Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 37 (7.5.1902)
- Date
- 1902-05-07
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Den 16. Nissan feiern wir als Gedenktag der Erlösving aus egyptischer Knechtschaft, kaum aber ist dieser Freudentag dahin, so beginnen wir mit dem Abend des 16. Nissan sofort zu zählen und immer mehr zu zahlen, bis jem- Tag herangenaht ist, der uns das herrlichste Gottesgeschenk, die Thauroh gebracht hat. Diese Sefiroh sollte, heute noch unser Vorbild, unser Maßstab sein, wie wir Gesetzestreue unserem Ideale zuzustreben haben.. Mit unseren neologen Brüdern zusammen feiern wir den Gedenktag der Befreiung aus mittelalterlichem Drucke. Während sie aber mit diesem Resultate zufrieden sind und nun sich gemüthlich einzurichten trachten, wissen wir, daß die eigentlich jüdische Aufgabe nun erst beginnt. Wir haben nämlich die physisch befreite Judenheit wiederum dem Sinai entgegenzuführen. um dort von neuem das alte. Gottesgesetz zu empfangen. Während aber sowohl die Judenheit des Alterthums, als auch die Judenheit des Mittelalters in diesen Sesiroh-Tagen freudebewegt ihr ntwtt ,swmj jubelten, wendet die Judenheit der Neuzeit dem Judenthume kalt und fremd den Rücken. So lange diese traurige Thatsache.anhält, haben wir weiter zu „attmern," zu rechnen und zu zählen, bis die Zahl derer beträchtlich ist, die nicht nur die physische, sondern auch die psychische Befreiung erstreben. Wir halten es daher mit dem „rheinischen Schulmanne" in der Neuzeit für unumgänglich, nicht nur die Tage, sondern auch die Köpfe zu zählen. Neben all den vielen modernen Vereinsgründungen, die fast ausschließlich dem physischen Wohle der Judenheit gewidmet sind> müssen überall im deutschen Vaterlande Vereinigungen 'der d'k't* geschaffen werden, auf daß auch unsere alte Thauroh wieder zum alten Glanze gelange. Wir Rheinländer wollen in diesen Sesiroh-Tagen uns die erhabene Größe unserer Ahnen im Mittelalter zum Vorbilde nehmen. Wie sie es verstanden haben, für Las Judenthum in den Tod zu aehen, wollen wir versuchen, für die Verbreitung des. Judenthüms zu leben und zu wirken. In kurzer Zeit schon ist es uns mit Gottes Hilfe gelungen, jährliche Beiträge in der Höhe von tausend Mark für unsere Zwecke zu sammeln. Sobald, wir das vierte Tausend beisammen haben, wird es unser Trachten sein, den Mann zu gewinnen, der die . tobten Gebeine zu einem lebendiges Organismus zusamenfügt. Möge das rheinisch-westfälische Vorgehen . baldigst auch in den übrigen deutschen Gauen Nachhall finden — und wir haben nicht umsonst Sefiroh gehalten. umm? Mö. Wn irvra non* nnb CsrreHwrcherLZSS. HX 477--'.>rrx'7-j.' ‘'rTV*' r.:\J ■ ÄS * l-S ^nd.- .»7 ^Oerlin-- 6» 'Mai.- (R e i ch s r a g.) <Das Toleranzgesetz ist heute in zweiter Lesung fertig geworden. Der Paragraph, welcher bestimmt, daß gegen den Willen der Eltern kein Kind zum Religionsunterricht oder Gottesdienst einer anderen Religionsgemeinschaft gezwungen werden darf, wurde nach längeren Auseinandersetzungen angenommen; die weiter gehenden Anträge der Freisinnigen und der Sozialdemokraten fanden keine Mehrheit. Auch der Versuch der Polen, bei dieser Gelegenheit den polnischen Religionsunterricht zu retten, blieb erfolglos. Das Centrum ließ die polnischen Freunde im Stich, weil der Antrag nicht in dieses Toleranzgesetz, sondern in ein Schulgesetz gehöre. Nur die Sozialdemokraten stimmten dafür. Ganz interessant war eine Rede Bebels, in der er aussührt, daß der moderne Staat gar _ kein christlicher Staat mehr sei. Der Rest des Gesetzes, der dem Kinde nach dem 14. Jahr die Entscheidung über sein religiöses Bekenntniß überläßt und der weiter vom Austritt aus der Kirche handelt, erledigte sich schnell und leicht. Frankfurt a. M., 5. Mai. Einen schweren Verlust hat die jüdische Einwohnerschaft in Bingen erlitten. Tie Gattin des Herrn A. Woog, Mitbegründer der israelittschen Religionsgesellschaft, hat in.der Frühe des ' Rüsttages zum heil. Sabbat ihre edle Seele ausgehaucht. Sie hatte sich vor einigen Monaten nach Frankfurt a. M. begeben, um hier in der Pflege ihrer Tochter zu genesen. Aber der Himmel hatte es anders beschlossen. Trotz aller Sorgfalt und Zärtlichkeit, mit welcher sie umgeben wurde, erlag, sie ihrem schweren Leiden. Sie ragte durch ihre rastlose, aufopfernde Thätigkeit im Dienste der Wohlthätigkeit, sowohl der materiellen, y als auch der persönlichen, hervor. Jhiwn Gatten unterstützte sie in seinem eifrigen Bemühen für rnrnn min mit allen ihren Kräften, so daß ihr Haus als Vorbild eines echt jüdischen Heims in der hübschen Rheinstadt galt. Zahlreiche Gemeindemitglieder aus Bingen hatten sich in Frankfurt eingefunden, um der würdigen Verschiedenen die letzte Ehre zu erweisen, darunter auch der verehrte Herr Rabbiner Dr. Neuwirth. Von einer Würdigung ihrer Verdienste am offenen Grabe mußte abgesehen werden, weil man sich im Monat Nissan befand. Möge der Allmächtige den Hinterbliebenen seinen Trost senden. Frankfurt a. M. (Eine Hundertjährige.) Am Sonntag. 4. Mai, feierte Frau Hannchen Meyer Wwe., Heiligkreuzstraße 38, ihren hundertsten Geburtstag. Sie ist am 4. Mai 1802 in Overbicher bei Neuwied a. Rh. geboren. Ihr späterer Mann machte die Befreiungskriege mit und gerieth bei Waterloo in französische Gefangenschaft, aus der er erst nach sieben Jahren befreit wurde. Die Greisin, die erst vor Kurzem hierher zu ihrer Tochter übergesiedelt ist, erfreut sich der besten geistigen Frische: ^jr Gedächtniß ist ungetrübt und oft erzählt sie im Familienkreis Erlebnisse aus früheren Jahren bis'--zu I ihrer Kinderzeit. -