Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1902)
- Date
- 1902-05-28
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43* Jahrgang. MW Lazme fikr seine Weinigen in Mi»««. Der hervorragende französische Publizist, Herr Bernhard Lazare, der dieser Tage aus Bukarest in der Hauptstadt Ungarns eingetroffen ist, erzählte Folgendes über seine Erlebnisse in Rumänien: „Vor etwa drei Wochen reiste ich von Paris ab, um die wirthschaftlichen, gesellschaftlichen und. sozialen Zustände der jüdischen Bewohner Galiziens und Rumäniens durch unmittelbaren Augenschein zu siudiren. Diese Sache hat für mich, und ich glaube, für jeden Franzosen, ja sogar für jeden Westeuropäer, ein zweifaches Interesse. Der erste Gesichtspunkt ist derjenige der Humanität. Man liest und hört von einer Menschenmenge, die in engen Städten zusammengepfercht, dem größten physischen und geistigen Elende vreisgegebcn ist. Man liest und hört: von einem beständigen Drucke, von politischen Verfolgungen, denen diese bedauernswerthen Geschöpfe ausgeliefert sind. Am Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, mehr als hundert Jahre nach der großen französischen Revolution, ist dies doch eine paradoxe Erscheinung und der denkende Mensch muß sich fragen, worin denn die Ursachen dieser Erscheinung liegen, und auf - Iveld)em Wege diesem Ueoelstande. welcher allen Errungenschaften der modernen Menschlichkeit Hohn spricht, ein Ende gemacht werden könnte. Mein zweiter Gesichtspunkt war der, daß dieses jüdische Proletariat durch das Elend aus seinem ursprünglichen Wohnorte vertrieben und in die weite Welt hinausgeschleudert wird, um dann in fremden Ländern nicht nur sein Elend, sondern auch seine unglaubliche Bedürsnißlosigkeit und in Verbindung hiermit seine geringen Lohnansprüche mitzubringen. Es ist mithin eine Frage der Arbeiterlöhne, also eine durchaus moderne, soziologische Frage zugleich. Um all dies an Ort und Stelle zu studiren, reiste ich vorerst nach. Galizien. Dort verbrachte ich zwei Wochen; unbehelligt - von - den Behörden konnte ich meinen Studien obliegen und sehr viel werthvolles Material sammeln. Meine Erfahrungen konzentrirten sich dahin, daß die galizischen Juden, im Vollbesitze ihrer politischen Rechte, sehr viel Elend erdulden müssen. Dies ist jedoch leine konfessionelle^ nicht einmal: eine politische, .sondern eine, rein wirtschaftliche Frage... -Von Ezernowitzaus ging mein Weg-nach Ml-: Manien^ Ich sollte eigentlich unser-Weg sagen, denn ich - hatte bereits Reisegefährten-- drei rumänische 'Geheim« . Polizisten, mit,. die.'jeden meiner Schritte bewachten-und mich^'-wie es.:dieirländischen -Polizisten in:dergroßen- Boycott-Campagne zu thün pflegten,- förmlich be-7V^ schatteten. So kam' ich in Jassy an. In der Bevölke- ' v-v' rung. von Antisemitismus keine 'Sstut/ ~ Ich konnte -• meine Erfahrungen sammeln, die Schulen und Hospi- ^" •' tätet besuchen, mit jüdischen Arbeitern, die durch jdaS'7 ' Fremdengesetz betroffen werden,' mich ruhig ' aus- "?•; sprechen, ohne daß die Bevölkerung irgend ei'nefemd-"'"- selige Kundgebung veranstaltet hätte." Das MeE-in f-» Jassy ist unbeschreiblich. Die jüdischen Arbeiter lüngern ' "7 und hungern in der entsetzlichsten Weise. Sie sind ge- - ' schickte Arbeiter,' fleißig und tüchtig, Und können doch 7 absolut keine Verwendung für ihre'Muskelkraft finden, s'7 Das Elend spiegelt sich in ihren Zügen, ln den bleichen.- -^'-' abgehärmten Gesichtern. Ihre Verzweiflung iss unbeschreiblich. Der bloße Umstand, daß. ein Fremder sich V':' für sie interessire, erfüllte sie mit freudigen'Hoffnungen, die leider nur sehr" wenig Begründung hahen könnten/!' Immerhin war es .für 'mich ein Trost,' sie durch'mein ' ' '- bloßes Erscheinen trösten-zü'kö'n«en. Von da ging ich Nach Bukarest. Dort ging es 'be^ " reits stürmischer her. Das Hotel, in Welchem ich abge- . stiegen war, wurde bald von Tausenden der durch' das' - Fremdengesetz betroffenen Juden umringt. Die Menge-' " kam an mich heran, klagte, seufzte und rang die Hände. . 7: Der Refrain war immer: „Wir sind arbeitslos; in je-'- : dem Augenblick kann uns das furchtbare Schicksal er- ' - eilen, mit Kind und Kegel ausgewiesen zu werden. Man läßt uns verhungern,' man gibt uns keine' Arbers man verjagt uns von der Scholle, wo unsere Wiege stand,', - 7 und wo unsere Väter begraben liegen." \- 7 V ' Auch hier besuchte ich die' Schulen und Hospitäler/ '' Auch hier ging ich im Judenviertel von Straße " zu-7 7 Straße, von Haus zu Haus,' Um den Zustand'dieser'! -7? elenden, abgehärmten, zu' Tode gehetzten Bevölkerung ^-: - mit eigenen Augen zu sehen. Doch das währte nicht" -ff lange. Die rumänischen Behörden sahen mein Krschei- 7 7 nen mit scheelen Blicken an und als Fremder mußten ich 7.' : erfahren, daß die rumänischen Behörden nicht nur die"' --: Menschenrechte der eigenen Juden, : sondern -: auch das; Gast recht einem fremden Europäer gegenüber nichts-: respektiren. .7 7 : : ^7 7 7' '' >».f4r.’:rsr. Am ersten Tage meiner Anwesenheit in Bukarest^!-';7 erzählten mir meine Bekannten, daß auf -den-Straßen di:.-; Flugblätter, verthcilt werden, deren Inhalt - sichi gegen 7/m meine Person und gegen meineThätigkeit richtete?-.JH-5;.:.: habe ein solches-Flugblatt mitgebracht.?. Hs. ist>die5N:e«^ä.^ : derträchtigste Verhetzung, die' jenwlLDrnckerschwäLße gesehen'. hat7.''!:-ilnterschriebenüst-das .Pamphlet?:/ DroÄi?; lrumänischerr; Umversitats-Studenteu.d-Darin.-tnnrd-.-diiö^or Straße.'aufgefordert, '/zu? ttnemProtestmeeting.'zurrrichüft Tschsinvn und wenn7es>sein7müb/s!-selbst-.nüt:.Gewatt:izurä5?h .verhindern, daß ich einer für denselben Tag einberufe-.-..''-