Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 58 (21.7.1902)
- Date
- 1902-07-21
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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43, Jahrgang. d gO ' fff Bf Amlsrge zu 58 99r 4L Das orlhodoFe Äudenthum. Von Wtth. Löwy y%t in Sarbogard, Ungarn.*) XIV. (Schluß.) Zum Schluffe wollen wir noch auf zivei „Belveise" reflektiren, die für die Einheit des Judenthums in's Treffen geführt werden, und von denen einer bei so manchem Ministerium für Kultus als Dogma sanktionirt wurde und als Folie zu so manchem Ministerialerlasse diente. „In der ganzen Welt ist nur ein Judenthum bekannt," rufen aus voller Kehle unsere „Liberalen." Wir haben den nöthigen Respekt vor dem neuen Dogma, bitten aber gleichzeitig mit dem gebührenden Respekt die geehrten Wortführer und Stimmnngsmacher der Neologen, gefl. einen Ausflug zu machen nach dem Orient. Was werden Sie. geehrte Herren, z. B. in Stambul finden? Nicht Juden, die sich am Sabbat eure Zigarre gutschmecken läffen, wohl aber Juden, die selbst bei sibirischer Kälte, wenn eben Sabbat ist, nicht cinheizen lassen. Diese Juden bilden eine besondere Sekte, - welche unter dem Namen „Karaiten" bekannt ist. Solche können Sie auch in Galizien und Rußland antreffen. Halten Sie dann ein wenig Umschau in. Rußland, was werden Sie wahrnehmen? Sie werden Juden sehen, die ihre Kinder — taufen und beschneiden lassen. Nicht wahr, ein Kuriosium? In Salonichi werden Sie wieder Juden begegnen, deren erster Glaubenssatz lautet: „Gott ist einzig und Sabbatai ist ein Prophet."*) Nun heißt es nach Berlin oder nach Newyork; dort sind wieder Juden, die statt des heiligen Sabbates den Sonntag feiern. Daß Juden den Sabbat nicht halten, dürfte freilich Ihnen nicht neu sein, aber Sie werden doch ganz besonders überrascht sein, am Sonntag einen öffentlichen jüdischen Gottesdienst mit gemischtem Ehor, Orgel und Predigt anzutresfen. Und alle diese Juden bilden Gruppen von jüdischen Sekten, pardon! sie sind alle ebenbürtige Mitglieder der einig-einzigen jüdischen Konfession! „Wer zuviel beweisen will, beweißt eben gar nichts!" -— Man könnte aber vielleicht geltend machen wollen, daß dort, wo die Reform noch keine solche große Dimensionen angenommen hat, eine Trennung doch nicht motivirt wäre. Die traurigen Erfahrungen aller Zeiten haben uns belehrt, daß rrvsj* ima mcp daß auch der scheinbar kleinste Abfall vom überlieferten *) Schluß aus Nummer 41. **) Monatschrift für „Geschichte und Wissenschaft des Judenthunls". Sebr. 1884. Judenthume lawinenmäßig sich immer mehr vergrößert bis er endlich ihm ganz feindlich gegenüberteht; denn „Das eben ist der Fluch der bösen That, daß ie fortzeugend Böses muß gebären" -- wie daS bekannte Dichterwort lautet. — Auch können wir es - ja heute feststellen, daß die Trennung überall, verschwindend kleine Ausnahmen abgerechnet, die größten Segnungen im Gefolge hatte, und die Fortdauer des Judenthums nur im Lager der sogenannten Orthodoxen für ewige Zeiten gesichert ist. In jenen Gemeinden jedoch, wo man unter dem Deckmantel des Friedens „um jeden Preis" die Einheit und Zusammengehörigkeit der orthodoxen und neologen Elemente aufrecht zuerhalten bestrebt war, da lehrt eben die Erfahrung, daß der „Preis" denn doch viel zu hoch war; denn nicht nur fortwährende Reibungen und Streitigkeiten zum Hohn des vielgepriesenen. Fadens gehören zur Tagesordnung, nicht nur werden die Frommen bei den nichtjüdi- , scheu Behörden von den Neologen denunzirt, sondern der Nachwuchs, die' jüngere Generation, wird schon im : zarten Alter vom bösen Beispiel beeinflußt und nähert sich immer mehr dem gänzlichen Abfalle. Zu allerletzt aber, und darauf legen wir das größte Gewicht, hat ein Jeder das Recht, selbst zu bestimmen, insofern keine staatlichen Interessen tangirt werden, was seinem religiösen Bedürfnisse zuträglich oder nachtheilig ist. Wenn daher auch nur ein. einziger ehrlicher Jude erklärt, sein Gewissen erlaube ihm nicht, Mitglied einer neologen Gemeinde zu sein,, so darf dies nicht in Zweifel gezogen werden, und jeder Zwang, den man auf ihn ausüben möchte, in welcher Form immer einer solchen Gemeinde anzugehören. ist ein himmelschreiendes Attentat auf die Glaubensfreiheit, und heißt: Gewissenszwang! Als zweiter Beweis gegen die Existenz zweier jüdischer Konfessionen wird angeführt, daß die Trennung ja ohnedies eigentlich nicht durchgeführt erscheint, indem ja die von einem neologen Rabbiner vollzogene Trau- ung auch in streng-orthodoxen Kreisen als bindend anerkannt wird (von Ehescheidung und Chalizoh läßt sich dies nicht behaupten); ferner wird die Heirath zwischen Orthodoxen und Neologen selbst von den frömmsten Rabbinern wenn auch nicht gebilligt, so doch auch nicht' verboten. Dies ist ja ein eklatanter Beweis für die Einheit der jüdischen Konfessionen! Dem entgegen .wollen wir auf eine andere neologe Einwendung verweisen, deren Nichtigkeit jedoch auf der. Hand liegt. Wie kann von einer Spaltung im Schooße des Juden- . thums eine Rede sein, sagt man, wenn selbst der Götzen dienende Jude nach der rabbinischen Lehre Jude bleibt? Allein, wer hat denn Noch je behauptet, die Neologen wären keine Juden? Wer wird aber zu behaupten