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Der Israelit · 1902-05-05 · Heft 36 (5.5.1902) · page 10

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 36 (5.5.1902)
Date
1902-05-05
Page
– (sequence 10)
Language
German
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So stellt sich ihm denn das ganze Judenthum als eine Art Schlackenprodukt eines chemischen Prozesses dar. Nur bleibt es einem unerfindlich, woher er denn die dazu erforderlichen Zersetzungskräfte nimmt. Die scheinen sich ihm geradezu aus dem Nichts zu ergeben. Haben wir noch ein Recht, uns über die Rücksichtslosigkeit .christlicher Gelehrten aufzuhalten, die das Judenthum als ein wesenloses Nichts ohne jede geschichtliche Bedeutung hinstellen?! Jüdische Gelehrte — pardon Wissenschaftler, suchen sie ja hierzu noch bei weitem zu überbieten. Solchermaßen ließen sich nun die Dinge vortrefflich schlichten. Doch plötzlich zeigt sich Herrn Dr. Jakob eine Klippe. Es ist dies die 1. Mischna im letzten Abschnitt in Synhedrin, die da lalltet: ob» "pjn tchät «an cb'sb pbn V' bs üb)vb pbn anb pser ibxi vr« .’3>ea px jen dwi fo min pxi mim jo nmi n"nn px *ioxn xnn ^Jeder Israelit ist des ewigen Lebens theilhaftig, wie es heißt: „Dein Volk :— alle Gerechten — werden das Land in Ewigkeit besitzen, sie sind Sprößlinge meiner Pflanzung, das Werk meiner Hände ist rühmenswerth." Doch Folgende haben keinen Antheil am ewigen Leben: „wer die Auferstehung, oder wer den göttlichen Charakter der Thora leugnet." Da sich nun eine solche Klippe nicht umschiffen läßt, so muß sie halt gesprengt werden. Herr Dr. Jakob ermangelt auch nicht, die volle Schale seiner Entrüstung über dieselbe zu ergießen. Weder Gott, noch sonst Jemand, meint er, habe den Talmud oder Maimonides ermächtigt, ein derartiges llrtheil auszusprechen. Es lasse sich daher kein Mensch darob, bange machen. Die Ungereimtheit eines solches Satzes würde sofort an den Tag treten, wollte man es versuchen, ihn einem unserer Propheten zu unterstellen. Also bleibt nicht anderes übrig, als daß er christlichen Ursprunges sei, etwa so eine Art Ketzerkanon, wie er bei den Kirchenvätern gang und gäbe ist.;*■; (Fortsetzung folgt.) ZMrmgsrrachrichte« Ed Sorresyorrderrzen. Deutschland. ' Berlin. 3. Mai. Die Verathung des sog. Toleranzantrages des Zentrums wurde heute im Reichstag fortgesetzt, und zwar bei den recht wichtigen Bestimmungen über die religiöse Erziehung der Kinder und die Wahl des Bekenntnisses -— diesen Fragen, die zu schweren Gewiffensbedrücküngen geführt haben und führen.: Die Kommission, glaubt eine Lösung gefunden zu haben, indem sie in § 2 vorschlägt, daß für die Bestimmung, des religiösen Bekenntnisses, in dem ein Kind erzogen wird, die Vereinbarung der Eltern maßgebend sein - soll, und daß, wenn eine solche Vereinbarung fehlt, die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches Platz greifen sollen, welche von der Sorge für die Person des Kindes handeln. Das klingt recht schön und scheinbar einfach; ob es aber eine Lösung ist, wird Jeder bezweifeln, der die heutigen Debatten gehört und gesehen hat, wie sehr freisinnige und liberale Männer, die Herren Schräder und Dr. Hieber, gegen diese Fassung mißtrauisch sind. Von konservativer Seite wollte man die einzelnen bundesstaatlichen Vorschriften reiten. Es ist aber schließlich bei den Vorschlägen der Kommission geblieben, für die das Zentrum eintrat, das bei dieser Gelegenheit sich konfessionell milde und tolerant darzustcllen beliebt. . Einen wichtigen Streitpunkt bildet der § 2 d. nach welchem gegen den Willen der Erziehungsberechtigten ein Kind nicht zur Theilnahme am Religionsunterricht oder Gottesdienst einer anderen Religionsgemeinschaft angehalten werden darf. Da spielt der Streit über die Dissidentenkinder hinein. Herr Schräder beantragt, daß ein Kind überhaupt nicht gegen den Willen der Eltern oder Erzieher zum Religionsunterricht gezwungen werden darf. Die Sozialdemokraten wollen den Religionsunterricht aus den.Schulen ganz herausbringen, und die Polen benutzen die Gelegenheit zu einem Anträge, daß die Kinder nicht zu: Theil- ' nähme an einem Religionsunterricht in einer anderen als ihrer Muttersprache gezwungen werden dürfen. Der agrarisch-konservative Herr Dr. Oertel malte die Gefahren eines religionslos Heranwachsenden Geschlechtes aus und pries die religiöse Erziehung als die einzige Grundlage zur Sittlichkeit. Herr Kuhnert, der Sozialdemokrat und ehemalige Lehrer, ist anderer Meinung. Darüber wird man Montag . weiter streiten und über dieses Gesetz noch lange debattiren, und schließlich wird Alles umsonst sein, denn es ist unwahrscheinlich, daß der Vundesrath zustimmt. Sollte der polnische Antrag angenommen werden, so ist das Gesetz sicher gefallen. Berlin. 3. Mai. (Abgeordnetenhaus.) Eine Petition um Beilegung der Berechtigung zum einjährigen Militärdienst an die jüdischen Volksschulleherer soll der Regierung als Material überwiesen werden. . Abgeordneter Noelle (ntl.) beantragt Überweisung zur Erwägung. Der bestehende Zustand, wonach 'Nur die Zöglinge der staatlichen Seminare die Berechtigung zum einjährigen Heeresdienst haben, fei eine Verletzung der verfassungsmäßig garantirten, staatsbürgerlichen Gleichberechtigung aller Konfessionen, um so mehr, als die privaten Seminare unter staatlicher Aufsicht stehen und ihre Lehrziele dieselben sind, wie die der staatlichen Anstalten.. Es seien einmal als Grund dieser Nichtaleichstellung angegeben worden, daß sich die Zöglinge der staatlichen Seminare auf eine Reihe von Jahren für den Staatsdienst verpflichten müßten, was von' den Zöglingen der jüdischen Privatfeminäre nicht verlangt

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