Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 43 (28.5.1902)
- Date
- 1902-05-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Trotz dieser sichtbaren Mißerfolge nun gönnt sich die Reform nicht, auf ihren Vorderen zu ruhen, neuerdings ist Herr Rabbiner Dr. Lewin, Freiburg, beauftragt, für die badischen Gemeinden ein neues Gebetbuch zu „verfassen", um so die Buntscheckigkeit des Kranzes der Reformgebetbücher noch um ein Erkleckliches zu erhöhen. Das Hauptmerkmal des neuen Gebetbuches soll seine Jnterconfessionalität sein, nicht wahr, freundlicher Leser, ein famoser Gedanke, ein jüdisches interconfesiionelles Gebetbuch, das übertrumpft noch alles bisher Dagewesene, soweit haben es selbst Holdheim, Geiger und Consorten nicht gebracht. Wie uns verschiedentlich berichtet wird, sollen darin verschiedene Wünsche und Lobpreisungen, die speziell auf das Gottesvolk Bezug haben, derart verändert worden sein, daß sie nach der neuen Fassung für alle Völker und Menschen gelten. Dem Kuli und Fetischanbeter hat Gott nach der „Bearbeitung" des Herrn Lewin ebensolche Liebesthaten erwiesen, wie seinem Volke Israel. Doch Scherz bei Seite! Wie tief muß der religiöse Sinn derer gesunken sein, die auch heute noch, wo die ersehnte Anerkennung von außen fortgeblieben, ein solches Wagniß unternehmen? Giebt es noch eine zweite Erscheinung, von so imposanter, ergreifender Wirkung, wie es das in alle Richtungen der Windrose zerstreute, betende Israel ist? Ohne Land, ohne äußeres Band, ohne Boden, ohne Mittler, stehen die in alle Richtungen der Windrose zerstreuten Söhne und Töchter des Gottesvolkes und dreimal täglich, wenn die Sonne emporsteigt, wenn -sie fällt und untergeht, im Süd und Nord, im Ost und West stehen sie nach einer und derselben Richtung gewandt und — beten! Ihr aller Antlitz ist nach den Ruinen, des Gottesheiligthums gewandt, dessen Trümmern noch heute die Kraft innewohnt alle Geister und Gemüther sich zuzuwenden, alle Gedanken und Empfindungen eines ganzen Volkes zu beherrschen, sie sind» , wie das herrliche Wort der Weisen lautet pno w'L bvV bn die Trümmer, dem sich jeder Mund zuwendet, um Gottes Herrlichkeit an seiner einstigen Stätte zu suchen und zu finden. Alle sprechen sie eine und dieselbe Sprache, es ist die Sprache ihrer heiligen Urkunden, es ist die Sprache, in der sich Gott den Ahnen, der Menschheit offenbart hat, es ist die heilige Gottessprache, deren Laute das ganze Universum in's Dasein riefen. Welch' ein Anblick, dieses einzige Gottes-Volk, vor dem einzigen Gott in der einzigen, Eiligen Gottessprache durch alle Zeiten und Zonen vertheilt, sein Gebet zum Himmel richtend. Wie klein, wie kleinlich, wie gering und verächtlich erscheint in diesem imposanten Bilde des betenden Israels das winzige Fähnlein treubrüchiger Fahnenflüchtiger, die mit ihren Brüdern und Schwestern nicht, mehr: zusammen > b^en-wollen!?- Sie wollen ihr apartes 'Gebetbuch haben! . ' -" '' Braucht man dasselbe erst zu studiren, zu kritifiren oder auch nur zu öffnen, um seine Verwerflichkeit zu erweisen? . Und wenn es besser, edler, gelauterter wäre, als die alte Tefilla, in welche /die,Väter und Großväter ihre Seufzer gehaucht, ihre Thronen geweint und aus der sie ihre Lebenskraft geschöpft, wäre es dann nicht dennoch schlechter? Könnte der Riß, den es in das betende Israel reißt, durch alle seine etwaigen Vorzüge ausgewogen werden? lieber geeignete Mittel zur Abwehr gegen dieses traurige Unterfangen werde ich vielleicht in einem spateren Artikel Einiges sagen. , ZMrmgsrmHriHte« nrrv SsrrespoSSenze». De u t f ch tos d.; Frankfurt a. M., im Mai. Im Jahre 1896 wurde hier auf Anregung des Herrn Rabbiner Dr. Horovitz, als geistiger und gesellschaftlicher'Sammelpunkt jüdischer junger Leute der Verein „Montefiore" gegründet. Dieser Verein läßt seit kurzer Zeit für seine Mitglieder eine Monatsschrift erscheinen. In der letzten Nummer sind nun die Kernpunkte der seinerzeitigen Eröffnungsrede des Herrn Rabb. Dr. Horovitz enthalten» in welcher Rede unsere Leser folgende Stelle intereffiren dürfte: - > - < - „Unsere Zusammenkünfte sollen auch — und hauptsächlich — in religiöser Beziehung stärken und kräftigen. Nur wer das Judenthum und seinen ganzen gewaltigen Inhalt kennt, oder doch zu kennen sich be- » strebt, kann ein ganzer Jude sein/ Nur wer ein kräftiges. religiöses Bewußtsein in feinem Innern trägt, kann auch nach außen als Jude auftreten und'die Hindernisse überwinden, die sich ihm, seines . Glaubens wegen, entgegenstellen." . . . Das sind wahrlich große Worte, augenscheinlich gesprochen aus einem tiefen Erfassen des Judenthums heraus — dennoch erwecken sie den Eindruck der Phrase, wenn man die Vereinsstatuten durchliest, wo es heißt: „Religiöse und politische Parteifragen dürfen im Verein nicht erörtert werden." . ' Und so ist es auch in der That! Ein großer Theil der Vorträge behandelt ganz allgemeine Thema, wie „die Ernährung des Menschen", „das Wichtigste in der Wechsellehre", „Deutschlands Handel im Mittelalter" u. s. w.; während — so weit jüdisches Gebiet berührt wird — unverfängliche Stoffe behandelt werden, so z. B.: „Göthe und die heilige Schrift", „Moses Mendelsohn", „Jehuda Halevi" u. s. w. Also — heißt das . Verbot der Erörterung religiöser Parteifragen (wo kann es für einen überzeugungstreuen Rabbiner religiöse Parteifragen geben? Hier Judenthum, dort .kein Judenthum! Weiter kennen wir nichts), nur. daß. unser Judenthum in dem. Verein„Montefiore" die.