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Der Israelit · 1902-07-17 · Heft 57 (17.7.1902) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 57 (17.7.1902)
Date
1902-07-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
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lehnen, so darf doch die eine grundlegende Thatsache nie außer Acht gelassen werden, daß jene Centralkräfte, welche angeblich das Weltall bewegen und zugleich-im Innern Zusammenhalten sollen, doch nur als ein Erzeugniß des feinsten abgezogenen Denkens anzusehen sind. Die Natur als solche kennt sie nicht. Ihr Prinzip scheint doch ganz im Gegentheile darin zu bestehen, dem Zufalle so wenig Spielraum als nur möglich zu überlassen. Selbst das kleinste und unscheinbarste Gebilde erhebt sie zum Stützpunkte ganz bestimmt differenzierter Kräfte. Wer könnte sich dieser Wahrheit erwehren, der je schon den Durschnitt eines Weizen-, eines Roggen- und Haferkornes unter dem Mikroskope betrachtet hat? In jedem Falle erscheinen die unendlich kleinen Stärkemehlmolekule je nach einem anderen, aber ganz bestimmten Grundgesetze aneinander gereiht. Wir sehen also, daß die Natur im einzelnen gegebenen Falle nicht mit weltumspannenden, allgemeinen Formeln, sondern mit ganz bestimmten, das Einzelne gestaltenden Grundsätzen wirthschaftet. Wem diese peinliche Sorgfalt der Natur im Einzelnsten und Kleinsten zum Bewußtsein gekommen, der ivird sich wohl hüten, die großen, gewaltigen Probleme des moralischen Lebens einfach im Handumdrehen sozusagen spielend lösen zu wollen. Was am entscheidensten in's Gewicht fällt,,ist'die Thatsache, daß mittelst des einzigen Grundsatzes der Nächstenliebe keinerlei Handhaben für den Aufbau und die Struktur des Familienlebens sich gewinnen. Eine Moral, die in diesem wichtigsten Punkte versagt, hat einfach ihren Zweck verfehlt. Lassen wir erst das Menschengeschlecht wie ein Rudel wilder oder meinetwegen zahmer Thiere sich fortpflanzen, dann ade mit aller Moral! Und wären unsere Grundsätze der Nächstenliebe noch tausendmal herrlicher und edler, als sie schon sind, sie würden uns auch nicht ein Strohhalm nützen. Erst indem uns.die Religion ihre tiefften; ethischen Grundsatzes für eine Aufrichtung des Menschengeschlechtes, im Sinne der höchsten Moral an die Hand gegeben hat — Grundsätze, die geradezu als das strikte Gegentheil jenes Grundsatzes erscheinen — dadurch allein kommen wir in die Lage, mit dem Grundsätze der Nächstenliebe in diesem Leben etwas ausrichten zu können. —-— Davon abgesehen; wo gewinnen wir denn eine Handhabe, um den Menschen vor und gegen sich selbst zu schützen? Etwa auch im Grundsätze der Nächstenliebe? — Wer aber, der die Geschichte kennt, wüßte nicht, daß geradezu das vermeintliche schrankenlose Recht, das die Menschen der eigenen Person gegenüber in Anspruch zu nehmen glaubten und vielfach noch glauben, die schrecklichsten Verheerungen unter Völkern und Menschen angerichtet hat! . AerturrgSnachriHte« rmd CorrespsNdmzerr Deutschland.;‘ Stuttgart, 10. Juli. Die in dieser Woche in der Kammer der Abgeordneten stattgefundene Berathung über die Waarenhaussteuer gab dem Abgeordneten Egger (Centrum) Veranlassung zur Behauptung, daß viele von den Gegnern dieser Steuer von den Juden abhängig seien. Diese antisemitische Rede fand in der Kammer jedoch allseitige Mißbilligung und thrilweise scharfe Entgegnung, besonders von seiten der Volkspartei. Es widersprachen ihm die Abgeordneten Binz, Galler, Betz (Heilbronn), welcher , ihm sagte, Egger, früher Lehrer, habe sich zum Träger einer niedrigen Gesinnung gemacht; es wurde Betz hier-. für ein Ordnungsruf zu theil. Auch der Referent, der ritterschaftliche Abgeordnete Freiere von Gaisberg, sprach sich mißfällig über den antisemitischen Redner aus: „Der Abgeordnete Egger ist mit großer Heftigkeit für die obligatorische Waarenhaussteuer eingetreten und hat dabei etwas Antisemitismus getrieben. Es ist kein Zweifel, daß der Geldbeutel der Juden im Erwerbsleben eine große Rolle spielt und durchaus nicht zu verachten ist. Ich habe in meiner langjährigen landwirthschaftlichen Beschäftigung die Erfahrung gemacht, daß ich manchmal leichter mit Juden Geschäfte gemacht habe, als mit den eigenen Geschäftsfreunden. Ich bin kein Judenfreund, aber ich kann nicht zugeben, daß man so von diesen Leuten redet." Aus Baden. Zwei Einladungen ergingen dieser Tage an die israelitischen Lehrer Badens zu zwei im Restaurant Weil in Mannheim am Sonntag, 3. Aug. d. I., statthabenden Generalversammlungen, nämlich zu der des Landesvereins für die isr. Relioionslehrer in Baden und zu der des Epstein-Vereins. Die letztere ist eine anläßlich des fünfzigjährigen Bestehens des Vereins veranstaltete außerordentliche Generalversammlung, die einer Jubelfestlichkeit gleichkommt. Jhringen (Baden). Im Alter von 101 Jahren starb am 8. Juli die Mutter des hiesigen Weinhändlers Jakob Guggenheimer, Frau Max Guggenheimer Wittwe. Vis vor wenigen Tagen erfreute sich die Entschlafene der besten Gesundheit. Ihre Sinne waren noch ungetrübt und ihr Auge hatte nichts an der früheren Sehschärfe eingebüßt. Selbst in ihrem hohen Alter vermochte sie Gedrucktes und Geschriebenes ohne Brille zu lesen. y. Vermischtes. Karlsruhe. S. K. Hoheit der Großherzog hat den seitherigen Landgerichtsratb Dr. Julius Hei WS heim er - zum Oberlandesgerichtsrath ernannt.

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