Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit herrschen und wo der Fremde mit derjenigen Gastfreundschaft empfangen wird, die wir in unserem französischen Vaterlande Jedem herzlich gern einräumen. ZsiLurrgsrrachrichterr urrd Corresporr-enzerr. Deutschland. Frankfurt a. M., 28. Mai. Für den 8. und 9. Juli d. I. hat der „Deutsche Rabbinerverband" eine Versammlung feiner Mitglieder einberufen, die recht zahlreich besucht zu werden verspricht. Von besonderem Interesse dürfte die Behandlung des Themas „Zionis- I mus" sein, das auf die Tagesordnung gesetzt werden soll? Herr Rabbiner Dr. Gronemann -Hannover hat nämlich in einem Rundschreiben an die Mitglieder