Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 32-33 (21.4.1902)
- Date
- 1902-04-21
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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43» Jahrgang. mm 32 t 33 des Der große Prozeß, der lausend Jahve wahrt und noch heule, nicht zu Lude ist. Unter diesem Titel beginnt der ungarische Reichstags-Deputirte Karl Eötvös, in der von ihm redi- . guten Zeitung „E—s" mit der Veröffentlichung eines großen Werkes über die „Tißa-Eßlarer Blutbeschuldigung. Etvös ist seit Jahrzehnten einer der hervorragendsten ungarischen Abgeordneten und es unterliegt keinem Zweifel, daß sein großangelegtes Werk in kulturhistorischer Beziehung von eminenter Tragweite sein wird. „In der Gerichtssache des verschwundenen Mädchens" — sagt dieser illustre Staatsmann in seinem Vorworte — hatte ich eine amtliche Rolle. Ich hatte drei der Angeklagten zu vertheidigen und die Bertheidigung zu leiten. Ich mußte alles wissen, ich mutzte jeden Menschen und jede Erscheinung beobachten, mußte eindringen in jedes Wort, in das Geheimniß jeder Handlung und jeder Erscheinung. Jetzt aber muß ich die Geschichte der Angelegenheit beschreiben, und alles aufklären, was bisher verborgen geblieben, oder was die vor Leidenschaft brennenden Augen vor zwanzig Jahren klar nicht zu sehen vermochten und die aufgepeitschten Leidenschaften auch nicht klar sehen wollten. Der Gegenstand ist es werth, daß ich ihn beschreibe. Die Vlutbeschuldigung ist noch heute ein lebender Aberglaube. Noch heute ist so viel Leben in ihm, daß er im Fälle des Zusammentreffens zufälliger Umstände sich erhebt und mit wildem Grimme Diejenigen zerfleischt, die er in seiner Nähe trifft. Jeder großen und edlen Seele Pflicht ist es, ihn niederzuringen. Hierzu gibt es nur ein sicheres Mittel. Jeder Fall muß, so wie er auftaucht, ohne Voreingenommenheit mit größter Sorgfalt und Aufmerksamkeit untersucht, rein und treu der Welt vorgelegt werden. Soviel nüchternen Verstand, soviel Edelsinn gibt es auf der Welt, .daß er, wenn der Fall rein vor ihm'steht, in ' seinem wahrheitsliebenden Eifer fähig ist, ihn auch von selber sofort abzuweisen und auch aus den schwachen Seelen und den schwankenden Herzen den blinden und schädigenden Irrglauben auszutilgen. Mit der Ausarbeitung meines Werkes und mit der Veröffentlichung mußte ich jedoch bis heute warten. Vor zwanzig Jahren war der Kampf in dieser Angelegenheit meine amtliche Rolle. In der Hitze des Kampfes wird die Seele erregt. Auch das Gefühl der l Bitterkeit und des Unwillens kann in ihr entstehen, f Auch in dem Suchen nach der Wahrheit können wir träumerisch, schwärmerisch und befangen, werden. Anders sehen wir dasjenige an, was wir lieben- und anders wieder, was wir nicht lieben. Sympathie und Antipathie entstehen in uns und können zu parteilichen Leidenschaften sich entwickeln. All das hindert es, macht es fast unmöglich, den Fall mit vollständiger Sorgfalt und Aufmerksamkeit zu untersuchen und in dem literarischen Werke nur die Wahrheit vollständig aufzuhellen. Aus Hunderten und: - Aberhunderten von Menschen und aus Tausenden und: ' Abertaus enden von Leidens chaften, Worten, Erschein-: ungen und sachlichen Geschehnissen setzt sich dieser große . Prozeß zusammen. Aus alldem muß der Schriftsteller eine harmonische Einheit schaffen. Diese Einheit wird , die vollkommene Gerechtigkeit sein. Besitzen wir aber > während des Kampfes oder unter dem Gewichte seiner;. nahen Erinnerung Kraft genug hierzu, besitzt unser? ' Blick die hierfür erforderliche taghelle Reinheit? - Zwanzig Jahre sind seit dem Falle verflossen. Auf der Höhe des Mannesalters stand ich damals. Heute. - habe ich schon das sechzigste Jahr meines Lebens hinter mir. Ich blicke auf jenen großen Kampf der. Gesell--, schaft so zurück, wie der Reisende von der flachen Ebene . aus auf die mit ewigem Schnee bedeckten, schwer passirbaren Felsenschluchten. Der Unmuth über die einstigen Mühen, Gefahren und Entbehrungen ist längst aus meiner Seele gewichen. Ruhig, ja mit heiterem Gedenken kann der Reisende von den Wechselfällen des Weges erzählen. Nichts hindert ihn mehr, die Wahrheit oorzutragen. - •... Indessen hatte ich noch einen größeren Grund, um. zu warten. Während her ganzen Dauer des großen Prozesss war vie ungarische Gesellschaft von einer sol- : chen Erregung ergriffen, als wollte sie einen Religionskrieg gegen die jüdische Konfession unternehmen. Vor ihr stand das russische und rumänische Beispiel und auch. in der deutschen Rasse, sowohl in Oesterreich als in Deutschland, zeigten sich ernste Erscheinungen des Hasses gegen die Juden. Die ungarische Gesellschaft ist; nicht so isolirt, daß sie empfindungslos hätte bleiben können, zumal der zur Blutbeschuldigung entartete Fall auch hier auftauchte. - , -w,. v. v;! - Religionskrieg! . - : ’ Mißlautendes Wort in unserem Zeitalter, bei der. , Bildung unserer Generation. Nur daß ich dessen Be-.-: stimmung von Franz Deal gehört habe. >- Franz Deal war einer der größten Staatsmänner der ungarischen Nation. Ein großer und ruhiger Geist, u ein nüchterner Denker, ein richtiger Schätzer seiner Erfahrungen im Leben und Geschichte, ein wunderbar reiner und edler Charakter. Seine Zeitgenossen nannten ihn den „Weisen des Vaterlandes." Jedes seiner f