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Der Israelit · 1902-05-05 · Heft 36 (5.5.1902) · page 7

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 36 (5.5.1902)
Date
1902-05-05
Page
– (sequence 7)
Language
German
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früher war. Der Name ihrer Tochter kam nicht mehr über ihre Lippen, und sie gab sich vor den Hauslcuten das Ansehen, als ob Selma mit ihrem Willen und Wissen das Haus verlassen hätte. Indessen war es der unerfahrenen jungen Frau auf ihrer Flucht gar übel ergangen. Sie reiste nicht auf der Eisenbahn, weil sie annahm, daß sie auf dieser von der sie suchenden Mutter am ehesten aufgefunden werde, sondern wählte Landwege, auf denen sie später, aber desto sicherer, an's Ziel zu kommen hoffte. Auch wählte sie zu ihrem Nachtaufenthalte lieber kleinere Ortschaften, die selbst von dem Landwege abseits gelegen waren. Mit einem ziemlichen Geldvorrathe und ihrem sehr werthvollen Schmuck versehen, kam sie auch auf dieser Reise gut vorwärts, nachdem sie eine scheinbar vertrauenswürdige Reisebegleiterin ausgenommen hatte. Doch diese war eines Tags unter Mitnahme alles Baargeldes sowie des Schmuckes Selma's verschwunden und trotz emsiger Nachforschung der braven Wirthsleute, bei denen die beiden ihr Nachtquartier aufgeschlagen hatten, war keine Spur von ihr zu finden. Die Wirthin erbarmte sich der verzweifelnden jungen Frau und gab ihr Beschäftigung, indem sie ihr alte für's Haus nothwendige Nätherei übertrug, wofür sie ihr ganze Verpflegung gab. Denn an Weiterkommen unter diesen Umständen war für Selma nicht zu denken, und um eine Unterstützung an ihren Gatten, oder an ihre Mutter zu schreiben, konnte sich die Arme nicht entschließen. - Ein kleines Darlehen von der mitleidigen Frau in der Tasche und ein Knäblein im Arm, machte sich nach einigen Monaten Selma auf, zu Fuße den Wohnort ihres Mannes.aufzusuchen. Doch die von Jugend an Verwöhnte war solchen Strapatzen nicht gewachsen. Zudem war ihr das Kind ein Hemmniß. Schwach und krank, wie sie auf ihrer beschwerlichen Wanderung wurde, konnte sie ihrem Lieblinge keine Nahrung mehr bieten. Ihr Geld ging zu Ende, und so entschloß sich die Verzweifelnde eines Tages, ihr hinsiechendes Kind der jüdischen Barmherzigkeit anzuvertrauen, in der festen Hoffnung, es dann abzuholen, wenn es ihr bei ihrem Gatten besser erginge und seinen Wohlthätern dann reichlichen Ersatz für alle durch Aufnahme des Kindes entstandenen Auslagen zu bieten. ‘ Gleich Mirjam stand sie unbemerkt abseits, um das Schicksal des theuren Ausgesetzten zu erspähen. Als die unglückliche Mutter ihr Kind in den Händen der jüdischen Männer erblickte, entfernte sie üch unbemerkt. Das Uebrige wissen wir. ■ V '> / - IV. ' - •; - \ Frau Eva saß noch immer , in schmerzlichen Gedanken versunken; das Alter hatte sie zwar seither etwas milder gemacht, aber nicht ihren Starrsinn derart gebrochen, daß sie irgend welche Schritte zur Auffindung ihrer Tochter, deren Gatten oder der Kindes unter- - nommen hätten. ' v : '' 7. / In Stunden des Alleinseins drängte sich ihr . besseres Gefühl immer wieder hervcr und führte in der Seele der alten Frau einen aufreibenden Kampf mit ‘ ihrer angeborenen Starrköpfigkeit und ihren angewöhnten Borurtheilen. ' ' r r - 7 Sie war so allein im Leben, diese alte Frau, hatte keine treue Seele um sich, außer einer alten Magd. Das übrige Personal im Hause waren lauter bezahlte Feinde. Seit sie von Leopold derart hintergangen worden, konnte sie Niemand mehr volles Vertrauen schenken. - In solchen traurigen einsamen Stunden^ wie es eben die heutige war, entrang sich ihrem beklommenen- * Herzen das innige Gebet: „O Du guter Gott, an den ich stets so fest glaube, schicke mir einen Menschen an die Seite, der mir treu ist, daß ich in meinen alten Tagen nicht so einsam und verlassen da stehe. Für wen habe ich gearbeitet und gespart, wenn ich, wie Vater Abraham sagte, kinderlos durch's Leben gehe? Und nicht. einmal ein treuer Diener steht mir zur Seite, wie dem Patriarchen sein Hausverwalter Elieser."r- . Dieser Jdeengang wurde durch die alte Magd unterbrochen, welche die Thüre leise öffnete, und durch den entstandenen Spalt den Kopf steckte..' „Schlafen Sie, Madame?" „Nein, was gibt's," sagte Frau Eva unwillig, „Du weißt, Nösel, daß ich Nachmittags nicht, gestört sein: will, das ist meine einzige freie Stunde nach dem Mittagstisch." - ,-y . „Ich weiß, Madame," sagte die Magd,'indem sie in's Zimmer trat und die Thüre hinter sich schloß, „aber es sind Soldaten gekommen zur Einquartirüng, ejn . großer Herr, ich weiß nicht, ob es ein General oder Kor-' ' poral ist und sechs andere Soldaten, die vor dem Herrn einen großen Respekt haben. Was soll ich jetzt mit ihnen anfangen?" r':v-r „Geh hinaus, Rösel, der Schaffer soll die Soldaten gut unterbringen und verpflegen; er soll jedem von ihnen gleich eine Flasche Vier geben und . Vrod mit Wurst, bevor er was anderes bereitet hat.- > -; ’ Rösel eilte hinaus, um die Anordnung ihrer Gebieterin auszuführen.;. 7 ... :; . Nach einer Weile kam sie ganz bestürzt zurück. .y.\ „Verzeihen Sie mir, Madame, aber der' Soldat, wissen Sie, der Korporal oder General, hat gesagt, daher mit der Madame sprechen muß. Gott im Himmel! Es soll nur keine Gesere herauskommen!" «!> Trotz ihres Mißmüthes konnte sich Frau. Eva her diesen Worten ihrer Magd eines Lächelns nicht - wehrend „Keine Furcht, Rösel!; Wir .haben ein gutes- Gewissen, da kann uns kein General, nicht-einMl eürKor-. poral was anhaben. Sage dem Soldaten, er möge hereinkommen und mir sein Anliegen Vorbringen."

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