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Der Israelit · 1902-07-10 · Heft 55 (10.7.1902) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
43 (1902)
Issue
Heft 55 (10.7.1902)
Date
1902-07-10
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Leitsvermittelungsstellen. Eine falsch angewandte Wohlthätigkeit könne nur schaden; namentlich sei auch das Ausstellen von Empfehlungsschreiben nur schädlich. Schließlich gehöre in das Gebiet der sozialen Frage die thatkräftige Unterstützung aller gleichgesinnten Vereinigungen. Der Redner schloß mit dem Ausdruck der Hoffnung, daß auch der Rabbinerverband durch fleißige Mitarbeit an dem großen Friedenswerk ein sozialer Faktor im Judnthum und im Vaterland werden möge. (Beifall.) In der Diskustion führte Dr. Plaut-Frankfurt Fälle aus seiner Praxis an, in denen es ihm gelungen sei, gefallene Mädchen auf den Weg der Besserung zurückzubringen. Der Frankfurter Verein für weibliche Fürsorge habe darin auch ganz gute Erfahrungen gemacht. Gegen 3 Uhr Nachmittags wurden die Verhandlungen auf Dienstag vertagt. Nachmittags V*6 Uhr fand die Eröffnung der Ausstellung hebräischer Druckwerke in der Stadtbibliothek in Gegenwart der Mitglieder des deutschen Rabbinerverbandes statt. Dr. E b r a r d begrüßte die Versammelten und betonte, daß es ihm eine besondere Genugthuung sei, diese von ihm schon seit langem geplante Ausstellung zusa rnmen mit den Herren Rabbinern eröffnen zu können. Er hob besonders hervor, wie die hebräische Abtheilung der Stadtbibliothek, Dank dem einmüthigen Zusammenwirken der Stadt mit einigen opferwilligen und patriotischen Bürgern, in der kurzen Zeit von 10 Jahren sich zu namhafter Bedeutung entwickelt habe. Rabbiner Dr. H o r o v i tz dankte im Namen des Verbandes auf das Herzlichste, sprach besonders seine Freude darüber aus. daß hier einmal ein städtisches Amt auch der Rabbiner gedacht habe. Es zeige sich wieder, daß die wahre Wissenschaft versöhnend und mildernd die Confessionen vereine. Bibliothekar Dr. Freimann führte dann die Gäste' durch die Ausstellung und gab zu den einzelnen Stücken seine anregende und belehrende Erläuterungen. Die Verhandlungen wurden Dienstag Vormittag im Saal der Loge Karl wieder eröffnet. Zunächst theilte der Vorsitzende, Dr. H o r o v i tz, mit, er werde sich bemühen, daß ein Vertreter des Rabbinrverbandes an dem Frankfurter Kongreß zur Bekämpfung des Mädchenhandels zugelassen werden möge. Dann sprach Eschelbacher-Berlin L^rr das Thema: „Was ist für die religiös-sittliche Erziehung der schulentlassenen Jugend zu thun?" Am Schluß seiner Ausführungen schlug der Referent folgende These vor: „Zur Erhaltung des religiösen Sinnes der Jugend und zur Förderung des jüdischen Wissens empfiehlt der Rabbinerverband die Gründung von Jünglings- und Mädchenvereinigungen, die nach dem Vorbild der bereits in Berlin, Frankfurt. Stuttgart, München und an anderen Orten bestehenden Vereinen eine edle Geselligkeit und einen freundlichen Verkehr der Mitglieder untereinander pflegen, ihnen in der Fremde eine Heimath bieten, durch Unterricht und Vorlesungen über Gegenstände jüdischer Litteratur und Geschichte ihr jüdisches Wissen mehren und die Liebe zur angestammten Religion stärken." . . v:.'v.; In dem Vortrag von Eschelbacher, der u. Ä. den Frankfurter Verein Montefiore.—derselbe zählt 700 Mitglieder — rühmend hervorhob^ wurde auch der jüdischen Studentenverbindungen gedacht und dabei erwähnt, daß sie im Ganzen auf zionistischer Grundlage stehen. Der Streifzug in das zionistische Gebiet — der Referent betonte übrigens schließlich, er selbst sei nicht Zionist — gab Einigen, auch dem Vorsitzenden, Veranlassung zu dem Vorschlag, in keine Diskussion überden Vortrag einzutreten, sondern lediglich zu der These, aber-nur zu dieser, die Zustimmung der Versammlung zu erklären. Der Vorsitzende, der die Verhandlungen als geschickter Diplomat leitet und die nähere Erörterung über jede allzu zwiespältige Frage ängstlich zu vermeiden sucht, meinte, der Referent habe zwar nicht die Absicht gehabt, . den Zionismus in die Debatte zu werfen, aber die Gelegenheit habe ihn dazu . verlockt. Fast eine halbe Stunde dauerte die Aussprache über die Frage: Diskussion oder keine Diskussion und lediglich Annahme der These? Der Gang der Verhandlungen wurde immer lebhafter. Das Bureau konstatirte einstimmig Annahme des Vorschlags: „Keine Diskussion." Da sich aber heftiger Widerspruch gegen diese Schätzung erhob, nahm man eine Zählung vor. Das Resultat war Eliminirung des zionistischen Erisapfels mit 36 gegen 22 Stimmen. Zugleich ist die These damit angenommen.*) Ueber die zu gründende Pensions - und Re - l i k t e n k a s s e berichteten Dr. Munk- Marburg und V o g e l st e i n-Stettin. ' Der ganze Entwurf wurde schließlich einem Ausschuß überwiesen. Dieser soll das Ergebniß seiner Verathungen dem Centralausschuß unterbreiten, der dann die Satzungen endgiltig festzusetzen hat. Prager- Kassel sprach sodann über die Seel - sorge der Strafgefangenen. Bis zum Jahre 1897 wurden sämmtliche jüdische Strafgefangene in zwei besonderen Anstalten untergebracht, die sich in Köln und Rawitsch befanden. Seitdem ist das anders geworden. Die 214 jüdischen Gefangenen des Jahres 1901 vertheilen sich auf 24 verschiedene Strafanstalten. ' Für ihre Seelsorge muß auch etwas geschehen; dem Redner ist namentlich ein Punkt aufgefallen. Die Gefängnißverwaltungen beschaffen gern erbaulichen, und anderen geeigneten Lesestoff für die Gefangenen; aber es fehlt an einer jüdischen Volkslitteratur in - . Deutschland, während es z. B. im Osten volksthümliche. im „Jargon" geschriebene jüdische Bücher giebt. Es •) Dgl» den in dieser Nummer enthaltene Bericht über die am selben Abend slattgehabte Zionistenoersammlung.

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