Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 28 (7.4.1902)
- Date
- 1902-04-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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nähere Betrachtung lehrte mich, daß auch diese Figur einer der zahlreichen Mönchsfiguren des Mittelalters nachgebildet und nicht vollständig erfunden ist. Wie kann auch einer, der nie einen Vers von Jesajas gelesen hat, diese hoheitsvolle Gestalt empfinden und darstellen? Nachdem Herr Lilien also das gesammte Buch illuftrirt hatte, ernannte er sich zum Schöpfer der modernen jüdischen Kunst, und in dieser Würde wurde er vom letzten Baseler Kongreß bestätigt, der bereits mehrere ähnliche Nominationen vollzogen hat. Da uns das Prospekt des „Jüdischen Verlag" eine künstlerisch ausgestattete Hagada von E. M. Lilien verspricht, so war ich neugierig, zu wissen, was Herr E. M. Lilien von unserer lieben, alten Hagada weiß. Und siehe da! Den Text dieses Büchleins hat er natürlich niemals gelesen. Die Zeremonie des Seder scheint er einmal in der Kindheit mitangesehen zu haben, hat aber von ihm nur eine ganz blasse Vorstellung und weiß nur ungenau, wie es dabei zugeht. Selbstverständlich, kann nicht davon die Rede sein, daß Herr Lilien jene unaussprechliche selig-stolze Stimmnung empfinden könnte, die uns Juden beim Singen der Hagada erfüllt, da tausendjährige lebendige Erinnerungen uns bewegen, da der mystische Hauch der Nähe Gottes uns anweht, die liebtrauten Gestalten vor uns aufsteigen, und während der Jugendglanz unseres Stammes uns umgaukelt,, wir wieder in die Kindheit uns versetzt fühlen, da wir den Propheten Eliah erwarteten. . . . Nein, nein, Herr E. M. Lilien mag ein unsterblicher Plakattünstler sein, aber all das, wovon ich da sprach, ist ihm in der Seele völlig fremd, so fremd, wie einem Juden der Koran, und wenn irgend Jemand, so ist er sicherlich nicht der Berufene, dem tausendjährigen Gefühlsleben des jüdischen Volkes in seinen intimsten und heiligsten Regungen mit den Mitteln der modernen Kunst Ausdruck zu geben. Dazu gehört einer, der das alles in sich ausgenommen, es miterlebt, es in sich erlebt und wieder-.. erlebt hat, nicht aber einer, der sich im besten Falle von anderen mühevoll in die Kunst wird einführen lassen, -wie man das Hagadabuch entziffert, der nur mit fremder Hilfe die Zeremonien begreifen kann, die er darstellen soll. Hat ja Herr Lilien selbst von der Existenz einer Hagada benannten Buchs keine Ahnung gehabt, bis er daran ging, die Gedichte Münchhausen's zu illustriren und, da er von jüdischen Symbolen und Emblemen nichts wußte, auf die Wiener „Hagada von Serajewo", als auf eine Fundgrube von jüdischen Zei- , chen.motiven aufmerksam gemacht wurde. Lange Zeit /glaübje'dann der Schöpfer der jüdischen Kunst, es gebe überhaupt nur eine-::? : Hagada von Serajewo, sonst, keines Es ist llar, daß es diesem Manne ein Leichtes sein wird, die rraa sezessionistisch zu stilisiren, aber es ist nicht der geringste Zweifel vorhanden, daß er nicht dazu berufen ist, aus. der jüdischen Volksseele heraus die Poesie der Hagada nachzudichten, obgleich Herr E. M. Lilien ebenfalls kurze Zeit hindurch den Ansängerkursus für hebräischen Unterricht besucht hau Jap Uebrigen erfordert es die Gerechtigkeit, zu betonen, daß Herr Zilien, indem er unser Volt mit guten Büchern versehen will, um es aus dem Banne der Unbildung zu führen, eine große Selbstverleugnung übt, er selber kommt nämlicy ohne Bücher gut aus, er hegt sogar eine entschiedene Abneigung und Verachtung gegen alle Litteratur und was damit zusammenhängt. Daraus erklärt es sich, daß Herr Lilien es verschmäht hat, jemals nicht nur Bücher jüdischen Inhalts, sondern Bücher überhaupt zu lesen. Außer den illustrirten Witzblattern laßt er nur noch eine Art von Litteratur gelten, nämlich die Zeitungsausschnitte, in denen fein Name erwähnt wird. Davon verwahrt er eine ganze Menge, fein säuberlich in ein Album geklebt, mit dem der Besucher sogleich Bekanntschaft machen muß. Es sind dies überwiegend kleine Ausschnitte, oft von wenigen Zeilen, aus kleinen Provinzblättern, wo der Name des Herrn Lilien gelegentlich irgend einer Ausstellung genannt wird. Auf meine erstaunte Frage, wie ein geschmackvoller Mensch solcher Kleinlichkeiten fröhnen könne, antwortete der Meister mit entzückender Naivetät: „Ach, lieber Herr, Sie haben gar keine Ahnung, was solch' ein Wort fiir Mühe kostet, wieviel Lauferei und Bitten und Schreiben an die Kunstkritiker dazu gehören! Was für Anstrengungen kostete es mich, bis ich den alten Ludwig Pietsch bewog, dies da zu bringen!" Der Meister wies mit Stolz auf einen kleinen Ausschnitt aus der „Boss. Zeitung." (Ich erfuhr dann erbauliche Geschichten über eine Rezension in der „Staatsbürgerzeitung" und über eine nichterschienene Rezension im „Berliner Taz:- blatt.") Der Schmerz seines Lebens bildet der Umstand, daß ernste und angesehene Kunstkritiker, wie Stahl und Servaes, sich trotz aller Anstrengungen und Bemühungen seinerseits hartnäckig weigern, von seinem Schaffen Notiz zu nehmen. Zum Schlüsse entdeckte der Meister in mir eine Eigenschaft, von der ich selber bis dahin keine Ahnung hatte. Obgleich ich mich in seiner Gegenwart mit keinem Urtheil über Kunstsachen hervorwagte. fand er, daß ich ein phänomenales,' ganz unvergleichliches Berständniß, besonders für die Schwarzweißkunst, besäße und sei zum Kunstkritiker wie geschaffen: in sanften rührenden Worten rieth er mir sehr dringend an, dieses mein Talent ja nicht einrosten zu lassen, sondern es sofort durch einen Artikel über den Schöpfer der modernen jüdischen Kunst einzuweihen. Ich fühlte mich aber leider dazu nicht berufen. Ich glaube jedoch, diese kleinen Züge dürfen in dem hier treu nach der Natur entworfenen Bilde von dem Manne nicht fehlen, der sich anheischig macht, das jüdische Bott mit einer Sammlung ethisch ästhetisch einwandfreier, wahrhaft jüdischer, erhebender und belehrender Bücher zu versorgen. (Schluß folgt.) -