Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1902)
- Date
- 1902-04-10
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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640 Unterschiedes zwischen Wirklichkeit und Traum inne werden lassen mutzte. Und hätte die Judenheit Jahrtausende hindurch ohne Kenntniß des symbolischen Geistes der Gesetze diese bethätigt, so hatte die moderne Klassifikation unbedingt, drm Juden den Gedanken nahe legen müssen, daß er im Bunde mit dem göttlichen Gesetze der Menschheit sen Jahrtausenden voraus war und datz im Lichte dieses Gesetzes, im Lichte nüchternen Denkens jene Theorieen sich als unlogisch erweisen.. Ja. es hätte der. Jude die physische Thaisache nicht um ihrer selbst willen kennen gelernt. Er hätte das Gesetz ftudirt und mit ihm von selbst von den Thatsachen Kenntniß erhalten. Die Thatsachen wären ihm Mittel zur Lösung seiner.Lebensaufgabe geworden, inmitten dieser Thatsachen hat er schon vor Jahrtausenden die Gotteshörigkeit der ganzen Welt bekundet. Ohnehin hat der Fortschritt wohl nur durch seinen entschiedenen Gegensatz zu der Entwickelung der Vorzeit die Menschheit so gewaltsam mit sich fortgerissen, durch die Plötzlichleit ferner, mit welcher er in die Erscheinung trat. Die Menschheit war aus einem jahrtausende langem Schlafe erwacht, was Wunder, tvenn ihr jede Entdeckung so gewaltig imponirte, daß ihr Sinn ganz in die sichtbare greifbare Entdeckung aufging. Daher fehlt ihr aber auch die Kompetenz, über die Thatsachen hinaus ein Urtheil zu fällen. Niemals hat die Geschichte dem denkenden Beobckchter das Wesen des Judenthums so nahe gerückt, als in der Gegenwart. Die Wissenschaft hat das nüchterne Denken auf den Schild erhoben und vermöge desselben erstaunliche Resultate gezeitigt. Gleichwohl trifft sie nicht den Kern der Dinge und bleibt hinter der Wahrheit unendlich weit zurück. Dieser Umstand kennzeichnet das Wesen des Judenthums. Seine Göttlichkeit bildet den Grund der Wahrheit seiner Lehren. Der menschliche Geist reicht ohne die göttliche Offenbarung zur realen Erkenntniß der Dinge nicht aus. Er vermag an sich lediglch vorwärts zu schauen, während der Urgrund der Dinge den Blick aufwärts lenkt. zeiLurrgsrrachvichtett und Correfporwenzen. Deuts ch t an d. Cassel, 8. Äpril. Unsere Gemeinde steht im Zeichen tiefster Trauer. Am letzten Samstag Abend starb plötzlich Frau Waisenhausinspektor Sckeye. Mit ihr ist eine Frau mit seltenen Gaben des Geistes . und.Herzens aus dem Leben geschieden. Ihrem Ge- . schick und ihrer treuesten Hingebung gelang . es, das hiesige Waisenhaus zu einem Musterinstitute zu machen; mit vollem Rechte darf man auch auf ihren Grabstein die Worte setzen: , „Die Edle starb zwar viel zu früh, v Doch edles Wirken stirbt ja nie!* In den Herzen Aller, die ihr stilles Wirken kannten, wird sie ewig leben. v Hoppstätten a. d. N., 8. April. Am 23. v. M. fand im hiesigen litterarischen Verein eine größere Feier statt, an der nicht nur alle hiesigen Mitglieder, sondern auch viele Gäste aus den anderen Gemeinden des Fürstenthums Birkenfeld und den angrenzenden Gemeinden der Rheinprovinz theilnahmen. Denn es war für den Äbend ein Vortrag des ehemaligen Landrabbiners. Herrn Dr. Gold schmidt, jetzigen Rabbiners in Offenbach a. M., augeseht. Sein Thema lautete: „Die Poesie der hebräischen Gebete.* Selbst «ne dichterische Natur, verstand es der Redner, den Zuhörern die Schönheit und erbauliche Kraft der hebräischen Gebete llarzulegen. Anhaltender Beifall und Dank lohnten den Redner für seinen meisterhaften Vortrag. Hierauf nahm Herr Landrabbiner Dr. Lewit das Wort zu einem Hoch auf Seine Königliche Hoheit den Großherzog und sprach seine Freude darüber aus, daß der geliebte Landesfürst unter' Gottes Beistand im kommenden Sommer auch das Fürstenthum Birkenfeld mit seinem Besuche beehren und erfreuen werde. Begeistert stimmte die Versammlung in das Hoch ein und sang die oldenburgische Nationalhymne. Hierauf folgten declamatorische und musikalische Vortrage, von denen besonders die vorzüglich vorgetraaenen Gesänge von Psalmen durch den hiesigen Svnagogenchor lobende Erwähnung verdienen. Bis in die. späte Nacht hinein blieb die ganze Versammlung in fröhlicher Stimmung zusammen. Als zum Schluß Herr Rabbiner Dr. Goldschmidt für den freundlichen Empfang dankte, entwickelte sich daran anschließend ein mehr als eine Stunde dauerndes Rede- Tournier, an dem sich die Herren Landrabbiner Dr. Lewit, Lehrer Eppstein. Synagogenvorsteher Elias Weil, Vorsteher Lazarus Stern und Lehrer Katz aus Ottweiler lebhaft betheiligten. . Hof, 6. April. Nach Ueberwindung vieler Schwierigkeiten wurde mit dem neuen Jahre endlich Hierselbst die Bildung einer isr. Kultusgemeinde ge- . nehmigt. Der Sage zufolge bestand bereits vor 300 Jahren eine solche hier. Jedoch muß dann ein erfolgt sein, sodaß die Chronik vom Jahre ^«» meldet. Juden ist nicht verstattet, hier zu wohnen. In Folge eines großen Brandes in Mitte des 17. Jahrhunderts wurde das Archiv vernichtet, wodurch leider weitere Anhaltspunkte fehlen. Ende des vorigen Jahrhunderts soll in einem Hause der Umgegend ein jüdischer Grabstein aufgefunden worden sein. Jetzt ist dieselbe in stundenweitem Umkreis völlig „judenrein.* Die hiesigen Israeliten, seit etwa 10 Jahren zu einem Synagogenverein organisirt. haben sich im Laufe der letzten 20 Jahre aus dem Norden, Süden, Osten und.Westen