Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 28 (7.4.1902)
- Date
- 1902-04-07
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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*625 - Der Schreiber deS Art. in Nr. 28 „Qber-Elsaß" hat verschiedene Mangel angeführt, es sind dies einige der Vielen, die noch zu beseitigen sind. Ein Abonnent. (Mr zweifeln nicht, daß der neugegründete Rabbinerverband fiir Elsaß-Lothringen dem Wunsche des Einsenders obiger Zeilen entsprechen und den reichsländifchen Glaubensgenossen Gelegenheit zu einer öffentlichen Aussprache gewähren wird. Red. b. „Jsr.") Ungarn. . Budapest, 26. März. (6in großes und ein kleim es Ereigniß.) Ein großes Ereigniß, das seine Schatten hinter sich läßt, halt unsere Hauptstadt in seinem Banne: Gestern fand hier die Leichenfeier. des größten liberalen Staatsmannes Ungarns statt. Koloman T i ß a. der volle 15 Jahre hindurch die Geschicke Ungarns in streng-liberalem Sinne geleitet und dafür wahrlich bei Lebzeiten weniger Ruhm als Kränkungen eingeheimst hat, ist gestern von hier nach Geht überführt worden, um daselbst in seiner Familiegrüft zur ewigen Ruhe gebettet zu werden. Er war liberal durch und durch, aber dabei auch konservativ. Manchem könnte dies paradox erscheinen, aber es ist dem doch so, und daraus erklärt sich das Verhalten des verstorbenen Staatsmannes in der Judenfrage, welches nicht immer den vollen Beifall der Philosemiten fand. Bei all seinem Liberalismus war Tißa kein Freund von Neuerungen: was aber der Liberalismus Neues errungen hat, daran hielt der Verblichene mit der ihm so sehr eigen gewesenen Zähigkeit unerschütterlich fest. Aber auch gegen jede rückschrittliche Bewegung ging er rücksichtslos in's Zeug. Er kannte kein Paktiren mit der Reaction. und unter ihm wäre der heutigen antisemitischen Volkspartei unseres Reichstages gewiß niemals die Ehre zutheil geworden, es zu einer, parlamentarischen Fraktion, geschweige denn Partei, zu bringen. Und dabei hatte es Tißa mit hartgesottenen Antisemiten zu thun. die den Vlebs mit dem Tißa-Eßlarer „Ritualmordprozeß" fluchwürdigen Andenkens zu blenden verstanden. Aber er verstand es, diese Bewegung mit eiserner Hand niederzukämpfen, und als er dieserhalb vom Meschumed Simonyi öffentlich apostrophirt wurde, erwiederte er in offener Reichstagssitzung u. A.: „Wenn die mir heute zur Verfügung stehenden Mittel noch nicht genügen sollten, um dieses antisemitische Treiben zu unterdrücken, so werde ich keinen Anstand nehmen, vom hohen Reichstage „weit wirksamere Mittel" in Anspruch zu nehmen. So lange ich am Ruder bin. werde ich das „Hetzen der Konfessionen gegen einander nie und nimmer dulden!" : . Manchem waren jedoch die Thaten Tißa's dem Antisemitismus gegenüber nicht energisch genug. In Wirklichkeit aber hat er das Möglichste — und zwar mit Erfolg — zur Unterdrückung deS Antisemitismus beigetragen; sein konservativ angelegter Liberalismus.: gestattete es ihm nur nicht, dabei auch nur auf Haaresbreite den Rahmen des Gesetzes zu überschreiten. Und nun ist diese mächtige Säule deS Liberalismus gestürzt, ein tiefe Lücke zurücklassend, die sehx schwer auSzufüllen sein wird. Viele dunkle Schattengestallen, die zu Lebzeiten Tißa's, wenn er auch langst nicht mehr Minister war, sich nicht an's Licht der Oeffentlichkeit trauten, werden jetzt frischen Muth gewinnen. Möge ihüen bald ein neuer Bändiger LI» Tißa erstehen! -; Ein viel kleineres Ereigniß» eine Todtgeburt, hat sich vorgestern hier vollzogen, ohne den geringsten Schatten vorausgeworfen oder zürückgelassen zu haben: die angebliche „Gründung eines zionistischen Zweigvereins." Ist für den Zionismus hier in Ungarn der Boden ungünstiger, als irgendwo in aller Welt, um wie viel komödienhafter muß er den magyarischen Juden — oder wenn man will: den jüdischen Magyaren— erscheinen, wenn man ihn in der dilettantenhaften Weise vorführt, wie dies ein sogenanntes „VorbereitungS- Komitee" am Schufchan-Purim im hiesigen ^Hotel Royal" gethan hat. Was die hinter dieser Bezeichnung sich versteckenden Herren „vorbereitet" haben, ist nicht zu erfinden. Wenn dieser Versuch des Zionismus in der ungarischen Hauptstadt nur um einen Tag früher unternommen worden, hätte man ihn füglich als ein Purimspiel gellen lassen können; so aber war er nicht einmal bas. Zwei „jüdische" Hörer der Budapester Universität faselten vom politischen Zionismus, der Eine verflieg sich sogar zu einem Donnerruf gegen die — Magyarisirung! ES traten noch andere Redner auf, aber ernst konnte nur der Vortrag deS — man weiß nicht, ob auf Bestellung oder blos zufällig — wie ein äeun ex machina — erschienenen RabbinatSkandidaten Abrahamsohn aus Bern genommen werden» der. vom Schriftverse nM> tis\ ipn ten» ivw . um ausgehend, an der Hand einer treffenden Anekdote, die er mit vieler Verve zitirte, den sehr berechtigten Vorwurf erhob, daß die Juden, welche in der finsteren Macht des Mittelalters durch inniges Zusammenhalten und unerschütterliche Beobachtung ihrer erhabenen Religionsgesetze so Großes leisteten, heute, im Zeitalter deS Lichtes und der Aufklärung, die hehre Idee HeS Judenthums in der unverantwortlichsten Weise negligiren.—: Ein alter Herr, der den ungarischen Freiheitskamps vom Jahre 1848 mitgemacht hatte und eben deßhalb in die Versammlung gezerrt worden zu sein scheint, führte mit einer zur Farce ansqearteten Strammheit den Vorsitz und schloß auch die Versammlung, der er imputirte, die „Gründung eines zionistischen Zwciavereine^ in Budapest zum. Beschluß erhoben zu-habend ^M. D. AuS Ungarn: Einen herben Verlust 'erlitt die jüdische orthodoxe Gemeinde Deva Vanga durch den Heimgang ihres frommen und' Hochgelehrten Rab-