Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1902)
- Date
- 1902-07-17
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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sehende Bewegung seitens der jüdischen Lehrerschaft. Herr A. W. weist darauf hin, die „Gefahr" übersehen zu haben, durch solche Zuschriften, wie oben berührt, diejenigen. Kollegen der Gleichgiltigkeit gegenüber der Schechita zu zeihen, welche für deren Lostrennung plaidiren. Das wird wohl leichterdings keiner gewollt haben. Eine Generalisirung ist ausgeschlossen. Es dürfte aber Herrn A. W. so gut wie mir und anderen Kollegen bekannt sein, daß es nicht so selten vorkommt, daß ein Strenggläubiger — er braucht deßhalb noch nicht den Namen Hyperorthodoxer oder die Bezeichnung Fanatiker zu verdienen — an manchen Orten sich den Fleischgenuß versagt, weil ihn die Schechita nicht befriedigt, selbst wennsie in den Händen eines Kollegen liegt. Und obwohl ich der Ansicht huldige, daß kein „Laie" heutzutage sich die einschlägigen „Dinim" der Schechita so gut aneignen kann, als der Lehrer, wage ich doch zu behaupten, daß unter Umständen — wohl gemerkt, unter Umständen — sich die Übertragung der Schechita an einen gewissenhaften Nichtlehrer, mehr empfiehlt, als an einen Kollegen, der ihr mit tiefstem Widerwillen obliegt. Es kennt doch jeder so weit die uns umgebenden Verhältnisse und Dinge, um Verallgemeinerungen weder nach der einen, noch nach der anderen Richtung aufzustellen. Ja, noch mehr, ich gehe noch weiter, als Herr A. W.: Unter denen, die von der Schechita „weg" möchten, befinden sich gerade strengkonservative Kollegen, die eben mit dem „Chalif" auch die drückende Bürde der schweren Verantwortung von sich legen wollen. Worauf kommt es also an? Einzig und allein auf den Gesichtspunkt, welcher bei der „Los von der Schechita"- Bewegung eingenommen wird! Herr A. W. behauptet ganz richtig, daß es „allgemein nicht gelten darf, daß die Ausübung der Schechita den Lehrerstand entwürdige, daß es aber doch in Einzelfällen wohl möglich sei." Nun, so schütte man das Kind doch nicht mit dem Bade aus. Herr A. W. führt eine Verordnung aus dem früheren Kurhessen an, wonach dem Rabbiner grundsätzlich die Schechitafunktion untersagt, dem Lehrer hingegen mit besonderer behördlicher Genehmigung gestattet ward, ersteres wohl „mit Rücksicht auf die Würde des Rabbinerstandes." Darum sollte auch keiner sich gleich entsetzen, wenn einmal ein Lehrer behauptet, die Ausübung der Schechita entwürdige den Lehrerstand. Hierzu bemerke ich, daß die behördliche Ansicht noch lange nicht auch der jüdische Standpunkt ist. Nach Letzterem vergibt sich der Rabbiner noch um kein Haar seiner Würde, wenn er beispielsweise eine Schechita vollziehen, eine Vedikah vornehmen würde, und wäre es selbst der Oberrabbiner von irgendwo und hätte er zehnmal die Faki^tas erreicht. Wie, derjenige soll höchster und autoritativer Wächter über eine hochheilige jüdische Institution sein, der mit einer gewissen Geringschätzung auf diejenigen herabschaut, die sich ihr widmen? Ein Rabbiner, der sich zu gut Mt, unter Umständen eine Schechita persönlich vorzunehmen, würde damit zeigen, daß ihm das volle Verständniß und der heilige Ernst für diese Institution fehlt. Das ist der jüdische Standpunkt, den wir Lehrer, die zugleich Schochtim sind, wohl beherzigen und jedem .gegenüber betonen dürfen. „Hüte meine Seele, denn ich bin fromm," ruft : der königliche Sänger im Ps. 86 auS. Der Talmud (Verachot 4, 1) bemerkt hierzu: „Bin ich nicht fromm," spricht David, „meine Kollegen, die Könige in Ost und West sitzen in Gesellschaften und in ihrem Schmucke beisammen; meine Hände aber sind mit Blut befleckt, das ich zu beurtheilen habe, ob rein oder unrein." Das war der j L d i s ch e Standpunkt Davids, dessen Hände nichtsdestoweniger auch die Leyer zu spielen verstanden, an deren Tönen wir uns Heute noch erbauen. Darum soll uns keiner schief ansehen, weil wir — schächten. Nun ist es ja wahr, daß soziale Stellung, gesellschaftliche Rücksichten, die eine feste Form oder Richtung angenommen, diesen jüdischen Standpunkt, der doch der idealere ist oder weil er es ist, hintandrängen. Wird vielleicht ein Rabbiner einmal Schechita vollziehen? Nach moderner Anschauung und in absehbarer Zeit wohl nicht. Darum hat Herr A. W. auch ganz recht, die Sache vom praktischen Standpunkte aus zu beurtheilen und mit Herrn A. W. wünscht gewiß ein Jeder, daß Lehramt und Schechita einmal in wahrhaft idealem Sinne getrennt werden, nicht weil sie innerlich unvereinbare Gegensätze sind, sondern wegen der allbekannten „Begleiterscheinungen" auf diesem Gebiete. Eine Trennung ist zu wünschen, um jeder Funktion zu einer um so schöneren Entfaltung und besseren Entwickelung zu verhelfen. Allein — will man Utopien nicht nachjagen —so muß man sich sagen, daß dieser „praktische" Standpunkt vorläufig ein „idealer" bleiben wird, bleiben muß. Oder ist uns etwas damit gedient, wenn wir glauben, daß hier die „Omnipotenz des „D.-J. G.-B." einsetzen" könnte? Erst beim jüngsten „Gemeindetag" wurde für die steigenden Ansprüche auch eine entsprechende Steigerung der Beiträge der Bundesgemeinden befürwortet. Man nehme doch das statistische Jahrbuch zur Hand und überzeuge sich, wie oft die bekannte 3-Zahl der bekannten Funktionen auftaucht. Die trockenen Zahlen sprechen eine beredte Sprache. Eine auch nur annähernd grundlegende gedachte Aenderung bedingte einen gewaltigen Mehraufwand pekuniärer Beihilfe. Daran ist wohl vorläufig nicht zu denken. Trotzdem mag es nichts schaden, wenn wir Lehrer uns über das Schechitaamt gegenseitig aussprechen-, lvenn es nur in objektiv er Weise geschieht. Es gilt auch im Rahmen des jetzigen. Zustandes noch Vieles, was geändert, verbessert werden kann. Ein schroffes Vorgehen muß aber jeder Einsichtsvolle schon mit Rücksicht auf die antisemitischen