Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 27 (3.4.1902)
- Date
- 1902-04-03
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
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615 Mission ausführte. Sie wurde verlacht und verhöhnt und noch jahrelang waren sie der Spott der ganzen Welt. Was wollen nun die Zionisten anders, als die thörichten, der Fantaste des Schreibers dieser Zeilen entsprungenen Deutschen? Sie wollen Rückkehr in das jüdische Land, aber das jüdische Gesetz wollen-sie nicht beobachten. Aber der König dieses Landes, der König aller Könige, läßt sie nicht hinein, bis sie sich entschließen, dem jüdischen Gesetze die Treue zu halten.die ihre Väter geführt durch die Jahrtausende der Ver-! bannung. - .Ttcn rcwa jwts? r e it ö d e Gellend pfiff die Lokomotive, und alsbald setzte der Zug sich in Bewegung, und sausend fuhr er dahin über die endlose Ebene. Ganz oben am Bahnhof stand der kleine Jakob mit vorgebeugtem Leib und schaute dem rasch enteilenden Zuge nach, so lange, bis ihm die Augen weh thaten, und er nichts mehr erkennen konnte, als grauen Nebel. Da raffte er sich auf, drehte sich langsam um, und mit leisen, scheuen Schritten ging er durch die engen, schmutzigen Gassen des Städtchens, bis er in eine Gasse kam, die die engste war und die schmutzigste von allen, und da stand er vor einem baufälligen Haus still und schritt hinein. Hier wohnte sein Vater und seine' noch ganz jungen Geschwister. Die mußte alle der Vater ernähren, und deßhalb arbeitete er —■ er war näm-. lich Schneider — den ganzen Tag, ohne Ruhe und ohne Rast. — Auch heute saß er schon auf dem alten Tisch mit gekrümmten Rücken und hielt ein paar Lappen in der Hand, die er eifrig zusammennähte. Und der kleine Jakob setzte sich neben ihn auf den Tisch, ergriff auch einen Lappen, krümmte den Rücken und begann ebenfalls zu nähen. Aber es wollte ihm heute gar nicht gelingen, mehrmals stach er sich in den Finger, daß das helle Blut herausfloß. Traumbefangen sah er, wie das Blut den Lappen netzte, seine Gedanken weilten ganz anderswo, weilten dort bei dem raschen Zug, der sausend dahinfuhr durch die tveite Ebene. Denn dieser Zug entführte ihm seinen einzigen Freund, einen Christen, den schönen Bruno, weit fort, weit nach dem fernen Deutschland, auf lange Zeit, vielleicht auf immer. Ja, der schöne Bruno war der einzige Freund des kleinen Jakob. Außer seinem Vater durfte lein Jude wohnen im ganzen Städtchen, und so war er ganz einsam aufgewachsen. Da er sechs Jahre zählte, hatte der Tod ihm seine Mutter dahingerafft, und der Vater hatte doch immer zu thun, und die christlichen Knaben, die waren so grausam und quälten ihn, schlugen ihn sogar, und das that so weh. Nicht seinem Körper, denn der war ja abgehärtet durch Hunger und Kälte, aber stimm Herzen, denn das war so weich, so zart, und das wollte lieben, die da schlugen, und das wallte so warm entgegen denen, die es quälten. Und wenn er dann oft weinte, da trocknete ihm der Vater die Augen mit dem Lappen, den er gerade nähte, und tröstete ihn, aber, das half ja nicht lange. So war er lange ganz einsam gewesen, bis auf einmal der Bruno kam. Der hatte einen vornehmen Oheim im Städtchen, unter dessen Leitung er das Gymnasium besuchen sollte. Jakob hatte ihn oft den Weg dahin gehen sehen. Er war so fein angezogen, und er. war so heiter, so vergnügt und so schön, Jakob wagte ihn kaum anzusehen. Aber einmal, da hatten die bösen Gassenjungen ihn wieder geschlagen, und das hatte der Bruno gesehen; da war er herbeigesprungen, mitten unter die Gassenjungen, trotzdem sie so viele waren, und er doch mp einer, und ganz zornig war er gewesen und hatte sie schließlich verjagt, dann dem Jakob die Thränen abgewischt mit seinem feinen Taschentuche und hatte so freundlich mit ihm gesprochen, ganz wie der Vater. Jakob schaute ihn zuerst ganz überrascht an und wußte nicht, was er sagen sollte, aber schließlich stürzte er vor. ihn hin und preßte ihn an sein wildschlagendes, weiche? Herz, und Bruno wehrte ihm gar nicht, trotzdem Jakob ein Jude war, lächelte ihm sogar noch liebreich zu. Damals hatten sie Freundschaft geschlossen, treue Freundschaft, und jeden Tag gingen sie nun zusammen ihren Weg, Bruno in's Gymnasium, Jakob in die Volksschule, denn beide Häuser lagen nebeneinander. Das waren schöne Zeiten, die sie damals verlebten. Doch rasch schwand ein Jahr nach dem andern, und schließlich verließ Jakob die Volksschule,, um Schneider zu werden auf dem Tische seines Vaters, .während Bruno noch immer in's Gymnasium ging. Und mit. jedem Tag ward Bruno schöner, gescheiter und gelehrter, aber Jakob, der blieb eben der kleine Jakpb mit der großen Nase, den trüben Augen und dem hohlem eingefallenen Gesichts Da zog er sich.immer: scheuer von. Bruno zurück, denn ewig quälte ihn der.Gedanke, warum nicht auch er so schön und so gelehrt sein dürfe, wie der Bruno, und da wurde er neidisch auf B.runo.