Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1902)
- Date
- 1902-04-10
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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Philosophie ist im Judenthum kein Raum: - Die Philosophie des Judenthums ist durchaus nützliche Lebensweisheit. Gerade die Welt der Thatsachen ist es aber, in welche der fortschrittliche Denker hinaustrat. Jahrtausende lang hatte die Philosophie der Menschen in der Studierstube die mannigfachsten Weltbilder gezeichnet, die zumeist mit der Wirklichkeit nicht übereinftimmten und daher den Juden nicht dauernd für sich zu gewinnen vermochten. Der moderne Fortschritt brach mH der alten Methode der spekulativen Forschung und begab sich in die Welt hinaus, um dieselbe durch Beobachtung an Ort und Stelle kennen zu lernen. Sie erklärte nur das als wirklich, was sich mit den Sinnen erkennen und durch logische Schlußfolgerung begreifen läßt. Nachdem der Jude sich von dem göttlichen Gesetze lo.sgesagt hatte, fand er in dieser Forschung dasjenige, was seinem auf's Reale gerichteten Naturell vollends entsprach. Der Jude hat die Probe, auf welche ihn die Vergangenheit der fortschrittlichen Entwickelung stellte, nicht bestanden. Aufgabe der Gegenwart ist es, dahin zu wirken, baß das .göttliche Gesetz in Zukunft dauernde Anerkennung in Israel finde. Ist gleich diese Aufgabe durch die Fehler der Vergangenheit doppelt schwierig, so begünstigt dennoch das Stadium, in welches die Wissenschaft in unseren Tagen getreten ist, die Lösung derselben in außerordentlicher Weise. Wir meinen, daß die Forschung in den meist der Wahrheit nicht entsprechenden Theorieen aufgestellt, an deren Ausarbeitung Jahrzehnte ihre Kraft setzen werden. Die prinzipielle Richtung der Wissenschaft ist . für lange Zeit festgelegt. Kinder und wohl auch Kindeskinder vermögen wir mit derselben im Voraus bekannt zu ' machen und ihnen daher eine Belehrung und Erziehung zu Theil werden zu lassen, welche ihnen die Gewinnung des jüdischen Standpunktes in wissenschaftlichen Fragen unverlierbar ermöglichen. Es entspricht so recht dem Geiste unserer Zeit, daß jene Theorien im Wege der Feststellung der Thatsachen aufgestellt worden sind. Und wenn es nun gleichwohl gelingt, zu beweisen — und es gelingt — daß jene Theorieen mit den Thatsachen unvereinbar sind, ist dann nicht das einseitige menschliche Denken in der gründlichsten überhaupt möglichen Weise gerichtet, und wenn dann an Stelle jener Theorieen die jüdische Lehre als die Lehre der Wahrheit und Wirklichkeit dargestellt wird, sollte es dann nicht möglich sein, ihr wieder einen Kreis von Menschen zu gewinnen?! Man hat in wissenschaftlichen Kreisen den RüLgang rein philosophischen Denkens in unserer Zeit beklagt und in dieser Klage einen gewissermaßen berechtigten Tadel ausgesprochen. Denn, welch' irre Bahnen eine Philosophie auch wandeln möge, so entspringt sie doch einer gesunden Voraussetzung. Sie beweist das Vorhandensein idealen Zuges, des Bedürfnisses, sich über das Sinnlich-Wahrnehmbare zu erheben. Gleichwohl zeitigt die reale Forschung werthvollere Resultate. Das vergangene Jahrhundert hat Großes geleistet, indem es die Menschheit in die Welt der Thatsachen führte.' So lange sich die Philosophie in spekulativen Regionen verlor, fehlte ihr der reale Boden und daher die Möglichkeit, auf die Praxis des Lebens einzuwirken. V - ... Auf das Gebiet der Thatsachen können wir den Forschern folgen und dort gemeinsam mit ihnen arbeiten. Wir studiren und experimentiren im Verein mit, ihnen, verschaffen uns eine gediegene Kenntniß der . Thatsachen und rufen dann unseren Kindern und Freunden, ja allen, die ein Herz für Wahrheit haben, zu: Seht dieselben Thatsachen, welche unsere Thauroh berichtet oder in ihren gesetzlichen Bestimmungen voraus-. setzt, hat die Wissenschaft erst nach Jahrtausenden im. Wege der Forschung entdeckt. — Und die falschen Schlüsse, welche die Wissenschaft aus richtigen Thatfachen zieht, suchen wir in ihrer Ünhaltbarleit darzustellen und halten ihnen dann die im voraus -feststehende Lehre des Judenthums entgegen. . -:;;v Heben wir aus dem reichen Schatze der göttlichen- Verordnungen ein Gesetz hervor, um an demselben darzustellen, daß es mit den physischen Thatsachen genau übereinstimmt und denselben einen durchaus sachgemäßen Standpunkt anweist, während die moderne Wissenschaft in den Theorieen, welche sie an jene Thatsachen knüpft, ganz den realen Boden verliert, den sie vorgibi, ausschließlich für sich in Anspruch zu nehmen.' Wir meinen das wubv Gesetz. Weist es nicht, evident auf die lückenlose in der Natur herrschende Ordnung hin, die jedem Wesen seine besondere Sphäre zutheilt. Und ist diese Ordnung nicht eine jener Thatsachen, welche die moderne Wissenschaft lehrt! Weist eS nicht ferner auf die jede Wesengattung charakterisirende Zweckmäßigkeit hin und wird nicht auch diese von der Wissenschaft gelehrt? Ordnung und Zweckmäßigkeit sind Thatsachen, Judenthum und Wissenschaft erkennen sie beide als solche an. Allein welch' 'himmelweiter Unterschied zwischen der jüdischen Lehre und der wissenschaftlichen Anschauung in Hinsicht der Thatsachen. Die Wissenschaft glaubt den Ursprung der Zweckmäßigkeit in der Natur selbst zu finden und stellt damit die Forderung, Undenkbares zu denken, Unmögliches für möglich zu halten. Der gesunde Menschenverstand kommt über die Thatsache nicht hinweg, daß die Zweckmäßigkeit ein außerirdisches, mit Vernunft begabtes Wesen, voraus-, setzt, und eben dieses, was der gesunde Menschenverstand fordert, lehrt ja das Judenthum und läßt es in Gesetzerfüllung bethätigem; ' Sehen wir ganz von der Symbolik des Gesetzes ab/ so steht doch so viel fest/daß die Uebung solchen Gesetzes den Juden bei dem ersten Zusammentreffen Mit jener wissenschaftlichen Thorie unbedingt des gewaltigen