Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 29 (10.4.1902)
- Date
- 1902-04-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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4& Jahrganz. M%9. k-v b~- III iilniS! ui III Kentrak-Hrgan für das orthodoxe IudentHüm Begründet von _ . , -- Dr, Dehrrrsrrn in ' Donnerstag, den 1V. Apti 1 5663 (1902). /Zudenchum und Fortschritt. . Als in den Tagen der französischeg Revolution der Gedanke des Fortschrittes mit klirrenden Waffen den Beginn einer neuen Aera.der Weltgeschichte verkündete, ahnte Niemand die. weltbewegenden Umwälzungen, die sich seitdem unter den gesitteten Völkern auf den Gebieten des öffentlichen und privaten Lebens vollzogen .haben. Kein Theil der Menschheit aber.hat die Wehen der neuen Zeit so empfindlich verspürt, als. das jüdische Volk, Während die zivilisirten, außerjüdischen Nationen seit jenem denkwürdigen" Ereigniß in einer Weise vorangeschritten sind, deren Schnelligkeit zu der geschichtlichen Entwickelung voraufgegangener Jahrtausendein keinem Verhältniß steht, haben weite Kreise der Judenheit, weil sie sich mit Preisgabe des Judenthums. blindlings den Forderungen der Zeit unterwarfen, beklagenswerthe Rückschritte gemacht. Judenthum und Fortschritt sind hinsichtlich Ursprung und Ziel entgegengesetzter Richtung und finden. nur auf den Anfang und Ende verbindenden Linien eine stellenweise Annäherung. Das Judenthum stammt unmittelbar aus Gottes Hand, stellt ein unwandelbares, in seiner Verwirklichung von Raum. und. Zeit unab- .hängiges, in sich abgeschlossenes Ganzes dar. In seinen Gesetzen verbrieft es den göttlichen Willen und verlangt von den zu ihm Verpflichteten, daß sie sich der Betätigung der Gesetze in der Absicht hingeben, Gottes Willen gerecht zu werden. Diese Thatvollbringung im Lichte des göttlichen Willens adelt den Juden. Sie erstreckt sich auf sämmtliche Gebiete des Lebens, nimmt alle Organe und Fähigkeiten des Einzelnen und der Gesammtheit in Anspruch. Kein Gedanke und kein Schritt des Lebens'soll sich nach des Schöpfers Willen dem Gesetze entziehen. In ewiger Vollkommenheit leuchtet dieses als unumschränktes Ideal dem zu seiner Verwirklichung geladenen Menschenkreise aus der göttlichen Höhe entgegen und läßt — selber keiner menschlichen Veränderung fähig — die mannigfaltigen Keime des, Denkens, Wollens, Empfindens und Vollbringens im Ablauf der Zeiten zu Früchten reifen, die zu der freien, sittlichen Göttesnähe empörstreben. Nicht den Fortschritt, den Aufschritt der Menschenwelt, und mit ihm den Aufstieg, aller in Thier-, Pflanzen- und Elementarwelt wirken- ', den Kräfte auf Erden. Aufwärts, nichtvorwärts,. hinauf zu dem Ideals in welchem der Schöpfer die rathenden, belehrenden, erziehenden '' Ideen verwebte, deren die Menschheit in allen Phasen ihrer Entwickelung : bedarf. Kein Naturgesetz steht im Widerspruch - zu den" Voraussetzungen. von -welchen dieses Gesetz ’ den , <$ang__ seiner Besiimmüng durch die Volkerreihen nimmt. Dieselbe göttliche Intelligenz, die ihren freien Willen' in dem ' dem Menschen anvertrauten Gesetz ausgesprochen, hat ihr zwingendes Gebot in die Natur ge«, legt, und sittliche Vermählung der Natur mit der Men- schenwelt ist eines der höchsten Ziele, welche die Mensch- . heit zu erreichen vermag.' '. Heiter, vertrauensvoll blickt der Jude stetä in die Zukunft und schöpft selbst, in entgeistigten, entsittlichten Zeiten Kraft, aus dem göttlichen Gesetze. Spiegelt es in solchen Zeiten doch nimmer die menschliche Anschauung wieder, sondern zeigt den ewigen, lichtspen-/ denden, aus geistiger und sittlicher Gesunkenheil: in jeder Zeit rettenden Götteswillen, an dem der Trotz und die 'Willkür der Menschen scheitern. -' Dagegen ist der Fortschritt ein Ergebniß geschicht- - licher Entwickelung und stellt in seinen Forderungen nicht das unbedingt Gute, sondern das vermeintlich jeweilig Beste, in Wirklichkeit das jeweilig Neue, dar. Aus menschlich gegebenem Ursprung entstanden, strebt er rastlos nach Vervollkommnung, die er im Abläufe der Geschichte nimmer zu erreichen im Stande ist, da / jede erklommene Stufe sich als mangelhaft erweist.und zu Meiterstreben drängt.^ 7 - Der Fortschritt ist den zeitlichen und räumlichen. Einflüssen unterworfen, und seine Bahnen tverden durch die erleuchteten Geister der Zeiten gezeichnet. Seine