Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 34-35 (30.4.1902)
- Date
- 1902-04-30
- Page
- – (sequence 28)
- Language
- German
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Ein allgemeines Lachen antwortete ihm. Nein, in Green City war seit seinem Bestehen keine Hagada gewesen. v Jener merkte, daß ihm eine Dummheit entfahren war, und um fich zu rehabilitiren und der unbehaglichen Stimmung ein Ende zu machen, schlug er vor, auswendig die Hagada zu singen. Man solle nur unbesorgt sein, es werde schon gehen, er wolle schon dafür Sorge tragen, daß man nicht stecken bleibe..... Alle athmeten erleichtert auf und gingen freudig auf den Vorschlag ein — zumal sie ja keinen anderen Ausweg hatten. Sie blickten auf ihren Führer voll Vertrauen wie auf einen kühnen Feldherrn, der versprach, sie über einen gefährlichen Ort ohne Schaden hinüberzusühren. Dieses Vertrauen stieg nur noch, als der Fremde den „Kiddusch", den übrigens die meisten auswendig wußten, mit schöner Stimme und prächtiger Melodie und einer Betonung, wie es nur ganz gelehrte Leute verstehen, rezitirte. ' Dann wurde die Thür angelweit geöffnet und das „Keho lachmo anjo" angestimmt. „Wer da hungrig ist, der komm', speise mit uns_" Welcher Jude kennt das nicht auswendig? Auch die „Vier Fragen", die der Fremde sich selber stellte, waren einem Jeixn geläufig'. Aber als er dann das „Awodim hojinu" langsam und feierlich hergesagt hatte, begaben sie sich alle beherzt unter seiner Führung hinaus auf die hoh^ See. Eine Strecke lang ging alles ganz gut von Statten. Die Geschichte von Rabbi Eliezer und seinen Genossen, dann das Kapitel von den vier Söhnen, verlief glatt, ohne Unfall. Aber schon als er anfing zu erzählen, wie unsere Vorfahren einstmals Götzendiener gewesen und dann vom Ewigen Seinem Dienste zugeführt wurden, mußte der Führer sein Gedächtniß ziemlich anstrengen. Dann pries er, aber schon ein wenig tastend, Den, „der da einhält seine Verheißung an Israel", stolperte dann ein und das andere Mal, richtete sich aber gleich wieder auf und schloß mit klangvoller, sicherer Stimme, jedes Wort langsam betonend, während er im Gedächtniß herumsuchte: „Und das war's, was unseren Altvordern und uns beistand. Denn nicht einer blos erhob sich, um uns den Garaus zu machen, sondern in einem jeden Zeitalter erhoben sie sich, um uns zu vernichten, aber der Heilige, gepriesen fei Er, errettete uns aus ihren Händen." - . . Dann stockte er. Alle blickten ihn fragend an. Er saß mit gesenktem Blicke da und schien in seinem Gedächtnisse zu suchen. Der Schweiß trat in großen Perlen auf seine Stirn. - „Nun?" „Hm, wartet nur ein wenig, gleich .. . gleich ... Zahllos, wie die Gewächse des Erdbodens ..." _ „Ach nein, . da habt Ihr ein ganzes Stuck übersprungen."' „Da fehlt ja eine ganze Menge dazwischen^" ' - „. . . . Und cs zog uns der Ewige heraus aiii Egypten, weder durch einen Engel, noch durch einen Seraph, noch durch einen Gesandten, sondern der'Heilige, gepriesen sei Er, in Seiner Herrlichkeit selber,".. : versuchte der unglückliche Führer die Situation, so gut es ging, zu retten. \l-:r ' Aber jene gaben sich nicht zufriüren. Sie murrten und sahen ihn vorwurfsvoll an, als hatte er ihre . Verlegenheit verschuldet. - -v:-.--a „Wißt Ihr was, liebe Freunde, laßt uns Hallet sagen!" rief er endlich, und glaubte, damit aus einen sehr glücklichen Gedanken verfallen zu feim - E ' „Ach was, das kann ein Jeder. Und das klebrige? Sollen wir heute keine Hagada sagen?" riefen 20to; Davis und Mr. Flock fast gleichzeitig. ' ' Eine tiefe Traurigkeit beschlich die beiden Ältest. In dumpfer und unklarer Weise wurden sie den ganzen Jammer ihrer Lage inne, und ihre Traurigkeit theilte sich dem ganzen Häuflein mit, welches hier wie auf einÄ verschollenen Insel im fernen Ocean dasaß, lösgelöst von allem, was ihnen verwandt, lieb und nahe war.abgetrennt von allem, tväs ihnen Trost und Erhebung m düsteren Stunden zu gewahren pflegte. Alle ließen die Köpfe hängen und glichen hilflosen Kindern, die sich im Dunkeln verirrt, hätten, r ‘jO In einem Jeden stiegen halbvergessene Bilder aus alten Tagen auf, abgerissene Töne verklungener Melodieen erwachten.^ Ein Hauch von Wehmuth und Sehn-' sucht durchzitterre die Athmosphäre der. Stuben v ‘ „Ach, was werden wir dasitzen wie die Trauernden," raffte sich endlich der Fremde, seine Niederlage vergessend, auf. „Ist denn heute Tischa Beaw, oder was? Heiliges Peßachfest ist heute, und . wir müssen lustig sein. Ich will Euch lieber eine Geschichte erzählen, die gerade auf uns paßt. Wollt Ihr hören?" Und er fing an, ihnen die wundersame Geschichte vom Baal-Schem zu erzählen, der einmal den Entschluß gefaßt hatte, nach dem heiligen Lande zu pilgern. Die Sehnsucht trieb ihn und das Verlangen, seine Gebete mit denen eines anderen dort lebenden heiligen Mannes zu vereinigen, um dadurch endlich, vor der Zeit, die Erlösung herbeizuführen und den König Messias zu bringen..... ' . - Die Anwesenden hörten anfangs widerwillig zu; aber allmälig fing der Gang der Geschichte an, sie zu interessiren, und bald verfolgten sie mit großer Theilnahme die Schicksale des frommen Mannes, der mit den Mächten des Himmels rang und endlich auf eine einsame Insel verschleudert wurde, wo er und sein treuer Begleiter Tage und Nächte lang umherirrten, ohne eine Menschenseole zu finden....