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Der Israelit · 1902-07-14 · Heft 56 (14.7.1902) · page 5

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 56 (14.7.1902)
Date
1902-07-14
Page
– (sequence 5)
Language
German
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aufmerksam machen, daß nicht bloß für diejenigen Israeliten unseres Landes, die einer bestehenden Religionsgemeinschaft angehören, ein Zwang zu Beiträgen erwachsen soll, sondern für alle Israeliten ohne Unterschied; sie sollen alle ohne Ausnahme für die Folge ge zwungen sein, Beiträge zu diesem Zweck zu leisten. Abg. Köhler (Langsdorf): Meine Herren, ich bin zweifelhaft, ob ich dafür stimmen kann. l£§ ist in diesem Hause schon eine Petition behandelt worden, betreffend Uebersetzung des Talmud. Es besteht in weiten Kreisen des deutschen Volkes wie aller zivilistrten Völker die Ansicht, daß die Lehren, die im Talmud enthalten seien, verstoßen gegen die guten Sitten, gegen das friedliche Zusammenleben der Völker mit den Juden. Man sagt, daß im Talmud Lehren, z. B. alle Völker sind Vieh, ihr Juden habt sie zu unterjochen und ihnen alles mögliche Schlimme zu thun, enthalten lind. Ich denke, ehe wir beschließen, daß für die Juden Religionslehrer angestellt werden, gehen wir der Sache auf den Grund. Die russische Regierung, die doch als so reaktionär überall gilt, will nun den Talmud übersehen lassen. Warum thun dasselbe aber die aufgeklärten Leute in unserem Lande nicht? Wir haben ja einen Orientalisten im Lande, in Gießen, der an der Universität ganz überflüssig ist; er könnte stch die Mühe machen, den Schulchan Aruch und den Talmud zu übersehen, damit wir wissen, was los iss, ehe wir jüdische Reliaionslehrer anstellen. Wir müssen doch wissen, ob der Talmud nicht gegen die Staatsinteressen, gegen die Volksinteressen verstößt. Erst dann können wir die Hand dazu bieten, daß in dieser Religion unterrichtet wird.. Man sagt auf der einen Seite, die jüdische Religion sei uns feindlich gesinnt. Die Regierung möge feststellen, daß dies nicht der Fall sei. Erst dann'können wir einen Antrag, wie den vorliegenden, annebmcn. ZweiterPr äsident: Ich schließe die Diskussion. Wir kommen zur Abstimmung. Die Fraae: ..Will die Kammer nach dem Antrag des Ausschusses dem Antrag Backes zustimmen?" wird bejaht mit allen gegen vier Stimmen. ° Oesterreich. Wien, 8. Juli. (Rumänische Emigranten.) Die Auswandererzüae der Nordwestbahn befördern jetzt einigemale in der Woche Schaaren von Emigranten aus Rumänien, die sich nach Amerika begeben. Vor einigen Tagen passirte wieder eine größere Grupve jüdischer Auswanderer aus Rumänien Wien Sie batten hier nur einige Stunden Aufenthalt und fanden kaum Zeit, stch von den Mübsalen der tagelangen Waggonfahrt zu erholen. Die Gruppe bestand aus 72 Personen, darunter nur wenige Männer: meist waren e? grauen und Kinder, die ihren Gatten. Vätern oder Brüdern in die Ferne folgten. Doch nicht alle stnd so glücklich, daß am fernen Strande sie Jemand erwartet; man sieht Frauen. Greise und Kinder, die, halverhungert, die Roth und das Elend in der Heimath . nicht länger ertragen konnten. Für sie ist diese Fahrt ein Schritt der Verzweiflung, denn wenn eS diesen Armen mit, den schwachen Kräften nicht gelingt, in Amerika ihr Brod zu finden, was dann? Wenn man. ihnen dies vorhält, erwiedern sie mit dumpfer Re-, signation: „Dann werden wir dort weiter hungern, wie wir in der Heimath gehungert haben." Einige Beamte der „Israelitischen Allianz" bewachen den Transport. Plötzlich stürzt ein Mann vor, hinter ihm einige Weiber: „Was wird mit uns geschehen, wir haben seit 48 Stunden nichts gegessen, wir haben kein Geld, uns etwas zu kaufen," ruft er im Tone der größten Verzweiflung. Dazu jammern herzzerreißend einige Kinder, die vom Hunger und Durst geplagt sind. Es ist ein jammervoller Anblick. Roch aufregender wirkt es, wenn der Zug vorfährt, der die Unglücklichen aufniinmt. Es ist dies der Auswandererzug: etwa 50 Auswanderer, meist aus der bäuerlichen Bevölkerung, gesellen sich jetzt dazu. Es spielen sich herzbrechende Sccnen des Abschiedes ab. Dort sieht man zwei junge Mädchen, wahrscheinlich Schwestern, die einander jammernd am Halse hängen; sie nahmen den letzten Abschied. Der Kondukteur drängt zum Einsteigen und in einigen Waggons werden eine Mutter, schreiende Kinder und Gepäcksstücke'zusammengepfercht. Die Coupes sind glühend heiß.' Es ist 21 Uhr Vormittags, und in dieser Gluth, die in den nächsten Stunden noch ansteigt, müssen die Auswäyderer eng aneinander gedrängt, lange, qualvolle Stunden verbringen. Aus allen Coupes erschallt ein Jammern und Schreien der Kinder, die nach Wasser rufen, da sie der Durst plagt. Langsam seht sich endlich der Zug in Bewegung. Die „Jsr. Allianz", welche das Hilsswerk seit dem Beginne der Emigrations-Bewegung — also seit mehr als zwei Jahren — in Hingebungs¬ und aufopferungsvollster Weise leitet, wendet sich mittelst Aufrufs an die Oeffentlichkeit, das philantropische Wirken nach Möglichkeit zu fördern und ihr die Mittel'für weitere Unterstützung zu gewähren. : E n gl a n d. London. (Die e n g l i s ch e R e g i e r un g und Rumänien.) Auf die Anfrage des Abgeordneten für Pancras, des Hauptmanns Herbert Iesse l. welche Vorstellungen die englische Regierung an Rumänien wegen der Befolgung der Bestimmungen des Artikel 44 des Berliner Vertrages (Gleichstellung der Juden mit den übrigen Rumänen) gemacht habe, hat Lord Cranborne im Namen des Auswärtigen Amtes geantwortet, daß die rumänische Regierung, für die Befolgung der erwähnten Bestimmungen', den Unterzeichnern des Berliner Vertrages verantwortlich sei. Die rumänische Regierung habe stets behauptet, daß keines ihrer Gesetze auf die Verschiedenartigkeit.

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