Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1902)
- Date
- 1902-07-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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schon ausgeschlossen. Die theoretische Seite wieder anlangend, so kann ich die Moral der Evangelien keinesivegs der unseligen gegenüber als eine überlegene anerkennen. Das schon um deßwegen nicht, weil der Grundsatz der Nächstenliebe, den dieselben — wie allgemein von den berufenen Vertretern der christlichen Theologie behauptet wird — als einziges Gesetz des moralischen Lebens anerkennen, wohl für die allerprimitivstenFormen des gesellschaftlichen Lebens, wie fie etwa im Nomadenthum in die Erscheinung treten, ansreifen mag. Unter komplizirteren Formen der Gesellschaft. in welcher die Menschen nach den verschiedensten Ständen und Berufsarten sich sondern, gegeneinander abschließen und vielfach auch miteinander kämvfen muffen, versagt dieser Grundsatz vollständig. Diejenigen, welche auf so primitive Weise die moralischen Probleme des menschlichen Lebens anschauen, sind meines Erachtens überhaupt nicht in der Lage, ihre eigentliche Natur zu erkennen. Darauf würde mir von gedachter Seite unter anderem Folgendes erwiedert: „Ich habe eine Pause gemacht. Ich »var an's Fenster getreten, um meine Gedanken angesichts des klaren Sternenhimmels zu sammeln. Wie ich ihn ansah, kamen mir die schönen Ausführungen des' Maimonides über den achten Psalm, die ich im vorigen Jahre von Ihnen hatte vortragen hören, in den Sinn, und ich versenkte mich voll und ganz in die jüdische Denkweise und dachte so bei mir: Es wäre ein schöner Vergleich, von Ihrem Standpunkte aus zu sagen: Wie ein Himmel mit tausend Sternen, großen und kleinen, rothen und goldschimmernden unsere Erde umgibt, also umgibt unser inneres Leben der göttliche Himmel der Offenbarung mit taufend Geboten und Gesetzen, herrlich geschmückt. Weiter lausche ich in gehobener Stimmung dem Rauschen des breiten RheinstromeZ, der vor meinem Fenster daherfließt. Und ich dachte: Wie unzählige Quellen und Bronnen sich vereinigt haben, um ihn zu erzeugen, der nun befruchtend durch die Ebene strömt, also vereinigen sich auch die göttlichen Gebote zu einem großen Strome der Erquickung, des seligen Gefühls der Gottesgemeinschaft und befruchten das Herz. Glau- Sie mir, ich denke nicht mehr gering von der talmudischen Ethik, während ich sonst mich wohl leicht mit dem Worte „äußerlich" mit ihm abfand," „Aber ich frage weiter und bleibe bei den Bildern: Jst's nicht eine einzige große Kraft, die das All zusammenhält, nicht eine Kraft, welche alle die . Sterne in ihren festen Bahnen hält? Ich will sie die Central-Sonne nennen, um welche das Universum kreist, wohl wissend, daß diese Mädler'sche Hypothese eben eine Hypothese ist. Und weiter: Muß nicht eine Kraft gewirkt haben und noch wirken, um die vielen Gebirgsquellen alle zu einem Ziele hinzuleiten: Ahnen Sie, worauf ich hinaus will? — „So bestimmt in der natürlichen Welt sich alle Wirkungen und Erscheinungen der stofflichen Kräfte auf ein einheitliches Prinzip zurückführen lassen, sei es das Prinzip der Schwere, der Kraft, oder der Wärme, also lassen sich auch in der ethischen Welt alle Gesetze auf ein einheitliches Prinzip zurückfiihren, — auf das Prinzip der Liebe, der Liebe zu Gott und der dadurch bedingten Liebe zu den Menschen!!" Ich muß an dieser Stelle schon eine Unterbrechung in den Ausführungen meines Freundes eintreten lassen. Was ich denselben vorab entgegenzuhalten habe, ist, daß es für mich stets einen Vorgang bedenklichster Art bedeutet, wenn bei der Behandlung eines verwickelten wissenschaftlichen Problems, anstatt die Sache selbst scharf in's Auge zu fassen, an deren Stelle ein, oder wie in unserem Falle geschehen, gar zwei Bilder gesetzt werden. Anstatt geklärt, wird der Sachverhalt dadurch nur noch verwickelter. Schon die aufgestellten Vergleiche kann ich nicht ohne sehr schwerwiegende Vorbehalte hinnehmen. Derjenige mit dem Sternenhimmel stellt die israelitische Auffassung eines moralisch-religiösen Lebens von ihrer objektiven Seite, der andere dagegen, welcher von dem Rheinstrome ausgeht, dieselbe Sache in' ihren persönlichen Beziehungen dar. Auch sind die Folgerungen, die aus beiden Erscheinungen gezogen, sachlich nicht richtig. Wenn es auch wahr ist, daß die Wissenschaft die Bewegungen des gesammten Sternenhimmels im Weltenraume von einer einzigen Kraft ableiten zu können vermeint, so ist es doch unbestreitbar, daß das für unsere Auffassung verhältnißmäßig viel einfachere Gebilde eines Stromes — nur durch das Zusammenwirken sehr zahlreicher, untereinander ganz unabhängiger Kräfte zu Stande kommt. Was der eine Vergleich beweisen soll, wird demnach von dem andern sofort wieder aufgehoben. Wenn derartige Erwägungen für uns maßgebend sein.sollen, ja woran sollen wir uns denn eigentlich halten? Wohl aber könnte von meinem Standpunkte aus der erste Vergleich in einem andern Sinne als annehmbar erscheinen. Dem in die entlegenen Wüsteneien, oder auf das weite Meer verschlagenen Reisenden kann dort alles Wissen von der Welt und ihren Kräften nichts frommen, um den rechten Pfad ausfindig zu machen. Hier gilt es, die Sterne recht in's Auge zu fassen, und darnach die Schritte auf Erden, in die rechte Richtung zu lenken. Solcher Art hat Gott uns in Seinen Geboten und Lehren himmlische Meilensteine für den richtigen Wandel auf dieser Erde gesetzt, den wir aus uns selbst, trotz des reichsten Wissens - von den Dingen dieser Welt, nimmer finden würden. Von alldem abgesehen, liegt hier im vorhinein eine falsche Auffassung des Sachverhaltes zu Grunde. Wenn es gar schon für zulässig erscheine, von der Natur eia Vorbild für das sittliche Leben der Menschen zu ent-