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Der Israelit · 1902-04-30 · Heft 34-35 (30.4.1902) · page 4

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 34-35 (30.4.1902)
Date
1902-04-30
Page
– (sequence 4)
Language
German
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unter Umstanden eine unbedingte oder in gewiffen Grenzen zu haltende Befreiung vom Dienst auch an anderen als den hier gedachten Festtagen eintreten zu lassen, soweit die dienstlichen Anforderungen dies gestatten. - Soldaten Mischen Glaubens sollen an den jüdischen Feiertagen möglichst vom Dienst befreit bleiben. Köln, 25. April. (Was unsere Reformer vom Pe fach feste lernen könnten.) Pesachstimmung überall, in Stadt und Land, in Wald und Flur, überall das lebensvolle Bild des Erwachens, der Befreiung von den winterlichen Fesseln, in deren Bann die Natur so lange stillliegen mußte. Und auch das Menschenherz fühlt sich frei von dem so lange auf ihm lastenden Druck jener dunklen, regenschweren Tage mit ihren Stürmen und Schloßen, die den Kampf des herannahenden Frühlings beim Antritt seiner Herrschaft bezeichnen. Pesach- und Frühlingsstimmung sind untrennbare Begriffe, beide entstammen sie dem Glücksgefühle der wiedererlangten Freiheit, der Freiheit im Volksleben und der Freiheit in der schönen Gotteswelt. Wie oft indessen mußten wir in der Geschichte der Nationen wahrnehmen, daß ein Volk einen gar schlechten Gebrauch von der glücklich errungenen Freiheit machte, daß aus der kostbaren Gottesgabe der Freiheit in der Hand wilder Volksmassen Zügellosigkeit und Anarchie wurde, deren gieriger Rachen die edlen Freiheitskämpfer verschlang. Das jüdische Volk sollte verschont bleiben von solchen Gefahren, der göttliche Gesetzgeber wollte es bewahren vor derartigen schlimmen Ausschreitungen und deßhalb schrieb er genau vor, wie und in welcher Form das jüdische Volk die Erinnerung an seine Befreiung aus der egyptischen Knechtschaft feiern sollte. Zunächst schärfte ihm das göttliche Gesetz Dankbarkeit ein, Dankbarkeit gegen Gott, den allmächtigen Weltenschöpfer, der sein Volk für würdig befunden hatte, aus der egyptischen Sklaverei erlöst zu werden und der es selbst erlöste, es herausführte, mit starker Hand und ausgestrecktem Arm! Und immer wieder nimmt die heilige Schrift Bezug auf diese, dem ganzen Volk einst erwiesene hehre Wohlthat, in wohlweiser Erkenntniß, daß der menschlichen Natur das Vergessen empfangener Wohlthaten so außerordentlich leicht, von ihr sogar mit Vorliebe gepflegt wird. Aus dem Gefühle der Dankbarkeit heraus' entspringen die edelsten Tugenden, vor allem Gehorsam und Demuth. Und so befiehlt uns die Thora, die Feier unserer Befreiung in einer gottgefälligen, bescheidenen, demüthigen Weise zu begehen, während der. Dauer derselben das Brod der Armuth, Mazoth, zu genießen'und das bittere Kraut zu kosten, zur Erinnerung an den bitteren Sklavendienst, den unsere Väter einst in Egypten verrichten mußten. Nicht durch üppige Trinkgelage, und ausgedehnte Schmausereien sollen wir den Erinnerungstag an unsere wunderbare Befreiung, wie .das sonst zumeist geschieht, begehen, sondern durch eine gehobene, innige Familienfeier, einen Hausgottesdienst gleichsam, der uns dem Göttlichen nahe bringt und doch, mit allen Fasern uns mit dem Irdischen, mit dem Kreise unserer Lieben und Theuren, verbunden hält. So wurde das Judenthum von der göttlichen Vorsehung gnädig bewahrt vor allen Ausschreitungen, zu welchen andere Völker durch das Geschenk der Freiheit verleitet würden. Das Brod der Armuth, welches wir ohne Ansehen der Person, des Ranges und Standes, alle gleichmäßig genießen, bekundet so recht anschaulich, daß wir mit dem Gottesgeschenke der Freiheit auch die allen Menschen zustehenden Menschenrechte erhielten, daß kein Mensch vor Gott gegen den anderen schon durch seine Geburt etwas voraus erhielt, sondern daß wir uns unser Verdienst erst durch unseren Lebenswandel, durch unser Thun und Handeln, erwerben müssen. Das Brod der Armuth mahnt uns zur Bescheidenheit, zur Eindämmung unserer Lüste und Begierden, es lehrt uns Genügsamkeit in unseren Ansprüchen, lehrt, uns zurechtzufinden mit dem uns beschiedenen Loose. Wenn wir bedenken, daß die Unzufriedenheit mit dem Erreichten oder Erreichbaren, ein wildes Jagen und Verlangen nach den uns verbotenen oder nicht zugänglichen Genüssen, als Urquell alles Uebels zu betrachten ist, so finden wir in der Vorschrift des Genusses des „Brodes der Armuth" für die Erinnerungstage unserer Freiheit ein überaus wirksames, großartiges Erziehungsmittel. Wer es über fich gewinnt, selbst an den Tagen, die uns so recht empfänglich machen könnten für ausgesuchte, reiche Genüsse/ mit dem Brode der Armuth stch zu begnügen, der vermag seine Begierden zu zügeln, der wird, wenn es sein muß, auch mit Wenigem zufrieden und nicht unglücklich sein, wenn er auf manchen ersehnten Genuß im Leben Verzicht leisten muß. So erzieht uns das Petzachsest zur Genügsamkeit, so lehrt, es uns Selbstbeherrschung, Demuth und Bescheidenheit , so dürfen wir in dem treuen, unentwegten Festhai! an den geheiligten Vorschriften und Bräuchen des Peßachfestes mit einen Grund erblicken für die wunderbare Lebenskraft, die dem Judenthume innewohnt, die es Jahrtausende hindurch alle Verfolgungen überdauern, eine Welt von Haß und Bosheit besiegen ließ. Ob auch unsere Reformer von diesen gewaltigen Lehren des Peßachfestes etwas beherzigen, etwas in sich aufnehmen werden? Freilich, wer das «Brod der Armuth," die alte Mazoth, aus seiner, im neuesten Jugendstyl gehaltenen Wohnung längst verbannte und allenfalls seinen Kindern gelegentlich ein Stückchen von diesem „Osterkuchen" als Leckerbissen mitbringt, wird kaum etwas von diesen Lehren wissen wollen.' Peßach ist für ihn ein längst.überwundener Standpünkt;' er sitzt an den modernen Fleischtöpfen EMtens und hat kaum das Bewußtsein, wie unf r e i er 'im"HrMÄWrch seine ungezügelten Begierden' und Leidenschaften" inmitten

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