Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1902)
- Date
- 1902-05-26
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43. Jahrgang. jtt M 42 des Literarisches. Klausner, M. A. „Die G edichte der Bibel in deutscher Sprache." Mit Buchschmuck von Judith Klausner. Kommissions- Verlag von S. Calvary & Co. Berlin 1902. ‘ 408 S. Mk. 6. Das vorliegende'Buch dürfte einem seit langer Zeit lebhaft empfundenen Mangel abzuhelfen berufen sein. Man klagt allenthalben, und sicherlich nicht ohne Grund, über die seit vielen Jahrzehnten in unserer Mitte schwindende Kenntniß und Pflege des Bibelstudiums und empfindet es als ein Symptom allgemeinen religiösen Niederganges, das eine recht düstere Perspektive in die Zukunft eröffnet. Unter den mannigfachen Ursachen, die diese bedauerliche Erscheinung hervorgerufen und gezeitigt haben und eine Wendung zum Bessern hintanhalten und erschweren, dürfte der Umstand nicht an letzter Stelle stehen, daß es uns an guten, literarisch werthvollen Büchern fast vollständig fehlt, die das Berständniß zunächst der ästhetischen Schönheiten und Feinheiten der Bibel in den gebildeten. Schichten unserer Glaubensgenossen wieder zu wecken und anzuregen imstande wären. Ein Buch dieser Art, das den bezeichnten Anforderungen und Wünschen in geradezu idealer Weise Genüge thut, liegt uns nunmehr vor. Es ist das alte, doch ewig junge heilige Buch der Bibel selbst — in modernem Gewände! Denn wenn etwas der jungen Generation die alte Liebe und Ehrfurcht für dieses großartige Erbe der Väter, das heilige Buch Israels, wieder einflößen soll, so vermag es nichts in einem auch nur annähernd gleichen Maße, wie dieses heilige Buch der Bibel selbst — freilich modernem Geschmacke und Zeitgeiste angepaßt. „Die Gedichte der Bibel" sollen, wie schon der Titel besagt, die poetischen Theile der heiligen Schrift dem Leser vor Augen führen. Sie enthalten das Hohelied, das Klagelied, den Psalter und das Buch Hiob in einer vortrefflichen deutschen Nachdichtung, die mit erstaunlichem Geschick eine zuweilen fast wörtliche Treue mit großer dichterischer Freiheit und Selbstständigkeit verbindet. Es ist eine Strophendichtung von zumeist vierzeiligen Strophen mit metrischer Mannigfaltigkeit, die dem jeweiligen Inhalt entsprechend gebildet ist. Mck welcher Formvollendung, mit welch' feinem Kunstsinn selbst die äußeren, zur Erreichung der höchsten poetischen Wirkung freilich sehr wichtigen dichterischen und musikalischen Mttel, wie sie Vers und Reim darstellen, hier angewendet worden sind, "mag an einem Beispiele, an dem Hohenlied, gezeigt werden. Während der vierfüßige Tropäus am Anfänge des Hohenliedes durch die Schwere und die Bedächtigkeit seines Schrittes das Märchenhaft-Visionäre, das Lyrisch-Phatastische recht glücklich andeutet, der Liebenden Zwiesprache dagegen in leicht bewegten Jamben rasch und freudig dahineilt. . drängen gegen das Ende anapästische Verse sinn- und kunstgemäß zum Abschluß. So bietet denn auch in diesem neuen Gewände das herrliche Lied, das an dichterischem Schmelz und Duft in der ganzen Weltlitteratur unerreicht dasteht, den Eindruck eines erhabenen.' poetischen Kunstwerkes in fast noch höherem Maße, als das Original selbst dem gebildeten Leser zu bieten vermag, weil wir es in der uns verständlicheren Sprache ,' leichter zu überschauen und zu würdigen vermögen. Ein Aehnliches darf auch von den übrigen hier ‘ übersetzten Büchern mit Recht gesagt und anerkannt werden. Entsprechend dem jeweiligen Charakter und der jeweilig herrschenden poetischen Stimmung ist auch die poetische Form des Metrums, in die der Inhalt ge- \ kleidet worden. Daß der nachdichtende Interpret der Bibel unvermeidlich auch zum Exegeten derselben wird und werden - muß, ist leicht begreiflich. Mit diesem Exegeten könnte man allerdings zuweilen über die Berechtigung seiner Auffassung rechten, doch dürfte er sich alsdann auf die' dichterische Nothwendigkeit berufen, die ihm da und ' dort eine bestimmte Auffassung aufgedrängt habenmag. Und da wir dem Dichter die poetische Lizenz nicht verkümmern und nicht versagen mögen, so wollen wir ihn auch wegen des Gebrauchs derselben nicht tadeln, umsoweniger, als der Sinn des Txtes in seinen Erweiterungen sowohl als auch in seinen Verkürzungen, überall streng und getreu gewahrt wird. Auch in der äußeren Ausstattung steht das Buch' auf der Höhe der Zeit. Mit feiner schönen Deckelverzierung, mit seinem prächtigen Druck, dem feinen Büttenpapier, darf es den Vergleich mit jeder ähnlichen Prachtausgabe in modernen Literaturen ruhig und beherzt aus?. .. Ja, selbst die vier als Buchschmuck eingelegten Zeichnungen, als deren Schöpferin auf dem Titelblatt Judith Klausner genannt wird. auf. die wir jedoch gern verzichteten, weil wir ihnen keinen Geschmack abgewinnen können, gemahnen uns an die neue Zeit und den neuen Geschmack, in deren Zeichen dieses Buch das Licht der Welt erblickt hat. . , ' ’;•! Alles in Allem ist es ein prächtiges Puch, da8 hier dem jüdischen Leserkreise vorgelegt wird und für das wir seinem Verfasser recht dankbar sein müssen. Schwung und Eleganz der Sprache, Feinheit und Hoheit poetischer Nachempfindung. Wärme und Tiefe Religiöser Begeisterung, Takt und Geschmack haben sich ist diesem Buche vereint und sichern ihm unbestrittene An-