Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1902-04-14 · Heft 30 (14.4.1902) · page 10

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 30 (14.4.1902)
Date
1902-04-14
Page
– (sequence 10)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/2446951-2449795-2449824--55746-2518432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

schlechten Scherz auffassen und sie von der heiteren Seite nehmen, wozu sie ja in der Thal lebhaft einlädt. Kann es etwas Komischeres geben, als diese drei blutjungen Menschen, und diesen etwas älteren Herrn, die * alle vier die Anfangsgründe des Hebräischen nicht bewältigt haben, aus deren Hirnen sich nicht ein einziger Vers von «np herauspressen läßt, und die da kommen, um einer neuen Epoche auf dem Gebiete der jüdischen Litteratur und Wissenschaft die Bahnen zu ebnen? Und was für possirliche Figuren müssen erst all die naiven Seelen sein, die-auf die großen Worte dieser Herren hineinfallen, ihr Seelenheil und ihr gutes Geld in deren Hände'legen. Allzu Schlimmes kann ihnen aber nicht passiren, sie werden blos für ihr schönes Geld einen Haufen werthloser, aber „modern" ausgestatteter Makulatur bekommen, die ne als Offenbarungen der Wissenschaft anstaunen werden. Denn kein halbwegs Kundiger, keiner, der nicht auf den Kopf gefallen ist, wird die großmäuligen Versprechungen dieser obscuren Herren für etwas anderes nehmen, als was sie sind.— ... Aber obgleich die ganze Sache im Grunde mehr drollig ist, so darf man doch ihre höchst bedenkliche Seite nicht übersehen. Da kommen vier Analphabeten in Bezug auf das Hebräisch, vier Menschen xbi ,isrp jöip D’oan i-n&xi iw»' und haben die unerhörte Dreistigkeit, zu behaupten, die bisherige jüdische Litteratur in Deutschland, von der sie gar keine Ahnung haben, die sie zum größten Theile gar nicht im Stande sind, zu verstehen, sei fremdienerisch und geschmacklos, habe das Volk vergiftet und verwirrt, und sie, die vier Analphabeten, seien berufen, dem jüdischen Volke aus dem Dunkel der Unbildung in die Regionen des Lichtes die Wege zu weisen. Nein,' eine solche unglaubliche Anmaßung ist noch nie dagewesen. Da ist es denn doch Pflicht der jüdischen Publizistik, energisch dreinzuhauen, um diese Invasion von Unberufenen abzuwehren. Das ist ja nicht mehr leichtherziger Dilletantismus, sondern die gröbste Unwissenheit, die dickste Ignoranz, die sich mit frecher Stirne auf dem Thron der Wissenschaft breit macht und mit keckem Griff das Kommando an sich reißen will. Solche Strömungen, wenn sie in ein Wissensgebiet eindringen, bringen nothwendig, auch wenn sie sonst keinen Schaden anrichten, eine gewisse Unlauterkeit, Unehrlichkeit, Unaufrichtigkeit mit - sich. Unsere jüdische Wissenschaft und Litteratur sind wahrlich nicht auf Rosen gebettet, befinden sich nicht in so opulentem Zustande, um größere Portionen von jenen Ingredienzien ungefährdet ertragen zu können, wir müssen sie vor diesen sonderbaren, ungebetenen Beschützern,. die ihnen so jäh entstanden sind, in Schutz -. nehmen. Wir können nicht zugeben. daß unsere Wissenschaft und Litteratur px n»iD 7^2 jedem unberufenen Eindringling preisgegeben werden, der sich darin tummeln und. nach Herzenslust spekuliren will. Ich Lin selbstverständlich bereit, alle von mir in diesem Artikel behaupteten Thatsachen vor jedem Forum oder Gericht zu beweisen, und will zum Schluß noch eine Bemerkung machen. Alle die vier Herren stammen aus Galizien. Da erhebt sich ja die naheliegende Frage, warum haben die Herren Berlin und Deutschland dazu auserkoren, um. hier ihre ethisch-ästhetische Reformthätigkeit zu entfalten?, wäre es nicht viel angemessener, wenn sie den- Schauplatz ihrer Wirksamkeit nach ihrem Heimathlande verlegen würden, wo ihrer so viele zu erfüllende Kulturaufgaben harren? Unter den vielen „wahrhaft jüdischen, erhebenden und erzieherisch wirkenden Büchern," . welche uns die Herren großmüthig verheißen, befindet sich auch eine „hebr. Auswahl (-sie!) aus der Bibel für Schulzwecke." Wir haben aber gelesen, daß es in Galizien noch nicht einmal eine vollständige Bibelübersetzung für Schulzwecke gibt. Erst jüngst lasen wir bewegliche Klagen über das vollständige Darniederliegen jedes jüdisch-wissenschaftlichen und litterarischen Lebens in Galizien. Warum entziehen also die Herren ihrem Vaterlande ihre kostbaren Kräfte? Warum bestreben sie sich nicht, unser Volk in Galizien, aus dem Dünkel der Unbildung zu befreien? Die deutsche Judenheit besitzt wahrlich in ihrer eignen Mitte bedeutende Männer auf allen Gebieten in genügender Anzahl, um ohne den Beistand dieser vier Herren auskommen zu können. Zeitungsnachrichten und Correspoudenzen. ' Deut sch l a » d. Berlin, 13. April. Die Unterrichtskommissiön des Abgeordnetenhauses berieth unter anderem über eine Petition von 115 Lehrern an öffentlichen jüdischen Volksschulen. Durch Erlaß des Ministers der geist-' lichen etc.-Angelegenheiten vom 16. September 1896 ist bekanntlich den staatlichen Lehrerseminarien das Recht verliehen worden, giftige Zeugnisse über die wissenschaftliche Befähigung für den einjährig-freiwilligen Dienst ausstellen zu dürfen. Die jüdischen Seminarien haben das Recht nicht erhalten. Da die jüdischen Seminaristen ein staatliches Seminar nicht besuchen können, so fühlen sich die jüdischen Lehrer hinter ihre christlichen Kollegen umsomehr zurückgesetzt, als sie genau dieselbe wissenschaftliche Ausbildung erhalten haben und ihre Prüfung vor einer königlichen Prüfungskommission ablegen müssen. Sie bitten daher das Abgeordnetenhaus, dafür eintreten zu wollen, daß die jüdischen Lehrerseminarien, die zur Abnahme der Volksschullehrerprüfung und zur Ausstellung des Vefähigungszeugniffes zum Lehramt berechtigt sind, auch das Recht zur Ausstellung

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.