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Der Israelit · 1902-04-30 · Heft 34-35 (30.4.1902) · page 29

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 34-35 (30.4.1902)
Date
1902-04-30
Page
– (sequence 29)
Language
German
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Da sprach der treue Junger zum Meister: „Was schweigst Du, Rabbi? So bete doch zu Gott, bestürme Ihn,, daß er. uns aus der Noth befreie. Hat nicht Dein Gebet oft schon Andere gerettet, warum versuchst Du nicht. Dich selber und mich aus dieser schrecklichen Lage zu retten?" . . „Ich mochte wohl beten,* antwortete der Baal- Schem, „aber ich kann nicht, ich bin keines Gebetwortes mächtig, ich habe alles vergessen, keinen Vers weiß ich mehr. Alles wurde mir genommen. Ich bin wehrlos." Lange gingen sie so verzweifelt umher, endlich sagte der Jünger: „Rabbi, aber das Aleph-Veth habt Ihr doch wohl nicht vergessen?" 'Nein, das Aleph-Veth hatte er nicht vergessen. „Gut," sagte er, „Du hast mir einen güten Gedanken eingegeben. Wir wollen beten wie die Kinder, und wollen sehen, ob uns Gott nicht erhören wird." Und sie fingen an, mit demüthigem Herzen, die Seele voll Inbrunst und Sehnsucht nach Gott, das Aleph-Veth. zu beten. Nichts anderes als Aleph, Vcth. Aleph, Beih, Gimmel u. s. w., in einem fort. Die heiligen Buchllaben aber schwangen sich zum Himmel empor, woben sich in einander, reihten sich zu Wörtern, die Wörter reihten sich zu Sätzen Zusammen und vor den Thron des Allmächtigen stieg ein heißes Gebet hinauf, welches erhört wurde.. - „Und was glaubt Ihr, war das Ende?" schloß der Erzähler und blickte triumphirend um sich. Ein Jeder wußte, was das Ende war. Eine Weile saßen sie alle schweigend und in Gedanken versunken. Die Geschichte war ihnen offenbar zu Herzen gegangen. Endlich erhob Mr. Davis den Kopf, blickte dem Erzähler eine Weile in's Gesicht und sagte: „Was sollen wir also thun?" „Natürlich brauchen wir nicht das Aleph-Veth zu beten, wir können singen und sagen, was wir wissen, Gott wird das gerade so lieb'sein, wie die Hagada, die Er ja schon unzählige Male gehört hat." Dieser prächtige Einfall belebte sofort die Geister. Alle fühlten sich auf einmal wie erlöst, das drückende Gefühl der Rathlosigkeis war dahin. Der Erzähler, der eine schöne Stimme hatte, mußte Vorsingen, das Hallel wurde im Chor angestimmt, dann folgte „Nischmas," wahllos kamen dann „Echod mi jodea" und „Chad Gadja" an die Reihe, die ein Jeder fast auswendig wußte, schließlich schwirrten noch Bruchstücke und einzelne Sätze aus dem ersten und dem zweiten Theil der Hagada, ein jeder mit der ihm eigenen Melodie, bunt durcheinander gewürfelt, herum. Die Fröhlichkeit stieg immer höher. Keiner dachte an das Essen, sogar die drei übrigen Becher waren ver-! gessen, eine kindliche Lustigkeit bemächtigte sich Aller. „Ach, was. werden wir da diese kleinen Stückchen immer von neuem wiederholen/ machte Mr. Davis. „Laßt uns doch was Rechtes singen. Zum Beispiel Adon Olam." . Der Sänger ließ sich nicht zweimal Litten, doch kaum hatte er das Adon Olam angestimmt, als an der Thüre sich ein leises Geräusch vernehmbar machte. „Eliah, Eliah der Prophet!" riefen Alle, höchlich ergötzt. „Eliah kommt zu uns. Wo ist sein Becher? Rasch eingefchenkt!" Mr. Davis erhob sich und rief halb ernst, halb scherzhaft: „Willkommen, Rabbi!" wie er das als Kind zu thün pflegte, wenn man ihn schickte, die Thüre zu öffnen. Nein' es war nicht Eliah, sondern nur Mrs. Attkins, die in der Meinung, daß nun die Ceremonie erst recht begonnen habe, hereinkam. Sie setzte sich abseits und hörte zu. Der Fremde nahm seinen Gesang wieder auf, und die Andern sangen den schönen Hymnus bald leise, bald etwas lauter mit. Dann schwiegen sie still und hörten blos zu. Er sang wirklich schön. Von den heiteren Cadenzen verfiel er in immer ernstere, getragenere, sehnsüchtigere. Sie Alle folgten jetzt willig dem Gang der Tone, bie sie immer weiter von dem heutigen Abend forttrugen. Nach den verschiedenen Stimmungen, die sie heute in jäher Folge erlebt hatten, thaten ihnen die weichen, sanften Töne wohl, lullten sie ein, und weckten bald einen schwermüthigen, bald einen heiteren, aber stets einen angenehmen Wiederhall in ihren Seelen. Jener aber sang längst nicht mehr Adon Olam, mit dem er begonnen hatte, er war schon weit, weit davon entfernt. Nachdem er einmal in's Singen gerathen, war es ihm nicht mehr so leicht, aufzuhören, oder sich zu unterbrechen. Als er mit dem Adon Olam fertig war, war es nur natürlich, daß er die Thaugebete, die just zum folgenden Morgen gehörten, anstimmte. Ist man aber einmal beim „Tal." so ist von da bis zum „Geschem" nicht mehr weit. — die Melodien sind ja so sehr verwandt, — aber das Kaddisch von Geschem gemahnt so sehr an das von Neila, daß es wahrlich schwer ist. der Versuchung zu widerstehen, nun auch dieses anznstimmen. Und plötzlich, ohne daß er selber es deutlich gemerkt hatte, sang er schon: „O Gott, Gott unserer Väter, richte auf Dein Reich über die ganze Welt erscheine in der ganzen stolzen Herrlichkeit Deiner Macht — . auf daß jegliches Geschöpf erkenne, daß Du es geschaffen ." Unter den Zuhörern hatten sich anfangs leise Proteste bemerkbar gemacht:.Was sagt Ihr da?» Das paßt ja gar nicht hierher, das gehört ja zu den heiligen Tagen," rief Mr. Flock, als er nach einer längeren Weile wie aus einem Rausch erwachte. Aber Niemand kehrte sich an ihn; nur Mr. Davis legte ihm die Hand auf die Lippen und flüsterte: „Sch ... sch ... sch ... seid still, was liegt daran?

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