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Der Israelit · 1902-04-03 · Heft 27 (3.4.1902) · page 26

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 27 (3.4.1902)
Date
1902-04-03
Page
– (sequence 26)
Language
German
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614 die letzte Oelüng zu reichen, verließen die Verwandten' und Freunde weinend das Gemach. : Die Rachel richtete sich im Bette auf und starrte den Geistlichen, an: «Was wollen Sie?" keuchte sie mühsauu ' 'y «Sie mit Gott versöhnen, meine Liebe," entgegnete milde der Priester. ' - «Das — das können Sie nicht — Sie nichts ich weiß, mein Gott zürnt —■ zürnt — hören Sie — denn ich habe ihn verleugnet — weil Morny, der Vater meiner Kinder, es wollte — ich habe meinen Gott abgeschworen—^ «Sie kehrten reuig zurück zur alleinseligmachenden Kirche," tröstete milde der Geistliche. . Die Kranke schüttelte energisch das Haupt. «Ich verleugnet« meinen Gott — ich war Jüdin — und bin es — noch — und als — Jüdin möchte ich sterben — sterben. In meiner Kindheit lehrte mich meine gute Mutter das Gebet, mit dessen letztem Wort auch sie starb.!" 7., Der Priester sah die Kranke wehmüthig an, und wollte sprechen, doch diese stieß mit der letzten Krafianstrengung den Geistlichen zurück und rief: „Schema Jsroel!" - - .y Wie ein Geist aus Himmelshöhen starrte der Priester die sterbende Künstlerin an, dann durchzitterte ein Schauer den Körper des Geistlichen, indem er ries: «Adonai Elohenu — Adonai Echad!" «Das Todesgebet meines armen Vaters!" murmelte der Priester und Thränen rollten über die Wangen, «das ich noch hörte, ehe mich mein Vormund — dem Christenihume zuführte!" . - yy.: . Die Rachel hatte sich halb von ihrem Lager erhoben und starrte den Priester an — dann tastete sie nach seiner Hand, umfaßte sie krampfhast — und hauchte «Dank — Dank, wie ist mir wohl, daß ich — Gott — versöhnt!" . ' ' ' - yy:.yy--- \ Der Kopf fiel nach vorn, — eine der größten Künstlerinnen Frankreichs hatte ausgerüngen. Der Priester reichte der Sterbenden die letzte Oelung, dann traten die Verwandten und Freunde in das Zimmer. Der Geistliche segnete sie und entfernte sich schweigend. Elisa Felix, genannt Rachel, die Tochter des jüd. Häusirers Raphtali Felix, die größte Tragödin Frankreichs, liegt auf dem kathol. Kirchhof begraben. Ihr Geliebter, Graf Morny, der Vertraute Kaiser Napoleons Hl., der Vater ihrer Kinder, ließ ihr einen prachtvollen Leichenstein setzen — sie starb als Jüd i n. Adolf Oppenheim, München. ive WerkUZrÄige Iumatbang. In einer neugegründeten Stadt in Südamerika leben eine große Anzahl Deutscher. Diese Leute sind hochpatriotisch, d. h. nicht für Amerika, sondern für Deutschland. Den ganzen Tag singen sie die Wacht am Rhein, sie lassen sich für schweres Geld echt bayerisches Bier kommen, pflegen die deutsche Sprache durch Anstellung von deutschen Lehrern und Ankauf deutscher Litteratur, sie suchen auch in anderen Städten ihres Umkreises deutsche Vereine zu gründen, halten deutsche Versammlungen ab, in denen viel Hurrah geschrieen und unendliche Loblieder auf Deutschland gesungen werden; im klebrigen führen diese Leute ein höchst ungebundenes Leben, wie es die niedrige Stufe der Kultur in jenem Lande mit sich bringt. Die eingeborenen Amerikaner konnten diese Leute nicht recht leiden, sie hätten gerne selbst daS von den Deutschen mit der Arbeit mehrerer Menschenalter urbar gemachte Land in Besitz genommen und deßhalb suchten sie den Deutschen ihr Dasein so viel sie konnten zu verleiden. Die Deutschen beschlossen deßhalb eines Tages, als ihnen die Sache zu bunt wurde und sie den Chicanen fernerhin nicht mehr ausgesetzt'sein wollten, die Rückwanderung in das Mutterland und sie beriefen dieserhalb eine große Versammlung ein. Einstimmig war man darin einig, so schnell wie möglich nach Deutschland zurückzukehren, indeß hatte die Sache doch einige Schwierigkeiten. Wie sollen wir uns, sagten sie, in die engen und kleinlichen Verhältnisse in Deutschland gewöhnen können, wir, die wir hier ein so ungebundenes Leben von frühester Jugend auf führen, unsere Söhne können doch unmöglich deutsche Soldaten werden und auch wir können die unendliche Fülle der deutschen Gesetze, wie Sonntagsruhe, Deklarationszwang, unlauterer Wettbewerb, Börsengefetz u. s. w., nicht halten. Wir sind der Ansicht, daß viele der deutschen Gesetze unbillig, ja geradezu schädlich wirken. Man beschloß deßhalb eine Abordnung an die deutsche Reichsregierung zu senden, in der man ihr mittheilte, daß man gerne nach Deutschland auswandern würde, indeß verlange man Befreiung vom deutschen Reichsgesetz und vom Bürger!. Gesetzbuch, man solle sie thun lassen, was sie. wollten. Man kann sich wohl denken, mit welchem Erfolge die Abordnung ihre

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