Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1902)
- Date
- 1902-07-17
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2446951-2449795-2449847--56316-2518575- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Schechita kann, wo fie dom Lehrer versehen wird, für denselben noch andere Gefahren im Gefolge haben. Oft findet sich, besonders in kleinen Gemeinden, Niemand, dem 'sie anvertraut werden könnte, pw Opas bth bnwn da muß der Lehrer allerdings eintreten. Es gibt aber auch Orte, wo ja geeignete Kräfte sich finden, ja, wo Leute stark darauf reflektiren, um (bei dem Rückgang in den Vermögens- und Erwerbsverhältnissen bei den Juden auf dem Lande ist das mehr als begreiflich) sich dadurch einen Nebenerwerb zu suchen, der manchem auch herzlich.zu gönnen ist. Sollte daxin, daß hier der Lehrer, wo er Schachet ist, im Wege steht, keine Gefahr für ihn enthalten sein? Ich nehme stark an, daß dieser Umstand bei der vor nicht langer Zeit eingetretenen Auflösung einer Volksschullehrerstelle in Hessen viel mitgesprochen hat. Darum ist die Uebertragung der Schechita an den Lehrer nur da nothwendig und zu empfehlen, wo andere (allerdings dann in jeder Beziehung geeignete) Personen nicht zu haben sind. Allerdings spricht das pekuniäre Interesse hier viel mehr mit, wie jedes andere Interesse, mehr noch von Seiten des Lehrers, als der Gemeinde. Gar mancher Lehrer sucht ebenfalls dadurch sein Einkommen zu erhöhen, und viele Gemeinden suchen ihrem Lehrer dadurch ein ausreichendes Einkommen zu 'verschaffen, ohne zu tief in den eigenen Säckel greifen zu müssen. Ob das nun der Stellung des Lehrers angemessen ist, ist eine vollständig andere Frage. Man stelle den Lehrer eben so, daß er auf solches Einkommen nicht unbedingt angewiesen ist. Das geht in mittleren und größeren Gemeinden ohne große Opfer, und in ganz kleinen Gemeinden kann das Hinzunehmen der hier meist geringen Einnahmen aus der Schechita eben auch nicht viel helfen. Die Schule, besonders die Volksschule, beansprucht für sich schon die ganze Schaffenskraft eines Mannes. Dem jüdischen Lehrer erwachsen aber außerdem schon durch das Chasonos und durch seine Stellung in der Gemeinde so viel dienstliche und außerdienstliche Nebenthätigkeiten, daß für das Wohl der Schule die Abtrennung der Schechita nur zu wünschen ist. Freilich, ich habe einen Bekannten, der steht mehrere Tage in der Woche Morgens um 4 Uhr auf, schächtet 2 bis 3 große Stücke Vieh, geht zum Gottesdienst, unterrichtet sechs Stunden in einer einklassigen Volksschule, gibt 3 bis 4 Privatstunden, schächtet Nachmittags womöglich noch ein paar Mal und hat seine Schule in vorzüglichem Zustande; aber eine solche Riesennatur hat nicht Jeder. Ich stelle nicht schroff die Forderung der Abtrennung der Schechita vom Schulamte; ich wollte nur den Beweis liefern, daß man sich auf der Gegenseite gar nicht so sehr zu ereifern braucht, vor Allem nicht in dem Maße, daß man die Bestrebungen, welche auf diese Abtrennung hinauslaufen, als Verrath an der Schechita, als Verrath am Wähle des Lehrerstandes hinstellt. Ueberhaupt habe ich mich über manche Kollegen und ihre Angriffe auf die Kollegen gewundert. Ich gebe zu, daß man z. B. in der Affaire Geis verschiedener Ansicht sein kann; daß Herr Steinhard etwas Anderes als Ehre und Wohl des Lehrerstandes vertheidigen wollte, gebe ich nicht zu. Run konnte man ja die Ausfechtung der Angelegenheit ruhig dem „Israelit" und Herrn Steinhard überlassen. Ich gebe weiter zu, daß die Entrüstungs - Kundgebungen aus den Lehrerversammlungen verschiedene Auffassung zulassen; ich selbst bin auch Mitglied des Vorstandes in einem Vereine und habe mich mit meinem Vereine an diesen Kundgebungen nicht betheiligt. Aber von dem Augenblicke an, wo der „Israelit" öffentlich aussprach, die Kundgebungen seien bestellte Waare, hatte der gesammte Lehrerstand Ursache, sich in seiner Standesehre beleidigt zu sehen. Wenigstens haben da doch die Lehrer nicht Ursache, wie es Herr Mannheimer-Dettelbach thut, die Sache des „Israelit" zu der ihren zu machen, anstatt sie der Redaktion selbst zu überlassen. Bemerkungen zu dem Artikel des Herr» A. W. von A. Mannheimer—DeÜelbach. 'Die Ausführungen des Herrn A. W. über die vom jüdischen Lehrer auszuübende Schächtfunktion findet im allgemeinen meine volle Zustimmung. Sie decken sich mit dem von einem hessischen Lehrer in Nr. 51 dieser Blätter Ausgeführten. Ein jeder im Amte stehende Kollege weiß, welche Mühe und Arbeit, welche Unannehmlichkeiten und Aufregungen die Schechita oft mit sich bringt. Handelt es sich doch hier um eine der allerwichtigsten Gemeindeinstitutionen, zu deren korrekter Durchführung so viele Faktoren Zusammenwirken müssen. Rabbinat und Schochet, Gemeindeverwaltung und Metzger müssen ineinandergreifen und ineinander arbeiten, ehe die gewissenhafte jüdische Hausfrau eine rituelle Wirtschaft zu führen im Stande ist. Der Schochet nun ist sich seiner verantwortungsvollen Stellung wohl bewußt in jedem einzelnen Fall, er allein hat in jedem einzelnen Falle mitzuentscheiden und mitzuurtheilen. Wer alle die peniblen Vorschriften über Schechita und Bedika kennt — und ein Schochet muß sie kennen — der hat beim Schechitaamte stets das Bewußtsein „Benafschau jowi lachmau," hier eineFunktion zu erfüllen, die im strengsten Sinne des Wortes „Gewiffenssache" genannt werden muß. Aus diesem Gesichtspunkte sind auch jene Aeußerungen verschiedener Kollegen aufzufaffen, die Herr A. W. als „Uebertreibungen" bezeichnet. Ich gebe zu, daß bei solchen Kundgebungen nicht alle Worte auf die Goldwage gelegt werden. Wie so oft, heißt es auch hier: der Ausdruck mag übertreiben, aber er gibt zu denken! So wenig in der Lostrennung der Schechita vom Lehramte eine unmittelbare Gefahr für ersten liegt, so bedenklich wäre doch eine in dieser Hinsicht mit Hochdruck ein-