Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 36 (5.5.1902)
- Date
- 1902-05-05
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449828--55855-2518589- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I 783 haben unsere kühnsten Hoffnungen übertroffen. Man erinnert sich noch sehr gut an die schändlichen Vorkommnisse, die in dieser Kolonie haben stattkinden können: jüdische Mitbürger wurden auf den Straßen wie wilde Thiere verfolgt, Frauen mißhandelt, jüdische Häuser von einer wilden Horde ausgeraubt und geplündert. Nun hat diese Zuchtlosigkeit ein -Ende genommen. Die antisemitischen Abgeordneten, die bisher Algier im Parlament vertreten, haben alle eine schmähliche Niederlage erlitten. Der Gegner Drumont's hat tausend Stimmen mehr, als der „Vater des französischen Antisemitismus" bekommen. So wird die französische Kammer, in der so viele Männer mit großem Geist und hohem Herzen für ihres Vaterlandes und auch der ganzen Menschheit Wohl gearbeitet haben, nicht mehr durch die Anwesenheit eines so elenden Individuums wie Drumont entehrt werden. Einen besonders hartnäckigen Kamps führten die Nationalisten und die Antisemiten gegen die Mitglieder der Regierung, die sie in der ihnen eigenen geschmacklosen Weise „le cabinet Dreyfus“ nennen. Und was sehen wir? Alle Minister, die zugleich Mitglieder der Deputirtenkammer waren, sind schon im ersten Wahlgang mit großer Majorität wiedergewählt worden. Nur der Mnister des öffentlichen Unterrichts und der Handelsminister Millerand sind in der Stichwahl, aus der sie ohne Zweifel siegreich hervorgehen werden. Jaures ist schon im ersten Wahlgange gewählt worden, obwohl seine Gegner ihn in der schmutzigsten Weise zu verleumden und zu verkleinern suchten. Pressense, Reinach, Labori, Vrisson, sind in der Stichwahl, die für sie alle sehr aussichtsvoll ist. Wir sehen also, daß selbst im Angesicht der wilden Volks- . Leidenschaft und der urthnlslosen Menge diejenigen Männer den besten Weg wandeln, die, ohne nach rechts oder nach links zu schauen, der Wahrheit dienen und der Sache der Gerechtigkeit ihre ganze Kraft widmen. Jetzt gilt es für uns. nicht auf unseren Lorbeeren zu ruhen, sondern bis zum Tage der Stichwahl unermüdlich weiter zu arbeiten, um die schmähliche Niederlage, die. unsere Feinde und die Feinde der Republik schon im ersten Wahlgange erlitten, noch zu vergrößern und zu vervollständigen. . Di. MP i -'U Ruß lau d. WyLorg, im April. (Die Juden in Finlan d.) Der finländische Publizist Dr. Axel Lille, der früher dir vom Generalgouverneur Vobrikow im Jahre 1900 unterdrückte Helsingforer Zeitung „Nya Prassen redigirthat,, veröffentlicht in der dänischen Zeitung „Politiken" vom 28. März einen warmgefühlten Aufruf , an die jüdischen Gemeinden aller Länder, um sie auf die überaus schwierige Lage der Juden in Finland zu lenken. In Finland besteht noch immer das schwedische ^Msetzvom,Jahre;1732, welches durch eine Verordnung ^vo'm'Jahre 1806 ergänzt worden ist; -diesen Bestimmungen gemäß dürfen fremde Juden in Finland nicht zugelassen werden. Die 800 m Finland lebenden Juden sind nicht sinnländische Staatsbürger, obgleich die meisten von ihnen (ungefähr 70 pCt.) im Lande geboren sind; sie leben „auf Paß", wie der Ausdruck lautet, und dürfen außerhalb der ihnen zum Aufenthalt angewiesenen Städte nicht wohnen. In den betreffenden Städten dürfen sie nur von ihnen selbst hergestellte Maaren verkaufen und . Handel mit alten Kleidern betreiben.. Auf verschiedenen Landtagen in den 7Oer und 80er Jahren würden Versuche gemacht, die Lage der Juden zu reguliren und ihnen staatsbürgerliche Rechte zu verschaffen. Diese Versuche scheiterten indessen an dem Widerstande der Geistlichen und Bauern. Im Jahre 1887 wurde die finländische Regierung bei dem Kaiser-Großfürsten (Alexander III.) um eine Lösung der Judenfrage vorstellig, jedoch ohne Erfolg. Zwei Jahre später erließ die finländische Regierung ein ganz merkwürdiges Dekret, durch welches u. A. bestimmt wurde, daß die in Finland ansässigen Juden jährlich rund 30 Reichsmark für einen russischen Paß und für einen alle sechs Monate zu erneuernden Aufenthaltsschein zahlen sollten; die Juden sollten sich nur in gewissen Stadtvierteln aufhalten dürfen, und — das Merkwürdigste von Allem — es wurde bestimmt, daß die Kinder der jüdischen Familien, welche ihre Heimath verlassen oder heirathen oder russische Wehrpflichtige werden müssen, gleichzeitig das Aufenthaltsrecht in Finland verlieren. Die finländische Regierung hatte somit einen sicheren Weg gefunden, um allmählich die Juden aus dem Lande zü entfernen. Die öffentliche Meinung — es sei zur Ehre Finlands gesagt — empörte sich indessen und die unsinnigen Senatsbestimmungen sind in ihrer vollen Strenge nicht durchgeführt worden. Die Kommunalverwaltungen verschiedener Städte haben den Juden ihre Sympathien bezeugt, indem sie ihnen für Schulen und Synagogen Geld anwiesen. Dies genügt aber nicht: die finländischen Juden sind sehr arm und die Finländer brauchen zur Zeit all ihr Geld, um gegen die russischen Unterdrückungsversuche zu kämpfen. Fenrir eto«. Erzählung von Vabette Fried, 'Urcrg. Die stolze Frau war von diesem Schlage bis in's Mark getroffen. Doch anstatt, wie es sicherlich jede andere Mutter gethan hatte, nach ihrer verschwundenen Tochter zu forschen, und alles zu ihrer Auffindung aufzubieten, wurde Frau Eva noch starrköpfiger, als sie es