Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 57 (17.7.1902)
- Date
- 1902-07-17
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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1208 schäften des Politikers, Patrioten. Philosophen nnd Staatsmannes in sich vereinigt, um ein lange durch Tyrannei unterdrücktes Volk zur Freiheit zu führen, um eine zahlreiche Schaar zu diszipliniren und zu organisiren, sie zu Kümpfen zu stärken, vor denen kriegerische Stämme erzitterten und ummauerte Städte fielen; Unzufriedenheit, Eifersucht und Aufruhr zurückdrängen. Reaktion und Abfall zu bekämvfen. die rasche und ungestüme Flamme der Begeisterung dauerhaften Zielen dienstbar zu machen. Solch' einen Charakter zeigt uns die Tradition in groben, aber deutlichen Umrissen — die Vereinigung der Weisheit mit der uneigennützigen Hingebung des demüthigsten Menschen. Von Anfang bis zu Ende, in jedem Einblick,, den wir gewinnen, ist dieser Charakter übereinstimmend mit sich selbst und mit dem mächtigen Werk, welches sein Denkmal ist. Es ist der Charakter eines erhabenen Geistes, von Verhältnissen und Begrenzungen eingeengt, gezwungen, mit solchen Kräften und Mitteln zu arbeiten, die gerade zur Hand waren, sein Werk zu Ende führend, wenn auch strauchelnd — hinter der großen That der größere Gedanke, jenseits des hohen Erreichten das noch höhere Ideal. Egypten war die Gußform des hebräischen Volkes, sozusagen die Matrize, in der eine einzelne Familie, höchstens ein kleiner Stamm sich auswuchs zu einem Volke, so zahlreich wie das amerikanische Volk zur Zeit der Unabhängigkeitserklärung. Vier Jahrhunderte hindurch — wenn wir uns an die Daten der heiligen Schrift halten — also länger als Amerika den Europäern bekannt ist — stand dieses wachsende Volk, die Nachkommen einer patriarchalischen Hirtenfamilie, unter der Herrschaft einer hochentwickelten, uralten Kultur — einer Kultur, deren Stetigkeit ihren Ausdruck gesunden hat in Menumenten, die an Dauer mit den ewigen Bergen wetteifern — einer Kultur, so alt. daß die Pyramiden, wie wir heute wissen, Jahrunderte alt waren, bevor Abrahams Auge auf ihnen ruhte. Die Nachkommen der ersten. Einwanderer, die auf die Einladung des zum ersten Minister gewordenen Sklaven nach Egvvten kamen, möaen noch so sehr üch das Bewußtsein ihrer Rassenverschiedenbeit und die Tradition eines freieren Lebens bewahrt haben, muffen sie doch durch eine solche Kultur mächtig beeinflußt worden sein, und gerade wie die Hebräer von heute Polen in Rolen. Deutsche in Deutschland nnd Amerikaner in den Vereinigten Staaten sind, ebenso, nur noch ausgevräater und stärker, müssen die Hebräer des Exodus vornehmlich Egvpter gewesen, sein. Es wäre daher nicht merkwürdig', wenn die alten hebr. Einrichtungen in so vielen Punkten den Einfluß . der egvvtischen Ideen und Gebräuche zeigen würden. Merkwürdig ist eher die Verschiedenheit. Bei oberslächffcher Deurtheilung mag es natürlich erscheinen, daß ein Volk. daS dem Lande seiner Knechtschaft den Rücken kehrt, , dessen Ideen und Einrichtungen von sich werfen möchte. Aber der Geschichtsforscher, der Politiker weiß, daß nichts unnatürlicher wäre. Gewohnheiten des Denkens sind sogar noch tyrannischer als Gewohnheiten des täglichen Lebens. Sie bilden für die meisten eine geistige Athmosphare, über die sie sich so wenig als über die physische zu erheben vermögen. Ein seit langer Zeit an Despotismus gewöhntes Volk mag gegen einen Tyrannen rebelliren, seine Bildsäulen brechen, feine Gesetze widerrufen, mit Haß verfolgen, was er liebte, und ehren, was er haßte; aber es wird nicht zögern, einen anderen Tyrannen an seine Stelle zu sehen. Ein abergläubisches Volk mag einen reineren Glauben annehmen; aber es wird ihn immer durch feine alten Ideen entwürdigen. Ein an Verfolgung gewöhntes Volk mag ihr entfliehen, aber nur um seinerseits zu verfolgen, sobald es zu Macht gelangt. Denn „Verhältnisse machen die Menschen." Und wenn wir bei einem Volke, lvelches Einrichtungen einer gewissen Art besaß, plötzlich solche ganz entgegengesetzter Art erstehen sehen' wissen wir, daß hinter ihnen jene lebendige ursprüngliche Kraft stehen muß, welche im Anfänge der Dinge die Verhältnisse machen. - Dies ist es. was uns im Exodus begegnet. Die auffallenden Unterschiede zwischen dem egyptischen und dem hebräischen Staaiswesen sind nicht formelle, sondern wesentliche. Die Tendenz des Einen ist Unterordnung und Bedrückung, die des. Andern persönliche Freiheit. Das Merkwürdigste aller geschichtlichen Neugestaltungen! Aus dem stärksten und glänzendsten Despotismus des Alterthums entsteht die freieste Revublik. Zwischen den Klauen der aus Fels gehauenen Sphinr erhebt sich der Genius der menschlichen Freiheit, und die Trompeten des Exodus ertönen bei der trotzigen Verkündigung der Menschenrechte. Man bedenke, was Egvpten war. Gerade die Großartigkeit seiner Monumente, die nach dem Verlauf nicht von Jahrhunderten, sondern von Jahrtausenden zu uns, wie einst die egyptischen Primer zu den prahlerischen Griechen zu sagen scheinen: „Ihr seid Kinder!" gerade diese legen Zeugniß ab von der Unterdrückung des Volkes; sie sind die dauernden Zeugen einer Gesellschaftsordnung, welche auf den Massen wie ein erdrückendes Gewicht lastete. Dieses enge Niltbal. die Mieae der Künste und Wissenschaften, der Schauplatz der vielleicht größten Triumphe des menschlichen Geistes, ist auch der Schauplatz feiner entwürdigendsten Sklaverei. Sicher im Vesiß unwiderstehlicher. Zeitlicher Mackst und noch sicherer in der furchtbaren Sauktwn einer mystischen Religion/war der Pharao wie ein Gott auf Erden, für dessen Leichnam ein würdiges Grab zu errichten. Hunderttausendestch m Tode arbeiteten. Den Klassen, die ibm zunächst standen, wurden all* die ssnnlichen Freuden einer äußerst alänrenden Eivilisgtion und die hoben geistigen Genüsse ru tbeil. welch» - die Mysterien des Tempels vor der Profanation durch den ' Pöbel verbargen. Mer für die Millionen, die die Basis