Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 56 (14.7.1902)
- Date
- 1902-07-14
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1197 Ich ging gerade durch die Judengaffe, wo eine Gruppe von Menschen vor einem Hause stand. Ihren Gesprächsstoff bildeten die Bachurim und ich hörte ungefähr die folgenden schönen Ausdrücke: - „Ich Hab' e Bocher," schrie einer so laut, daß man's in der ganzen Gaffe hörte, „ich Hab' e Bocher, der freßt mir das ganze Barches auf." „Lass' ich's ihm nix essen," replizirte ein Anderer. „Nü lass' ich's denn? E Chelaas!" (Kommt von dem hebr. Chauloas und heißt Krankheit.) „Was denn thuste?" fragte wieder ein Anderer. „Ich schneid' ihm e Stick ab, und das andere leg' ich neben mein* Teller." „Und wenn er nit genug hat?" „Er muß aber genug hab'n und hat auch genug, weil er weiß, daß ich ihm nix mehr geb'." „Da hat mein Bocher schon mehr Cbüzpeh (Chuzpoh — Keckheit)." ließ sich wieder einer vernehmen. „Der könnt' e ganzen Ochs aufessen und ich muß ebenfalls das Barches vor ihm verstecken. Was thut sich aber mein lieber Bocher? — Er freßt wie e Leithund und wenn er sein' Portion aufgefreffen hat, verlangt er noch." „Und Du gebst ihm?" fragte der Mann, der sich zuerst beklagt hatte. „Was denn soll ich thun, wenn er verlangt? Ich kann doch nit nein sagen." „Warum kannst Du nit nein sagen?" fragte der andere wieder. „Schämste Dich vielleicht vor dem Bocher? Ha, ha, ha! Nu jai soll ich leben! Man wird sich noch schämen vor diesem Schnorrvolk! Wenn's auf mir ankommt, lass' ich alle Bocherim aus dem Ort peitschen!" Ich hatte genug gehört und ging fort. Man kann daraus entnehmen, wie die Leute von den Bachuirm denken; darum habe ich mir auch dieses Gespräch notirt. 28. Oktober 18 . . Heute hat man in Beth-Hamidrasch für einen reichen Mann, der sehr gefährlich krank ist, Thillim gesagt und unter den Bachurim Geld vertheilt. Ich bekam einen Gulden, den ich ganz gut gebrauchen kann. Der Briefträger kommt! Da heißt's nachschauen,^ ob nichts für mich angekommen ist 30. Oktober 18 .. Ich habe mich vorgestern nicht umsonst zum Briefträger hinbemüht. Er hat richtig mich gesucht und zwar hat er mir ein Packet von zu Hause überbracht. Es ist ein eigenartiges Vergnügen, ein Packet zu bekommen. Ganz abgesehen von den guten und schönen Dingen, die darin liegen, ist es das freudige Bewußtsein, welches einen besonderen Zauber auf einem ausübt, zu wissen, daß diese schönen Sachen und Sächelchen von zu Hause kommen. Daß es die liebe und theuere Mutter war, die diese guten Kuchen gemachtdaß es die Hände des guten und braven Vaters waren, die den schönen rothen Apfel mit „Sechferln"*) besteckt und alles so schön geordnet und verpackt haben. Eine wahre Wonne ist's, ein solches Packet zu öffnen! Alles kommt einem so bekannt vor: Die. gespickte Gansbrust, das gebratene Huhn, der fettglänzende Mandelkuchen, sie alle lächeln einem so freundlich zu, als freuten sie sich denjenigen zu sehen, für den sie bestimmt wurden und den sie im Elternhause so oft haben erwähnen hören; als wären sie froh, ihm die Grüße und Wünsche seiner Angehörigen Überbringer: zu können. Man fühlt sich beim Anblick dieser Dinge wie in sein Elternhaus versetzt. Schade nur, daß man sie nicht aufheben kann, doppelt schade, daß sie meistens schon am darauffolgenden Tage vertilgt sind, wozu die Bachurim gerne mithelfen. So groß und inhaltsreich auch das Packet gewesen, so ist heute doch keine Spur mehr davon, vorhanden. und dazu haben die Bachurim redlich . das Ihrige beigetragen. Wenn ich sage: „das Ihrige", so meine ich damit, einen erstaunlichen Appetit.' Kaum hatte ich das Packet im Beisein einiger Bachurim, die uns öfter zu besuchen pflegen und gerade anwesend waren, geöffnet, und die verschiedenen kullinarischen Artikel, die es enthielt, herausgenommen, wobei jedes schöne Stück mit einem bewundernden „Ah!" begrüßt wurde, da regnete es auch schon Einladungen von allen Seiten, d. h. jeder der anwesenden Bachurim lud sich bei mir zum Nachtmahl ein. Es waren bekannte und befreundete Kollegen, und ich konnte es ihnen auch nicht abschlagen, so weh es mir auch that, die guten Sachen, mit welchen sich meine Mutter geplagt, und gewiß nur für mich geplagt hatte, verschenken zu müssen. Ich machte'gute Miene zum bösen Spiel und lud sie für den Abend zu mir, worauf sie sich freudig entfernten. Ich bin gewiß nicht geizig und ich hätte gewiß nichts dagegen gehabt meinen Chaser-Bocher und meinen Zimmer-Kollegen Löwi an dem Packele theilnehmen zu lassen. Aber gleich ein halbes, Dutzend Bachurim. die mich, eigentlich garnichts angehen, einladen zu müssen, das verdroß mich doch zu sehr, und ich konnte mich nicht bemeistern und ließ eine diesbezügliche Aeußerung fallen. ' •..•••••; -?r- - „Sind Sie froh," sagte Löwi. der mich besänftigen wollte, „daß nicht noch mehr Bachurim dabei waren, denn sonst wäre das ganze Packet kaput.". ... . „Es werd auch asoi e Kaporeh sein," sagte mein Bocher, der noch immer seinen unterländischen Jargon spricht. ..Wenn David Krämer — (so hieß einer der geladenen Bachurim) — davon weiß, asoi sorgt er schoin, daß es die ganze Jeschiweh erfahrt. Sie werden sehen, daß ich recht Hab'. Wenn Sie heile in's BesHamedrisch kommen, werd es schoin ein Jeder wissen, daß Sie ein Packet bekommen haben, und ein Jeder werd sich bei Ihnen als Gast einladen." *) Eine kleine Silbermünze im Werthe von 10 Kreuzer.