Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 34-35 (30.4.1902)
- Date
- 1902-04-30
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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schniegelt und pomadisirt. aber da er hier nicht dasge» ringste Verständniß für seine Eleganz fand, setzte er sich in eine Ecke und schwieg bis Mr. Flock ihn über seine Verhältnisse auszufragen anfing. Alles war schon angerichtet/und man erwartete nur noch den Fremden, von dem Mr. Davis gesagt, er verstünde Kinder zu unterrichten und schon vorzubeten. Allmählich thauten alle Anwesenden auf, das Schweigen wich einem angeregten Gespräche; allerlei muntere Geschichten, Anekdoten- Witzworte sprudelten auf, es dauerte nicht lange und Alle fühlten sich heimisch miteinander, als hätten sie sich von der frühesten Kindheit auf gekannt, ein unsichtbares Band alter Verwandtschaft schlang sich um sie. Alle lachten und wurden immer fröhlicher, und Niemand hatte es eilig, zum Seder zu schreiten, als fürchteten sie unbewußt, die schöne Stimmung könnte nachher verfliegen. Während der Unterhaltung trat endlich der Erwartete ein. Er wurde lärmend, wie ein alter Bekannter, begrüßt. «Was, Reb Korew? Wo seid Ihr so lange geblieben? In der Mikweh lichwod Jomtow, oder in der Synagoge? He?" Nein. er war natürlich weder in der Mikweh lichwod Jomtow, noch in der Synagoge, sondern war einfach so lange in Todesangst herumgeirrt, der Sprache drr'Bevölkerung unkundig, bis er die Wohnung seines Gastfreundes fand. Sein Gesicht war in Schweiß gebadet und er athmete schwer. Man konnte auf den ersten Blick an den feineren Zügen seines Gesichtes und an seinen weißen Händen erkennen, daß er einer anderen Gesellschaftsklasse angehörte, als die übrigen hier Anwesenden. Er schien ein ehemaliger Kaufmann zu sein, der einst bessere Tage gesehen und jedenfalls eine ganz andere Bildung und andere Lebensgewohnheiten hatte, als jene. Jetzt war er ein Schiffbrüchiger, der nach dem fernen Westen, nach San Francisco zu einem Verwandten reiste. Er musterte die Anordnung der „Kaara" und zollte im Stillen seinem Gastgeber Beifall. Nachdem er sich gewaschen und darauf gebetet, saß er auch schon bald beim Tische und plauderte, seines Hungers ganz vergessend, auf's angeregteste mit den Genossen. Wie ein elektrischer Funke pflanzte sich die gute Laune von einem zum anderen fort und die Gesellschaft wurde immer fröhlicher.« Mr. Davis wurde sich zuerst seiner Wirthspflichten bewußt. «Vielleicht möchten wir anfangen?" sagte er zögernd, von einem zum andern blickend. Natürlich konnte man anfangen, keiner hatte etwas dagegen. Es war Zeit. Auf dem Tische stand schon die bauchige Flasche mit dem gelblich - goldigen Rosinenwein, umgeben von sieben Glasbechern, unter denen ein großer Pokal wie ein König unter' den Genossen hervorragte; es war «der Pokal des Propheten Eliah.^ Alle, den geschniegelten Goldschmiedegesellen nicht aus-- genommen, fühlten, wie ihnen die Herzen ein wenig höher schlugen, als Mr. Davis zwei Kissen herbeibrachte, sie auf einen Stuhl legte und so das Heffew- Bett herrnhtete. dann den weißen „Kittel" anzog, der über seinen hageren Leib in Falten hinunterfloß. Der - Fremde hatte mittlerweile den Wein eingeschenkt und vor einen jeden der Gäste ein Glas hingestellt. - - - . - Der kurzsichtige Schneider stöberte ein wenig auf dem Tisch umher und rief plötzlich: „Na, und eine Hagada? Gebt doch eine Haqada her!" — „Ja. wo ist denn eine Hagada?" riefen mehrere . Stimmen. - - . -; „ „Eine Hagada?" rief Mr. Davis mit seltsamer Stimme und seine Hände sanken plötzlich herab. Eine bittere Verwirrung malte sich -in seinem Gesichte. . «Ich habe ja gar keine Hagada! Was werden wir nun anfangen?" . - r T Ein peinliches Schweigen entstand. Die selig-frohe Stimmung war auf einmal dahin. Alle sahen sich verlegen an, nur Mr. Davis senkte den Blick. Er fühlte sich schuldig und machte sich im Stillen bittere Vorwürfe darüber, daß er aus Cincinnati eine Flasche Sliwowitz mitbringen und eine Hagada vergessen konnte. Aber wie hätte er auch daran denken sollen? Jedes Jahr fand er auf dem Tisch, wo er zum Seder geladen war, auch eine Hagada neben dem Teller. Es war ihm nicht in den Sinn gekommen. .. .. - * „Vielleicht steht in diesem großen Siddur die Hggada," rief einer der Grubenarbeiter, „bei meiner Mutter im Siddur .... .." * Alle stürzten sich auf das große dickleibige Gebetbuch Mr. Flock's, das auf dem Tische lag. Es war ein altfränkisches Siddur, in dem es „an Vogelmilch nicht fehlte." alles war da: Chazoth, Psalmen, Maamodot, allerhand Selichot und Jözrot, eine Unmenge Dinim. Man blätterte behutsam, als fürchtete man, rasch eine Enttäuschung zu erleben, bis in die zweite Hälfte des umfangreichen Bandes hinein. Da war Halle!, da war der Priestersegen, da waren die Gebete für die Festtage, da war der Eruw Tawschilin... ah! ... da standen auch schon die Dinim für Peßach, die Ordnung des Seder . . . aber, oh, die Hagada war'nicht da! ' ' Mr. Davis besaß ein Nehora-Siddur, direkt aus Lemberg bezogen, eine schöne Sache; der Fremde hatte ein Slawutaer Siddur — aber wie zum Possen enthielt keines die Hagada. 1 «Was für dumme Leute doch die Drucker sind!" brummte Mr. Davis ärgerlich. «Ist denn hier in der ganzen Stadt keine Hagada zu kriegen?" bemerkte der Fremde. . . _