Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 43 (1902)
- Issue
- Heft 27 (3.4.1902)
- Date
- 1902-04-03
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
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607 nächst eine geschäftliche Angelegenheit. Darauf «öffnete der Vorsitzende die Diskussion über das Samuel'sche Referat „Aus der Methodik des bibl. Geschichtsunterrichts, speziell der Unterstufe." Die Debatte befaßte sich hauptsächlich mit der Frage, ob die Auswahl des Lehrstoffes für die Unterbezw. Vorstufe besser aus dem ganzen Gebiete der Bibel oder im Wesentlichen nur aus den Pentateuchschristen zu treffen sei. Auch von den Vertretern der erstgenannten Ansicht wurde zugestanden, daß die Pentateuch-Geschichten beim Unterricht der Kleinen in jedem Falle eine besondere Berücksichtigung verdienen. Zur besseren praktischen Verständigung übernimmt es der Referent am Ende, in Gemeinschaft mit einigen anderen Kollegen einen spezialisirten Lehrplan nach seinen Grundsätzen auszuarbeiten. Daraufhin soll dann eine weitere Diskussion über die Frage stattfinden. Ueber einige andere streitige Punkte einigte man sich auf der Grundlage der vom Referenten geäußerten Ansichten. Den zweiten Gegenstand der Verhandlung bildete ein Referat des Herrn Birnbaum über die musikalisch-wissenschaftliche Studie „Judenschul — Christenschul." Redner führte aus: das Wort „Judenschul," als Bezeichnung für das jüdische Gotteshaus, kommt bereits im neuen Testament vor. Im Sinne eines Schimpfwortes findet man das Wort „Jude" bezw. „Judaens", wie erst in dem jüngst erschienenen Schluß^ Heft der Regesten von Armins (Berlin 1902) nachgewiesen wird, zum ersten Male im Jahre 1192. Für „Judenschul" und „Es geht zu wie in einer Judenschul," im gleichen verächtlichen Sinne, nahm ..man nach Schudt II. bisher Wagenseil's „Freundliche Erinnerungen" (Nürnberg 1707) als Quelle. an. Referent glaubt aber, dem Worte einen älteren Und zwar musikalisch-theatralischen Ursprung Nachweisen zu können, indem er die musikalische Einlage einer Judenscene in die 1694 erschienene Comedia Harmonie« (Oper) des Komponisten Orazio Vecchi als Ausgangspunkt jener Bezeichnung hält. Diese vom Standpunkte des unbetheiligten Zuschauers höchst ergötzliche, lärmende Judengebetsscene gab dem ganzen Werke seine Bedeutung, daß es dadurch nicht bloß zu den beliebtesten Madrigalen des 17. Jahrhunderts zählte, sondern auch ausdrücklich unter der Bezeichnung „Judenschul" (vielfach ohne Nennung des Komponisten) in die deutsche Madrigallitteratur ausgenommen wurde (so im „Musikalischen Zeitvertreib«", Nürnberg 1609), obgleich das Werk 1697 unter dem Titel „l'Amfiparnaso" herausgekommen war. Das Werk ist neuerdings von Rob. Eitner als Publikation der Gesellschaft für Musikforschung, Leipzig, Breitkopf und Härtel 1902, herausgegeben. Die Popularität dieser «Judenschul" schuf dann das Wort: „Es geht zu, wie ' m.einer Judenschul." sofern nian damit sagen wollte, daß Jemand ein „Geschrei führet, daß Niemand sein eigenes Wort vernehme." (Schudt.) Als Zerrbild der Synagoge fand die „Judenschul" im Laufe der Zeiten noch manche Nachahmung, so z. B. in der „Hebräischen. Cantate," die im „Nasenton" gesungen werden muß; ferner in der von Mozart komponirten „Judenschul," die erst im vorigen Jahre von der Kgl. Bibliothek zu Berlin angekauft worden. Die letzte „Judenschul", .als ganzes Theaterstück, wurde 1815 aufgeführt, nur mußte, auf Protest der Juden der Titel des Stückes, umgeändert werden. Das Stück kam dann unter dem Namen „Unser Verkehr" überall zur Aufführung. In Königsberg' hat es sogar, wie Grätz und Jolowicz anführen, ein Gegenstückchen gezeitigt,, dessen Verfasser ein Christ war» Wie dem Referenten von dem verstorbenen Kantor Näthansohn in Magdeburg erzählt worden, wurden in diesem Theaterstück wirkliche Synagogenmelodien vorgetragen. Interessant ist nun, daß es neben der „Judenschul" auch eine „Christenschul" in Gestalt eines Kirchenliedes, von Schedlich, gibt, beginnend mit den Worten: . „Gehet in die Christenschul". (Nürnberger Gesangbuch vom Jahre 1676.) Zum Schlüsse gab der Referent noch einen interessanten Ueberblick über die Beziehungen der Juden zum Theater im allgemeinen, sowohl als litterarische Bühnenpersonen, wie auch als mitwirkende Sänger, Schauspieler, Theaterdichter etc., erwähnte u. a. auch ein dreibändiges Werk „Teatro ebraico", das den Bibliographen bisher unbekannt geblieben, aber in seinem Besitze sei. Im Hinblick auf das Purimfest wurden dabei natürlich auch die Purimspiele nicht vergessen. Die Versammlung setzte als Termin der nächsten Vereinssitzung den 10. April fest. Den Vortrag des Wends übernahm Herr Peritz, der über „Jugendlitteratür". sprechen wird, .- >. Ählem bei Hannover. Dem Bericht über die „Israelitische Erziehungsanstalt zu Ahlem bei Hannover" für das Jahr 1901 entnehmen wir: Seit der Abfassung des vorigen Berichts haben 16 Lehrlinge ihre Lehrzeit beendet; es sind somit im Ganzen bislang 68 Lehrlinge ausgebildet' worden. Wir sind, wie früher, bemüht gewesen, mit unseren ehemaligen Zöglingen in Verbindung zu bleiben, zu welchem Zwecke unser Inspektor Silberberg einen regelmäßigen Briefwechsel mit ihnen zu unterhalten sucht. Soweit wir dadurch in Erfahrung gebracht haben, ist die gegenwärtige Lebenslage der ehemaligen Lehrlinge die folgende:.. Als Gärtner befanden sich in Stellung:-. 28;-;ti Deutschland, 5 in Oesterreich, 12 in Nordamerika, 2 in Rußland, 1 in Frankreich, 1 in der Schweiz,, zusammen 49 Gärtner, dazu 1 Tischler (in. Nordamerika)/ ergibt 60 Zöglinge, die, wie wir wissen, den Beruf aüsübem den sie auf der Anstalt erlernt haben. - Vön dett übrigen 18 haben wir Folgendes zu . berichten: . 9 erfüllen ihre Militärpflicht und werden nach ihrer Entlassung wieder zu ihrem alten Beruf zurückkehren, 7 haben einstweilen, ihren Beruf gewechselt, 2 ha^n uns in jüngster Zeit.