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Der Israelit · 1902-04-30 · Heft 34-35 (30.4.1902) · page 30

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 34-35 (30.4.1902)
Date
1902-04-30
Page
– (sequence 30)
Language
German
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Es ist alles eins, Lei Gott ist alles gleich, das. sind ja auch heilige Wörter. .. Jener aber erinnerte sich immer neuer, immer, schönerer Melodien, die er in der fernen Heimaih gehört und gesungen.... „Das Unrecht verstummt, alle Bosheit verdunstet wie Rauch... denn Du schaffst die Herrschaft des Bösen von der Erde ab."_Aber das war noch lange nicht genug . . . „Darum hoffen wir zu Dir, Ewiger, unser Gott, alsbald Deine Schönheit und Deine Macht zu erblicken .... da die Welt durch das Reich des Allmächtigen erlöst wird und alle Sterblichen nur Deinen Namen nennen, und alle Sünder der Welt Dir sich zuwenden..." Natürlich sangen sie jetzt, ein Jeder so gut er konnte, mit. Wer kennt nicht alle die Gesänge? Sie sind dem Juden am geläufigsten, von allen prägen sie sich seiner Phantasie und seinem Gedächtnisse ^am stärksten ein. Gott weiß,' wie alt ihr Ursprung sein mag, aber im Strome der Zeiten haben sie immer von neuem etwas von dem Intimsten aus der jüdischen Volksseele in sich ausgenommen, darum haben sie auch dem Juden ihr Gepräge aufgedrückt, noch im schlichtesten Volksliede tönen ihre Cadenzen nach und keine echte Judenseele kann sie vernehmen, ohne tief, erschüttert zu werden und unwillkürlich mitzusingen. „Du gedenkst der urewigen Werke, zählst die Geschöpfe der Urzeit, alle Geheimnisse sind vor Dir entblößt__ kein Vergessen ist vor dem Throne Deiner Herrlichkeit, nichts ist vor Deinen Augen verborgen. Du gedenkst der großen Schöpfung und das kleinste Wesen entgeht Dir nicht. .;." Das alles entsprach so sehr ihrer jetzigen Stimmung, denn jetzt weilte keiner mehr von ihnen in Green City in Amerika im Häuschen der Mrs. Attkins. sie fassen nicht mehr zusammen beim Seder, sondern waren weit fern von einander, ein Jeder irgend wo anders, Jeder sah vor sich andere Bilder und Gestalten, die dem Andern völlig fremd gewesen wären, und doch waren sie wieder einander so nahe, in dieser Abwesenheit waren sie von etwas Gemeinsamem getragen und vereint, daß hier ihre verschiedenen Stimmen in einen Ton zusammenklangen. . Nach den früheren Ausbrüchen der Heiterkeit hatte sich jetzt die Reaktion eingestellt, und diese Melodien mit ihrer Schwermuth und Sehnsucht, die sich bald in etwas wild Aufjubelndes verwandelte, das sich weit hinauszuschwingen schien, um den Himmel zu durchbohren — diese Melodien versetzten sie jetzt in eine Art von Rausch. Ein Jeder seufzte allemal auf und ein Jeder fühlte ein Prickeln und einen Kitzel in den Augen und an der Nasenspitze. Als Mr. Flock seine Brille gewischt und wieder aufgesetzt hatte, bemerkte er bei der Thüre eine fremde Gestalt. Er stieß Mr. Davis an, dieser sah auf, dann erhob er sich leise und ging hin. Es war Mr. Simpson, der neugierige Doktor, der wissen wollte, wie es bei einem jüdischen Osterfest zugehe. Er stand regungslos und ganz blaß da, seine hohe stämmige Gestalt war etwas vorgebeugt. Niemand hatte sein Kommen bemerkt. Mr. Davis mußte ihn zweimal rütteln, bis er sein Auge von dem Sänger, der ihn wie im Banne hielt, abwenden konnte, dann folgte er Mr. Davis schweigend und nahm neben ihm Platz. Der Fremde aber sang immer weiter, ohne der Vorgänge ringsum zu achten ... „Ich gedenke meines Bundes mit Jakob, mit Isaak.... So spricht Gott, ich gedenke di: der Lieblichkeit deiner Jugendzeit, deiner bräutlichen Hingabe, da du mir folgtest durch die Wüste, durch saatlöses Land . . ." - ■ r Und ohne jede Pause, ohne Halt zu machen, sing er an, davon zu erzählen, wie Gott ihnen am Sinai erschien . . . „Du offenbartest Dich in dem Dämmer Deiner Herrlichkeit Deinem heiligen Volke . . . . Die ganze. Welt erbebte in den Grundfesten, die Schöpfungen der Urzeit erfaßte ein Zittern, als Du, o König, Dich . auf dem Berge Sinai offenbartest, um Dein Volk Deine Thora und Deine Gebote zu lehren. Du ließest sie die Schönheit Deiner Stimme vernehmen .." Alle durchlief ein förmlicher Schauer, sie horchten auf und wandten kein Auge von dem Sänger ab, während sie wieder bald leise, bald laut milsangen. Plötzlich mischte sich ein Stöhnen und Schluchzen in das Gesumme, welches die Stube ausfüllte. Erstaunt sah sich Mr. Davis und nach ihm einer und der andere seiner Nachbarn um. J ' Der Doktor, Mr. Simpson, hatte die Stirne an die Tischplatte gelehnt, weinte heftig und stürmisch, daß sein mächtiger Oberleib zitterte, und die Thränen bildeten eine Lache auf dem Tischtuch. Mr. Davis sprang erschrocken auf. „Was ist Ihnen, Mr. Simpson? Warum weinen Sie?" - ' . - '-‘: - „Was thun Sie? Was machen Sie?" fragte Alle bestürzt. . „Ich — ich ... ich ..." stammelte Mr. Simpson. aber Keiner verstand, was er wollte.. „Ich .. . ich . . ." wiederholte er, wirr um sich blickend, „auch... auch ... Jude... gewesen .:. gewesen ... vor fünfzehn Jahren ..." Und plötzlich fing er an, mit wildem Getöse sich auf die Brust zu schlagen. Der Sänger, der allein, von seinem Gesänge hingerissen, von all' den Vorgängen ringsum nichts gemerkt hatte, sang jetzt schon das Neilagebet: / : „Du reichst die Hand dem Frevler und Deine Rechte ist ausgestreckt, um die Rückkehrenden - zu empfangen..."! : Dann brach er ab, denn rings war ein allgemeines Schluchzen entstanden ....; . Mrs. Attkins aber ging hinaus und sagte verwundert: „Feiern die Juden so traurig ihre Osterfeiertage?" . .. -? ' - s

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