Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1902)
- Date
- 1902-04-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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Normen werden durch menschliche Einsicht bestimmt und bleiben daher stets einseitig und lügenhaft, erfassen die Dinge und Verhältnisse, zu deren Pflege und Ausgestaltung sie bestimmt sind, nicht in der Tiefe ihres WesenS.' Aus menschlich-irdischem Ursprung hervorgetjängen. strebt der Fortschritt auch bloß irdisch-vergänglichen Zielen entgegen. Ist das Judenthum unvergänglich, trat es aus der übersinnlichen Sphäre in die Erdwelt, um diese erleuchtet und sittlich geadelt wieder zu sich in die ewig Helle, unveränderlich gleiche Bundesnähe hinanzuZiehen, so schwebt dem Fortschritt kein ewig dauerndes Ziel vor Augen; er verbleibt mit seinen Zielen lediglich auf Erden. Alle Bewegung der Kräfte ist ihm Mittel zur besseren Ausgestaltung der Erde, um ihrer selbstwillen. Seine Parole heißt: Vorwärts, in der Richtung der Organe, die des Menschen Erkenntniß vermitteln, vorwärts, wohin die Augen blicken und die Füße schreiten, immer auf der Erde und ausschließlich für die Erde. Selbst in der Bedeutung des Vorwärtsschreitens, die man im allgemeinen mit dem Ausdruck Fortschritt verbindet, verfolgt dieser somit irdisch beschränkte, einseitige Ziele.'In des Wortes reinem Sinne stellt er aber bloß eine Fortbewegung dar. Man verläßt den bisherigen Standpunkt und begibt sich fort zu einem neuen, um auch diesem Valet zu sagen, sobald ein dritter lebensfähig geworden. Es ist klar, daß auch der Fortschritt manche Blüthe zeitigt, die des Menschen zeitweilig nicht unwürdig ist. Und wo immer er eine solche Blüthe reicht, steht ihr das Judenthum nicht abhold gegenüber und gestattet ihre Verwendung gerne im Dienste des Judenthums. Speziell in der Ethik, Aesthetik und Soziologie nähert sich der Fortschritt in vielen Punkten dem Geiste des JudenthümS. Diese Erlaubniß. die Resultate außerjüdischer Ve- ' strebungen mit der Praxis des göttlichen Gesetzes zu verweben, hebt das Judenthum auf einen universellen Standpunkt und macht den Juden zum Weltbürger. Sie zeigt aber auch deutlich, welche Freiheit des Geilles das Judenthum seinen Vekennern verleiht, wie ihm nichts Mysteriöses, geistig Einschränkendes änhaftet. wie es vielmehr den Menschen aus sich heraustreten läßt. Er soll seine Kräfte und Anlagen entfalten und den Gesichtskreis seines Denkens und die Sphäre.seines Wirkens soweit aüsdehnen, als die Grenzen des Gesetzes gestatten. Und diese Grenzen sind weit gezogen. Innerhalb derselben ist der Jude frei.' Umgang mit den -' Menschen, je äusgebildeter sein Verständniß für - die freien Künste, ' -um-so leuchtender offenbart sich in ihm der Geist des göttlichen Gesetzes. - - v;:: - Die Zeit/ in welcher^der moderne Fortschritt seine : 'siegreiche Laufbahn begann; stellte Israel wie me zuvor auf die Probe. Es hatte jahrhundertelang, abgeschlossen von der Außenwelt, sich in der Ausübung des göttlichen Gesetzes gefestigt. Da aalt es, als die schroffe, soziale Scheidewand zwischen Juden und Nichtjuden fiel, sich den Bestrebungen des Fortschrittes in der durch das Gesetz erlaubten Weife anzuschließen. Die äußerjüdische Menschheit führte in den Anfangstämpfen des Fortschrittes das Schwert gegen die niederd'rückende Macht des Clerus, des Aberglaubens und des Vorurtheils. Der Jude war von diesen Uebeln'längst frei; so hätte er, während in der Außenwelt der Befreiungskampf die hervorragenden Geister in die Arena zwang, bereits friedlich die Zeit vorbereiten können, in welcher der Fortschritt die positiven Leistungen beginnen konnte. Und wie hätte er erst in dieser Zeit sich entfalten können! Mit gottgeweihtem Streben hätte er den hehren Forderungen des neuen Zeitgeistes' ein Verständniß entgegenbringen können, das selbst von den führenden Geistern der Nationen nicht an den Tag gelegt worden wäre. In seinem Schoße lag das Heil der Menschheit. Friedlich, aber sicher hätte er diese dahin geführt, den Fortschritt nur im Bunde mit den Gesetzen der Menschlichkeit und Sittlichkeit zu. pflegen. Er hätte aller Welt gezeigt, daß die Gottesverehrung im Menschenthmn und Judenthum geistig aufklärt und sittlich frei macht. Jüdische Astronomen, jüdische Chemiker, jüdische Mediziner, jüdische Techniker, jüdische Naturforscher, jüdische Industrielle hätten durch die Verbindung tiefer Geistesarbeit, gewerblichen Fleißes mit strenger Beobachtung des göttlichen Gesetzes dieses in feiner Hoheit leuchtend in die Erscheinung treten lassen. Reden die Wissenschaften, Handel und Gewerbe so laut von der Majestät des Geistes, wie erhaben hatte dann nicht das Gesetz dagestandcn, da es ja deutlich von den jüdischen Forschern und Kaufleuten zum grundlegenden Prinzip genommen worden wäre. Wahrscheinlich hätte dann die Kulturgeschichte des verflossenen Jahrhunderts eine andere Richtung eingeschlagen. Die soziale Freiheit, welche die Juden in verhältnißmäßig kurzer Zeit zu erkämpfen wußten, ließ sie schnell der Jahrhunderte des Elends vergessen. Weite Kreise brachen den Bund mit dem Gesetze u. buhlten um die Gunst der nichtjüdischen Mitbürger. Vermögen und Ehre bildeten die Ziele ihres Strebens. - Diese Entfernung vom göttlichen Gesetze wurde durch den Gang der fortschreitenden Wissenschaft begünstigt. Selten hat die Kulturgeschichte eine interessantere, volkspsychologische Erscheinung dargeboten. Wir haben bereits erwähnt, daß dem Judenthum nichts Mysteriöses anhaftet und daß das jüdische Gesetz irdische Dinge und Verhältnisse zum Gegenstände hat. Die Pflege dieses Gesetzes stellt den Juden mit seinem Denken und Handeln aus realen Boden. Er denkt praktisch, man könnte wohl sagen: nüchtern; er setzt sich in , enge Beziehung zu den Tatsachen und philöfovhirt sich -über dieselben nicht hinweg Für eine spekulative