Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1902)
- Date
- 1902-04-21
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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m Worte war ernster Erwägung werth. Zn der ungarischen Legislative sprach er am 28. Juni 1873 die folgenden Worte: '*; «Nicht blos mit Waffen kann man einen Religionskrieg führen. Sehr böse sind auch jene, welche mit der Feder und in den Berathungssälen geführt werden. Ein Religionskrieg, der ohne Glauben und religiösen Eifer privaten Interessen und politischen Zwecken zuliebe geführt wird, ist noch gefährlicher und dabei abscheulich."; - Ich stand in der Nähe des Weisen im Reichstagssaale, als er diese Worte sprach. Ich gestehe, daß ich den wahren Sinn dieser Worte in ihrer ganzen Tiefe damals noch nicht zu erfassen vermochte. Einen derartigen Krieg hatte ich noch nicht erlebt, ich hatte keine Erfahrungen in dieser Frage. Doch machte ich Erfahrungen neun, zehn Jahre später. Seither kamen mir häufig die Worte des Weisen in den Sinn. Seither hatte ich Gelegenheit, einen Religinoskrieg zu beobachten, in dem nicht der Glaube und der religiöse Eifer eine Rolle spielten, sondern Privatinteressen und eigennützige politische Zwecke. Jahrelange Unruhe verursachte dieser Krieg, vielen Familien verstümmelte er die Lebensfreude, viel Vermögen und viel Arbeitskraft that er zunichte. Doch auch viele Leidenschaften entfesselte er, und zwar Leidenschaften der Selbstsucht, die keine Duldung kennen, keine Hunlanität und auch keine Gerechtigkeit acceptiren. wenn sie wider sie spricht. Und sie waren auch noch Heuchler zur Zeit des großen Prozesses, da es ihnen gelang, die Maske des religiösen Eifers vorzunehmen. Die Leidenschaft der Selbstsucht beachtet nicht, wenn ' sie allgemein wird, die innere Gerechtigkeit der Dinge.' Und wenn die verfolgte Minderheit mit dieser Gerechtigkeit sich vertheidigt und sich ausdauernd vertheidigt, fühlt die große Mehrheit auch noch ihre Eitelkeit verletzt und wird umso gereizter. Wäre mein Werk damals erschienen, ich hätte meinen Zweck nicht erreicht. Zweifach ist das Ziel meines Werkes: die Wahrheit enthüllen und zur Anerkennung führen .Ohne Anerkennung hat die Gerechtigkeit keine Wirkung. Sie ist blos ein Ruf in der Wüste. Wie aber konnte die Gerechtigkeit von Wirkung sein, während die Leidenschaft lichterloh flammte? Wer hätte sie anerkannt? Der anerkannt hätte, bedurfte ihrer kaum. Wo man ihrer bedurfte, hörte man nicht auf sie. Die Wahrheiten der moralischen Entwickelung wirken nicht wie der Blitz, der auch die finstersten Wolken zu spalten vermag. Die Rauchwolken der kämpfenden Leidenschaften kann die bloße Wahrheit nicht verscheuchen. Zeit, Geduld und ein ruhiges Zeitalter gehören dazu. Und. das mußte abgewartet werden. ' - . Und das ist der Grund, warum ich zwanzig Jahre zuwartete!' Noch länger zu warten wäre nicht zweckmäßig gewesen. Viele Zeugen und viele Akteure der durch den großen Prozeß entfesselten Bewegung leben noch. Dieser Zeugen und dieser Akteure bedarf ich. Ihr Vergehen konnte ich nicht abwarten.. Wer wäre dann der lebende Richter der Daten und des ganzen Inhaltes meines Werkes, wer der wachsame Aufseher? Wer eine Lücke oder einen Jrrthum findet, möge sprechen. Das Ziel ist nicht, daß ich Recht behalte, sondern daß Recht sein solle.. ^k)ie leidenschaftslose sachliche Debatte weiß die bestrittene Gerechtigkeit mit größerem Glanze zu umgeben. Mein Buch wird keine Datenmasse sein. Solche Bücher, und zwar große Bücher, wurden über den Prozeß bereits in deutscher und ungarischer Sprache geschrieben. ' Ich glaube, daß weder das ungarische, noch das deutsche Volk großes Vergnügen an ihnen gefunden hat. Vielleicht auch das .gebildete Publikum nicht. Die für Wahrheit empfängliche Seele sehnt sich nicht nach amtlichen Daten, sondern sie will klar vor sich sehen den Menschen mit seiner Kraft und seiner Schwäche und.mit der treuen Zeichnung jenes Ungemaches, mit dem sie den Menschen umgeben, Lberfluthew und mit sich fortreißen. Doch darum werde ich in dem letzten Bande meines Buches auf jedes Datum, auf alle Quellen meines Wissens, auf alle Zeugnisse meiner Behauptungen verweisen, und, so weit ich es für nöthig halte, diese .auch mitthrilen. Es könnten sich sonst Menschen finden, die mein Werk für einen Roman oder eine Tendenzörbeit ansehen würden. Es ist wahr: diese Menschen kennen mich nicht, oder sie denken im Interesse von Nebenzwecken, nicht in gutem Glauben. Gleichwohl muß ich ihnen den Weg verstellen, und das bei Zeiten. Zeitu«gsnachriH1en urrd Correspondeirze«. Deutschland." Berlin. Das „Israelitische Krankenheim," welwelches vor V/2 Jahren in der Prenzlauer Allee 36 eröffnet wurde, entsendet seinen ersten Bericht, welcher die günstige Entwickelung der jungen Anstalt festzustellen vermag.^ Das Krankenheim, von einem schönen Garten umgeben; bietet Raum für 31 Kranke und außerdem Wohnräume für die Oberin, den Assistenzarzt, die Pfleger und Pflegerinnen rc. Die chirurgische Abtheilung steht unter Leitung des Herrn, Dr. S. Adler, die innere unter der der Herren Dr. I. Preuß und Dr.L.Caro. In der Berichtszeit wurden 269 Kranke ausgenommen, von denen mehr als 50% als völlig geheilt entlassen werden konnten. Dem Krankenheim wurde durch Verfügung' des Oberpräfidenten der Provinz Brandenburg die Auszeich- - nung zu Theil. daß es „zu denjenigen Vereinen zu rechnen sei, die. sich in Ausübung, freier Liebesthätigkeit