Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 42 (26.5.1902)
- Date
- 1902-05-26
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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meiner jährlichen Rundreise zu Gesichte kamen, ist es wohl nicht gut möglich, irgend einem eine besondere Aufmerksamleit zuzuwenden. Dieses Kind aber übte eine besondere Anziehungskraft auf mich aus. ich konnte den Gedanken an es nicht los werden. Nicht etwa darum, weil es eine Waise war, auch nicht, weil der Knabe allgemein als Rachmones betrachtet wurde — leider gibt es in meinem Sprengel sehr viele Waisenkinder und so manches Rachmones — aber etwas Besonderes, Unerklärliches nahm mich für dieses Kind ein. Nun heute hat es der Brief seiner Großmutter zur Genüge erklärt, die Ähnlichkeit mit seinem mir so unendlich theuren Großvater." Nach einer Pause fuhr der Rabbiner fort: „Das Kind mochte ungefähr acht Jahre alt gewesen sein, als ich wieder einmal die Prüfung seiner Klaffe vornahm. Pinchas erhielt von mir, wie jedes andere Kind, die Hand voll Zuckerwerk, während ich an die besten Schüler der Klaffe zur Belohnung ihres Fleißes und zur Aufmunterung für die anderen je ein Exemplar des Jahrbuches „Debora" vertheilte. Da mit einem Male fühlte ich instinktiv die Blicke von klein Pinchas auf mich gerichtet, daß es mich bis in's Herz rührte. „Magst Du auch so ein Buch haben. Kleiner/, fragte ich ihn. Hochroth vor Freude nickte -mir der Junge bejahend zu. Ich griff in die Tasche und holte noch ein Buch heraus, welches ich vorräthig hatte und reichte es ihm. Nie in meinem Leben vergesse ich das Aufleuchten dieses verschleiert scheinenden Auges. Der Blick voll unendlicher Dankbarkeit und Liebe, der mich traf, sagte mir, daß dies Kind, trotz der großen Sorgfalt seiner Pfleger, eine auf unbegreifliche Weise zurückgebliebene Pflanze sei, welche eines befruchtenden Regens und belebenden Sonnenscheins bedürfe, um zu gedeihen und das Versäumte nachzuholen. Durch Ihr unermüdliches Bestreben, meine lieben Freunde, ist ihm beides geworden, wofür ich Ihnen im Namen seines verewigten Großvaters meinen herzlichen Dank ausspreche. Im darauffolgenden Jahre, als ich wiederkam, enisann ich mich des Vorfalles mit dem Buche, und fragte lächelnd den Knaben, ob er etwas gelesen habe?" „Etwas?" antwortete derselbe, „ich habe alles gelesen und kenne das ganze Buch auswendig!" . „So war es auch. Wo immer ich das Buch aufschlug, überall sagte mir der Junge alles her. Und mit welchem Verständniß?! Von da an ist die geistige Nacht, welche das Kind umgeben, von ihm gewichen und hat dem göttlichen: „Es werde Licht!" Platz gemacht." ' Als der Rabbi geendet hatte, begann Neb Schlome: „Ehrwürden!, was sollen wir aber der Frau Goldberg auf ihren Brief antworten? Sollen wir ihr Verlangen erfüllen? Bitte, rathen Sie uns." „Das ist Sache der Zunächstbetheiligten. Kommen Sie her, mein Kind," sagte der alte Herr freundlich ~ zu dem erröthenden Mädchen. „Was werden Sie mirantworten, wenn ich Sie mit den Worten der heiligen Schrift frage: „Willst Du zu diesem Manne, gehen?" Sophie senkte den Blick zu Boden und schwieg ganz verwirrt. : , Der Rabbiner wurde dringlicher: „Sprechen Sie ohne Scheu, liebes Kind! Nehmen Sie auf gar nichts Rücksicht, als auf den Zug Ihres Herzens, denn der. ist bekanntlich des Schicksals Stimme, oder wie wir gläubigen sagen, der Wille der göttlichen Vorsehung.> Bedenken Sie, es ist Ihr schwerkranker Jugendfreund, der nach Ihnen verlangt, es ist seine alte -Großmutter, welche an Ihnen die Güte vergelten will, die Sie und Ihre guten Eltern dem verlassenen Waisenknaben erwiesen haben. Sie schweigen noch immer,; wird Ihnen denn der Entschluß gar so schwer?" doch. Ehrwürden, stammelte Sophie, „aber meine Eltern —" . V; :- .7. „Ihre Eltern werden dem Glücke des einzigen Kindes nicht im Wege stehen, so schwer ihnen auch die Trennung von ihm wird. — Ist es so, lieber Teinitz?" , „Sicherlich! Der Herr Kreisrabbiner vermag-ja derart in den Herzen der Menschen zu lesen, daß.ihm keine Regung derselben verborgen bleibt." „Aber doch nur in geraden, unverdorbenen Herzen, welche so offen und unverstellt vor mir liegen, wie dieses unschuldige Kinderherz und Ihr offenes, redliches, lieber Freund!" 1 -: Der würdige Gast hatte dasTeinitz'sche Haus verlassen und öde und einsam wurde es Frau Esther in demselben; denn auch ihr geliebtes Töchterchen war in Begleitung des Vaters abgereist, hin zu dem kranken Jugendfreund. - . - :. . ' VIII. -,7- Im Garnisonsspitale zu R.. war die Besuchsssunde angebrochen. Als die Uhr die zweite Nachmittagsstunde angekündigt hatte, blickten die meisten der mehr oder minder schwer kranken Männer erwartungsvoll nach der Thüre, durch welche ihnen ein Besuch kommen' konnte. Es war nicht so sehr die Sehnsucht nach Verkehr mit der Außenwelt, welche die Patienten empfanden, als vielmehr die Sehnsucht nach den Erfrischungen; welche die Besucher in den meisten Fällen mitzubringen pflegten. .‘ VjJ Einer «der Kranken saß hingelehnt in einem be-- quemen Lehnstuhl und blickte ängstlich bald nach der.' Thüre, bald nach seiner Taschenuhr.' .. Dieser junge Mann brauchte wohl nicht auf die . mitzubringenden Leckerbissen zu warten, denn erstensfehlte es ihm an nichts, denn es war auf die reichlichste! Weise für alle seine Bedürfnisse gesorgt, auch jede nrög^^ liche Bequemlichkeit war ihm verschafft, anderntheils fühlte er nicht das mindeste Bedürfnisse oder Verlangen nach irgendwelcher Speise oder Trank. Er glaubte.