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Der Israelit · 1902-07-17 · Heft 57 (17.7.1902) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 57 (17.7.1902)
Date
1902-07-17
Page
– (sequence 5)
Language
German
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Iung, welche, hervorgegangen aus dem Solidaritätsgefühle menschlicher Nächstenliebe und Gerechtigkeit, sich die hohe Aufgabe gestellt hat, lauten, weithin vernehmbaren Protest zu erheben und Mittel der Abhilfe zu suchen gegen die barbarische Bedrückung und Verfolgung, welcher noch immer und unter Mißachtung der Ergebnisse der Berliner Konferenz vom Jahre 1896 die Christen in Armenien seitens der andersgläubigen Türkei hilflos preisgegeben sind, unter deren grausamer Mißhandlung und Vergewaltigung sie geradezu der Vernichtung, dem Untergange preisgegeben erscheinen. ' . Wäre es aber billig und rationell, daß diese hohe erleuchtete Versammlung, welche so viele auserlesene Geister und zahlreiche im Kampfe um die hehrsten Güter der Humanität und Gleichberechtigung erprobte Führer vereinigt, sich lediglich auf dieses eine erhabene Ziel beschränke und die Äugen verschließe vor den Bitternissen und Leiden, denen seit Jahrzehnten in der Nähe der armenischen Schlachtfelder ein anderer Volks- und Glaubensstamm zu erliegen droht, dessen Anrecht auf menschenwürdiges Dasein, Frieden und Gerechtigkeit nicht minder alt und begründet, aber auch nicht minder verleugnet und unterdrückt ist, als jenes der armenischen Christen? Gedenken Sie, geehrte Herren, auch der „rumänischen Juden," und Ihr Mitgefühl, wie Ihre Weisheit werden Ihnen zurufen, daß die Verfolgung von Christen durch Nichtchristen auf demselben Niveau der Barbarei sich bewegt, wie die Verfolgung von Nichtchristen und speziell Juden durch Christen. Gleichwohl schmachten in Rumänien mehr als eine Viertel-Million treuer, hingebungsvoller, jüdischer Landeskinder lediglich um ihrer Abstammung und Konfession willen seit Jahrzehnten unter dem sich stetig steigernden Drucke vollständiger Entrechtung und unter allen entsetzlichen Folgen und Wirkungen, welche naturgemäß mit ihrer systematischen — direkt und indirekt betriebenen — Ausschließung aus allen Aemtern, Berufen, ja aus den untergeordnetsten Geschäftszweigen und Taglohnarbeiten, aus allen bürgerlichen Bethätigungen und mit der gesetzlich dekretirten Ausschließung ihrer Kinder aus den Schulen verbunden sein müssen. Und dennoch erfüllen diese in moralischer Vedrängniß schmachtenden und gewaltsam in das materielle Elend gestoßenen und an dieses Elend geketteten jüdischen Rumänen, deren Vorfahren zum Theile schon zur Zeit der Dacier im Lande waren, willig und voll ihre Pflichten an Geld- und Blutsteuer gegen dieses ihr Vaterland, welches sie als Staatsbürger nicht anerkennt, als „Fremde" unerhörten und in ihrer willkürlichen praktischen Äusführung maßlos verschärften Gesehen und Verordnungen ausliefert, ihnen jedwede Arbeits¬ und Erwerbsgelegenheit benimmt, sie zu heimathlosen Proletariern herabdrückt, als solche sie dann verfolgt und zur unfreiwilligen Auswanderung, vielmehr zum ■ fluchtartigen Verlassen dieser Stätten der Rechtlosigkeit und Verarmung drängt, von deren Jammer sie sich aber gleichwohl in Folge ihrer Hilf- und Mittellosigkeit nicht loszusagen vermögen! - Aber nicht etwa eine hohle Bettlerhänd strecken diese tüchtigen, wirthschaftlich wohl verwendbaren Volkselemente ihren ausländischen Glaubensgenossen und dem Europa der Humanität, den hohen Signatarmächten des Berliner Vertrages vom 13. Juli 1878. welcher ihnen Freizügigkeit, den Genuß aller politischen und bürgerlichen Rechte und Zulassung zu öffentlichen Diensten, Aemtern und Ehren verbürgte, entgegen — ihr Verzweiflungsruf, der in den letzten Jahren unab- . lässig widerhallt von den Ufern der unteren Donau hinaus bis an der Themse Strand und von Bukarest und Sinaia über Paris hinüber bis in die transozeanische Republik, er lautet und will nichts Anderes, als: „Recht und Arbeit, Duldung und Friede!"! Ist es schon unsäglich traurig, daß jener altehrwürdige Volksstamm, der in dem Gebote der Nächstenliebe den wesentlichsten Theil seiner Religion erblickt und dessen uralte Gesetze schon den Schutz und die Gleichberechtigung, ja in vielen Fällen sogar die Bevorzugung der Fremden an ihre Spitze stellten, heute noch, im zwanzigsten Jahrhunderte nach seiner politischen Zersprengung um Toleranz werben muß und sie nicht zu finden vermag — so mag es einigermaßen tröstend und Hoffnung kündend erscheinen, daß immer wieder die besten Elemente der Völker unter dem Zeichen dieses überkommenen Gebotes der Nächstenliebe sich vereinigen, um das Panier menschlicher Würde, Gleichheit und Freiheit zu entfalten und unter dessen nie versiegendem Schuhe die ewigen Gesetze der Menschlichkeit und ihres ethischen Zusammenhanges anzurufen und zur Geltung zu bringen. y Konnte Europa einig und stark genug sein, um mit Waffengewalt in das ferne chinesische Reich jene Civilisation zu tragen, die weit näher, im heimischen Kontinente, in Armenien und Rumänien schmerzlich vermißt wird, so dürfte der Wunsch und die Erwartung nicht unbegründet erscheinen, daß es auch die moralischen und diplomatischen Machtmittel finden werde, um von seinem eigenen Leibe Auswüchse und Mißgestaltungen zu bannen, die unserer Zeit, Mission und Kultur zum Hohn und Schimpf gereichen. Jenem das „Jahrhundert schändenden" Antisemitismus mit seiner Perfidie und Verlogenheit, Wheit und Gewaltthätigkeit, mit seiner Selbstsucht und Zuchtlosigkeit. — ihm. dem die offiziellen und die höheren Gesellschaftskreise Rumäniens.sich in die demoralisirenden Arme geworfen, sind auch die Juden in Rumänien als bedauernswerthe, unsagbar leidende Opfer hinge-

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